Eddie Murphy: Das Hirn ist der Feind der Komik

Eddie Murphy in »Der Prinz aus Zamunda 2« (2021).© Amazon Studios

Eddie Murphy in »Der Prinz aus Zamunda 2« (2021).© Amazon Studios

In den Achtzigern war er Hollywoods Großverdiener. Und er verkörperte perfekt den Geist dieses unbekümmerten Jahrzehnts. Jetzt legt Eddie Murphy als Prinz von Zamunda in »Coming 2 America« einen seiner Erfolge wieder auf. Ein Porträt von Birgit Roschy

Es  ist kaum möglich, sich ihn ohne die »Axel F«-Titelmelodie aus »Beverly Hills Cop« vorzustellen. Die funky Beats aus den Synthesizern des Filmkomponisten Harold Faltermeyer haben sich ins Ohr hineingewurmt, untrennbar verbunden mit dem Cop in Sneakers, der die feinen Pinkel in Los Angeles aufmischt. Es sind nicht nur der elektrisierende Soundtrack und die Energie des damals 23-jährigen Eddie Murphy, die diese Krimikomödie von 1984 zum Inbegriff der Unbekümmertheit eines ganzen Jahrzehnts machen. Underdog Axel war mit seinem Feuerwerk an lockeren Sprüchen und seinem Hoppla-jetzt-komm-ich-Temperament, mit dem er die Regeln der Polizeiarbeit und die ungeschriebenen Gesetze zwischen Schwarz und Weiß brach, aufregend cool – und ein Zeichen dafür, dass etwas in Bewegung geraten war.

So wie Sylvester Stallone in den Achtzigern die Ikone des Actionfilms war, so galt Eddie Murphy bis in die Neunziger als Hollywoods beliebtester Komiker. Sein Nimbus nahm auch nach den vielen Flops unter den bis jetzt 33 Kinofilmen, in denen er auf der Leinwand zu sehen war, keinen Schaden. In Deutschland ab der Jahrtausendwende fast aus dem Blickfeld verschwunden, feierte er in den USA in den Zehnerjahren seine größten Erfolge als Synchronstimme von Drache Mushu im Zeichentrickmärchen »Mulan« und als Esel Donkey in vier »Shrek«-Animationskomödien. Unter seinen Filmen in jenen Jahren ragt das Musical »Dreamgirls« (2006) hervor, das ihm für seinen Auftritt als Soulsänger eine Oscarnominierung bescherte. Dennoch galt Murphys gefeierte Hauptrolle in der biografischen Netflix-Komödie »Dolemite Is My Name« (2019) als Comedy- und Rap-Legende Rudy Ray Moore wieder einmal als Comeback. Man könnte auch sagen: Er ist, indem er für würdig befunden wird, historische Charaktere zu imitieren, in der Spätphase seiner Karriere angelangt, er hat es vom tiefergelegten U- ins preiswürdige E-Fach geschafft. Im Falle von Eddie Murphy, der sich als Außenseiter im weißen Mainstreamkino eigenhändig seine Nische gebaut hat, ist dieser Aufstieg in puncto Kreativität jedoch ein Rückschritt.

Murphy, für den beruflich das komödiantische Timing entscheidend ist, hatte das Glück, zu einer Zeit entdeckt zu werden, in der sich der bürokratische Terminus »afroamerikanisch« noch ebenso wenig durchgesetzt hatte wie andere Sprachregelungen und -verbote. Und wäre er ein paar Jahre früher geboren, so wäre er vielleicht, wie Rudy Ray Moore, eine Blaxploitation-Kultfigur geworden. Geld und Ruhm aber wären ihm, dem bestverdienenden Schauspieler der achtziger Jahre, vermutlich verwehrt geblieben. Als Kind bewunderte er den Stand-up-Comedian Flip Wilson, weil er als einziger schwarzer Darsteller öfter im Mainstreamkino zu sehen war. Auch ­Murphy war seinerzeit eine Ausnahme, öffnete aber mit seinem Erfolg die Türen für andere schwarze Darsteller.

1961 in Brooklyn geboren, wusste er früh, was er wollte und trat schon mit 15 Jahren in kleinen Clubs auf. Mit 18 Jahren bewarb er sich bei der »Saturday Night Live«-Fernsehshow, unter anderem mit einer Parodie auf Jimmy Carter, und wurde engagiert. Es ist dem noch im Stimmbruch kieksenden, quirligen Jungspund zu verdanken, dass die legendäre Show, die wegen schlechter Quoten fast abgesetzt worden wäre, gerettet wurde. Vielen »SNL«-Komikern gelang der Wechsel ins Kino, doch keiner erreichte die ungeheure Popularität von Eddie Murphy. Neu waren nicht nur die mit Kraftausdrücken gepfefferten Witze, sondern auch die bissigen Sketche über schwarz-weiße Konfliktlagen. Sein beliebtester Running Gag war der mit breitem Krokodilsgrinsen auftretende Mr. Robinson, der klaut, die Miete prellt und in einem heruntergekommenen Haus wohnt. »I move in, you move out«, war, passend zu dem als »White Flight« bekannten Phänomen, einer seiner Sprüche. Nach Murphys Rückkehr zu »SNL« 35 Jahre später hat sich die Situation umgekehrt. Jetzt erklärt Mr. Robinson, inzwischen Hausbesetzer, das Phänomen der Gentrifizierung als Zaubertrick: »Weiße bezahlen einen Haufen Geld, und puff!, alle Schwarzen sind weg.«

Heutzutage zuckt man nicht nur angesichts der alten »SNL«-Witze zusammen, die, obzwar ironisch, derb rassistische Klischees bedienen. Auch die Krimikomödie »Nur 48 Stunden« von 1982, in der Eddie Murphy seinen ersten großen Kinoauftritt feierte, strotzt von provokativen N-Schimpfwörtern. Sie kommen meist aus dem Munde von Nick Nolte in der Rolle eines bärbeißigen Cops, der wegen einer Mordermittlung den von Eddie Murphy gespielten Hustler aus dem Gefängnis holt. Die Händel des Duos entwickeln sich nicht nur zu einer der ersten schwarz-weißen »Bromances« des zeitgenössischen Kinos. Wenn Murphy in einer Südstaatenkneipe eine Horde Rednecks mit seinem Slang an die Wand nagelt, ist dies ein wahrhaft denkwürdiger Moment. Das N-Wort wird in Jon Landis' Komödie »Die Glücksritter« (1983) auch von »SNL«-Kollege Dan Aykroyd in der Rolle eines naiven Millionenerben ausgesprochen. Ausgangspunkt der gefinkelten Intrige ist die Streitfrage »Nature vs. Nurture« – Was prägt den Menschen: Natur oder Erziehung? –, ein Sozialexperiment reicher Investmentbanker, die einen Rollentausch zwischen dem Erben und einem von Eddie Murphy gespielten Kleinganoven einfädeln. Die beiden tun sich jedoch zusammen, um sich zu rächen, wobei Aykroyd, Achtung Blackfacing!, sich zum Rastafari schminkt: Anarcho-Komik vom Feinsten.

In einem Streitgespräch von 1990 versuchte Regisseur Spike Lee, Eddie Murphy für die Idee der »affirmative action« zu begeistern: Er könne mit seiner Marktmacht Studios dazu zwingen, mehr schwarze Akteure zu engagieren. Murphy, der tatsächlich viele schwarze Darsteller, darunter Samuel L. Jackson, Halle Berry und Chris Rock, förderte, macht ihm beredt klar, warum er sich nicht vor diesen Karren spannen lassen will. Das Gespräch, in dem er sich außerdem dafür verteidigen muss, ein Elvis-Fan zu sein, offenbart neben den Anfängen der Identitätspolitik die Zwickmühlen, in denen ein schwarzer Promi wie Murphy damals steckte. Die einen nahmen ihm übel, dass er sich, wie weiße Stars, einen Ferrari und exzentrische Allüren leistete – und die anderen, dass er nicht mehr für seine »brothers« tat. Er werde von der Öffentlichkeit permanent beäugt und überdies in die Rolle eines Politikers gedrängt – wo er doch zuallererst Künstler und Entertainer sei, sagt Murphy. Und als solcher will er nicht auf seine Hautfarbe reduziert werden.

Doch Spike Lee hat ja auch recht: Da das Hollywoodkino jener Tage noch nicht »farbenblind« sein wollte, schien selbst ein Star wie er, anders etwa als Robin Williams, der seine Karriere ebenfalls als Schlappmaul begann, auf Actionkomödien beziehungsweise ­Sequels beschränkt gewesen zu sein – ohne die Chance, sich als Teil eines weißen Ensembles auch in Liebeskomödien oder Dramen zu beweisen. Viele der Filme nach seinen ersten Kassenhits erwecken den Eindruck eines Ausprobierens entlegener Genres, meist mit nichtweißen Darstellern, wobei Murphy, aus purem Spaß an der Freud', auch Mehrfachrollen übernahm. Doch seine bisher einzige Regiearbeit »Harlem Nights«, eine in den dreißiger Jahren spielende Gaunerkomödie, in der er an der Seite seines großen Vorbilds, des Stand-up-Comedians Richard Pryor, auftrat, fand vor der Kritik so wenig Gnade wie die romantische Komödie »Boomerang« mit ihrem schwarzen Allstar-Ensemble, darunter Eartha Kitt, oder die in Tibet angesiedelte Fantasykomödie »Auf der Suche nach dem goldenen Kind«. Er spielte außerdem einen Blutsauger in der Horrorkomödie »Vampire in Brooklyn«, einen Außerirdischen in »Mensch, Dave« und einen seltsamen Heiligen in »Der Guru«.

Ebenso originell wie wirkmächtig hingegen war die Erfolgskomödie »Der Prinz aus Zamunda« von 1988, deren Sequel nun anläuft. Das fiktive afrikanische Königreich Zamunda, aus dem Murphy als abenteuerlustiger Prinz inkognito ins New Yorker Queens reist, ist die muntere Blaupause der, ganze 30 Jahre später, bierernst möblierten Wakanda-Utopie, Heimat von Superheld »Black Panther«. Zamunda ist zugleich exotische Versailles-Version und feuchter Jungstraum. Der Thronfolger wird beim morgendlichen Lever-Zeremoniell nicht nur à la Louis XIV. von Höflingen beim Stuhlgang umsorgt, sondern badet anschließend mit pflichtbewusster Miene mit nackten Kammerzofen. Wie gesagt: In Murphys Filmen ist die Komik meist konsequent tiefergelegt. Doch die parodistische Spiegelung eines europäischen Königshofs ist auf entwaffnend lässige Weise entlarvend. Nebenbei zeigt der Film mit seinem komplett schwarzen Ensemble, dass Rassismus eher ein Symptom des Klassenkampfs und der gesellschaftlichen Hackordnung ist. Wird doch der vermeintlich arme Akeem von dem Verlobten seines Schwarms als primitiver afrikanischer Ziegenhirte gedisst.

Murphys kühne Filmgags sind ein schwacher Abklatsch seiner Auftritte als Stand-up-Comedian, der für volle Hallen mit vor Lachen kreischenden Zuschauern sorgte. Er keilte gegen alles und jeden, gegen Chinesen, Italiener, und, mit atemberaubendem Sexismus, gegen Frauen. Seine Gags über Homosexuelle, darunter – da war er 21 Jahre alt – ein Bezug auf eine neue Geschlechtskrankheit, die später Aids genannt wurde, bescherten ihm Jahre später einen der ersten Shitstorms des Showbusiness. Murphy, der schon damals eine große Kinderschar versorgen musste (inzwischen sind es zehn), entschuldigte sich öffentlich und hielt daraufhin den Mund.

Doch auch seine Erfolgskomödie »Der verrückte Professor« (1996), ein Remake von Jerry Lewis' Film, wäre heute nicht mehr möglich. Murphy spielt einen 400 Pfund schweren Professor, der ein Wundermittel einnimmt, das ihn zu dem schlanken, aggressiven Macker Buddy Love schrumpfen lässt. Murphys Liebe zur Stand-up-Comedy beweist jene denkwürdige Szene, in der Buddy Love als Zuschauer in einem Club einen jungen Stand-up-Comedian ­(Dave Chappelle, später selbst ein Star) im Stil eines Rap-Duells mit ­»Deine Mutter!«-Witzen von der Bühne fegt: »Deine Mutter ist so fett, dass . . .« gefolgt von aberwitzigen Vergleichen. Das frenetische fat-shaming wird, klar, durch die Botschaft, dass nur die inneren Werte zählen, aufgehoben. Ziemlich haarsträubend ist aber auch die Familie des Profs: Vier schwergewichtige Mitglieder werden ebenfalls von Murphy verkörpert und liefern sich einen Furzwettbewerb. In der Fortsetzung wird Buddy Love (Murphy) von seiner eigenen Großmutter (Murphy) sexuell bedrängt.

»Das Schlimmste, was man machen kann, ist, ans Komische intellektuell ranzugehen. Schalt dein Hirn ab, wenn du witzig sein willst. Witzig ist immer, was sich furznatürlich ergibt«, so formulierte er im Interview sein Credo. Als Komiker ist er, neben seiner wortwitzigen Entlarvung der »basic instincts« des Menschentiers, besonders als Imitator ganz bei sich. Mit seiner treffsicher überspitzten Darstellung individueller Eigenarten beweist er eine geradezu unheimliche Aufgewecktheit. Apropos Blackfacing: Murphy hat seit jeher, und nicht nur als Aerobic-Trainer in »Der verrückte Professor«, das »Whitefacing« praktiziert. Er spottet sogar über sich selbst: als bedepperter Doppelgänger eines ahnungslosen Stars in »Bowfingers große Nummer«. In seiner Glanzzeit hat der geniale Eddie Murphy, fast im Alleingang, mit seinem hemmungslosen Anarcho-Witz die Farce wieder belebt. Und erinnert daran, wie herrlich man sich im Mainstreamkino einst unter Niveau amüsieren durfte. 

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