Fantasy Film Fest: Mehr als nur Zombies
Eine Erfolgsgeschichte: Das Fantasy Film Fest findet bereits zum 40. Mal statt
Gerade beim Eröffnungsfilm, der ja für jedes Festival im besten Fall Statement und Zugpferd zugleich sein soll, hat das FFF mit eher kleinen und ungewöhnlichen Filmen in den letzten Jahren eine gute Hand bewiesen, sieht man von dem missratenen englischsprachigen Remake »Speak No Evil« ab, das 2024 kaum etwas von der Verstörung des dänischen Originals zu bewahren vermochte.
In den ersten Jahren bestand das Programm aus den Premieren von Filmen, die oft bald darauf ohne eine vorherige Kinoauswertung in Deutschland im Home-Entertainment-Bereich herauskamen (seinerzeit noch als Videopremiere, dann als DVD, Blu-ray und jetzt in 4K). Ergänzt wurde es um Klassiker oder Vergessenes, das Rainer Stefan aus seiner eigenen Sammlung von 16-mm-Filmkopien beisteuern konnte. Später konnte man hier auch amerikanische Großverleiher gewinnen, ihre Filme vor einem so aufgeschlossenen wie enthusiastischen Publikum zu testen. Das scheint inzwischen wieder rückläufig zu sein (so wie sie sich auch bei anderen Festivals zurückhalten), aber dafür gibt es ja genügend unabhängige Firmen, die sich über solche Plattformen freuen. Wie zu jedem Festival sind auch hier die Gäste ein nicht unwichtiger Bestandteil, die sich zumal bei einem Genrefestival immer auf enthusiastische Fans freuen dürfen. Blättert man die alten Kataloge durch, ist schon beachtlich, wer hier alles zu Gast war. Vom mittlerweile weltberühmten Peter Jackson bis zu Genre-Ikonen wie Clive Barker, Paul Naschy oder Jack Hill.
Das diesjährige Jubiläum haben die Veranstalter nicht nur zur Wiederaufführung von mehreren Filmen genutzt, die in früheren Jahren hier liefen, sondern auch für ein umfangreiches Zusatzangebot auf ihrer Website. Dort kann man in sämtlichen Katalogen der früheren Veranstaltungen blättern und für die Dauer des Festivals (also bis zum 30. September) im Jubiläumsjahr 40 Kurzfilme aus 40 Jahren sehen.
Auch die vollständigen Interviews mit vielen der diesjährigen Regisseure, von denen Ausschnitte im Anschluss an die Filmvorführung im Kino zu sehen sind, kann man sich dort anschauen.
Das Programm im Jubiläumsjahr
Ja, die unvermeidlichen Zombies gibt es auch, allerdings nicht so gehäuft wie in früheren Jahrgängen, dafür diesmal als Weihnachtszombies (»Unholy Night«). Dafür stehen diesmal gleich mehrere Filme auf dem Programm, die das Motiv des Doppelgängers behandeln. Die komödiantische Variante bietet der französische »The Better Me« (im Original: »Alter Ego«) von Nicolas & Bruno. Laurent Lafitte spielt den unzufriedenen Angestellten, der eines Tages entdeckt, dass sein neuer Nachbar sein Doppelgänger ist – zumindest sieht er das, seine Ehefrau bestreitet es. Immer größer wird seine Obsession, zumal als der Nachbar (gesegnet mit vollem Haar statt Halbglatze) auch noch in seinem Betrieb anfängt, natürlich in einer herausgehobeneren Stellung. Wer erwartet, dass diese Besessenheit sich am Ende als Einbildung erweist, darf sich auf eine Reihe verblüffender Wendungen im letzten Akt gefasst machen. Der Film hat einen deutschen HE-Anbieter, ich hätte ihm auch einen Kinostart gegönnt.
Um eine Obsession geht es auch im neuen Film von Quentin Dupieux, der mit »Vertiginous« (»Le Vertige«) seinen ersten Animationsfilm vorlegt, in dem es gewohnt absurd zugeht. Die Animationen sind einfach gehalten, das Vergnügen kommt ganz aus der von Alain Chabat gesprochenen Figur. Die überrascht ihren besten Freund eines Abends mit der Verkündung, er habe herausgefunden, dass sie alle in einer Simulation leben, und zählt reichlich Beispiele dafür auf. Überzeugender ist allerdings die Tatsache, dass es bei dem Baby, das die Ehefrau des Freundes gleich darauf überraschend zur Welt bringt, auch einige Merkwürdigkeiten gibt...
Ein schönes Beispiel absurden Kinos bietet auch der japanische »You Are the Film«. Mit seinem Regiedebüt setzt Makoto Ueda konsequent das fort, was er als Drehbuchautor bei »Beyond the Infinite Two Minutes« praktiziert hatte. Hier sieht eine Theaterautorin im Kino einen Film über einen Rockmusiker. Woraufhin die Erzählperspektive wechselt zu dem Musiker, der im Kino einen Film über eine Theaterautorin sieht. Bald tritt die Person auf der Leinwand mit der im Kinosaal in Kontakt, später treffen sie sich vor der Leinwand wieder. Die Geschichten erweisen sich als miteinander verflochten, während die eine in den Gangsterfilm abdriftet, bekommt die andere als Science-Fiction-Space-Opera kosmische Dimensionen.
Zu den komödiantisch unterfütterten Beiträgen wäre auch noch der irische »The Restoration at Grayson Manor« von Glenn McQuaid zu rechnen, der vor allem von den spitzzüngigen Wortduellen zwischen dem schwulen Sohn und seiner bösartigen Mutter in ihrem hochherrschaftlichen Anwesen lebt, will sie ihn doch umpolen und möchte zudem ein Enkelkind. Das geht unter den dafür hier von ihr versammelten Personen allerdings nicht ohne Todesfälle ab.
Bitter ernst dagegen geht es im australischen Eröffnungsfilm »Leviticus« von Adrian Chiarella zu, wenn die sich anbahnende Beziehung zweier Halbwüchsiger durch einen Dämon untergraben wird, der wechselweise die Gestalt des einen und des anderen annimmt und damit Nähe durch Distanz und Erschrecken ersetzt. Noch eindringlicher geht es im – zu Recht als Centerpiece hervorgehobenen – Debütfilm des Amerikaners Charlie Polinger zu. »The Plague« erzählt in beklemmenden Szenen und mit eindrucksvollen Jungdarstellern von Ausgrenzung und Mobbing unter den 13-jährigen Jungs einer Internatsklasse.
Beklemmung ist immer auch ein zentrales Merkmal des Home-Invasion-Thrillers, den Léa Mysius in ihrem Drittwerk »The Birthday Party« (»Histoires de la nuit«) mit einem Twist versieht. Denn offenbar hat die Mutter, deren 40. Geburtstag sie mit Ehemann und Tochter an diesem Abend feiern will, in der Vergangenheit – in einem früheren Leben, von dem der Ehemann erst an diesem Abend erfährt – Schuld auf sich geladen. Der Mann, der jetzt deren Begleichung fordert, wird von Benoît Magimel äußerst furchteinflößend porträtiert, von seinen beiden brutalen Handlangern nicht zu reden. Und doch verschieben sich im Laufe des Abends ein Stück weit die Sympathien, auch wenn dann die Auflösung des Dramas die bewährten Standards dieses Subgenres reproduziert.
Erwähnenswert wäre noch die ausgeklügelte Tonspur in »Nervous«, in dem es um das Nichthörenkönnen der Protagonistin geht; die selbstbewusste Hauptfigur im türkischen »Mutter – The Diary of a Mother«, die sich, von ihrem Ehemann im Stich gelassen, ganz allein um ihr mutiertes Baby und dessen Bedürfnisse kümmern muss und dabei immer mehr Selbstbewusstsein entwickelt; die stille Geisterbeschwörung im japanischen »Never After Dark«, die das bluttriefende erste Bild des Films konterkariert; der märchenhafte australische Debütfilm »The Fox«, in dem nicht nur ein Fuchs (mit der einschmeichelnden Stimme von Olivia Colman), sondern auch ein Rabe (dem der kürzlich verstorbene Sam Neill seine Stimme leiht) zu dem Protagonisten sprechen, was zunächst dessen Wünsche in Erfüllung gehen lässt, dann aber herbe Nebeneffekte zeigt. Oder auch die abgefahrenen Situationen, die »F*** My Son!« zeigt, gegen den sich die Ekeleffekte aus den frühen John-Waters-Filmen geradezu harmlos ausnehmen.
Das diesjährige Fantasy Film Fest findet noch bis zum 23.9. in Nürnberg statt und vom 23.–30.9. in Frankfurt/Main.





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