Nahaufnahme von Wile E. Coyote und Road Runner
»Coyote vs Acme« (2026). © Warner Bros. Entertainment Inc.
In seinem neuen Film klagt Wile E. Coyote gegen die Firma, die er für seine Misserfolge verantwortlich macht. Dabei kann er zusammen mit seinem Partner Road Runner auf eine lange erfolgreiche Karriere zurückblicken. Doppelporträt zweier agiler Vollblut-Performer
Als Wile E. Coyote und sein Partner Beep Beep alias Road Runner 1949 ihren ersten Filmauftritt hatten, waren sie schon ein eingespieltes Team als Performer eines existenzphilosophischen Modells: die stets erfolglose Jagd eines vierbeinigen Raubtiers auf einen Laufvogel als derb körperliche Darstellung des Sisyphos-Mythos. Dass die Rolle des Steins von einem Lebewesen, eben Road Runner, übernommen wurde, gibt diesem Mythos – ähnlich Paaren wie »Tom & Jerry« oder »Laurel & Hardy« – eine zusätzliche Dimension. Denn was schließlich wäre die schrecklichste Strafe, die man Sisyphos auferlegen könnte? Dass man ihm den Stein wegnehmen würde oder dass dieser eines Tages wirklich auf dem Berg liegen bliebe. Tom, Ollie und Wile E. – sie alle könnten ohne ihre Partner und Widersacher nicht leben. Diese Partner haben übrigens alle einen Charakterzug gemeinsam, nämlich eine gewisse Unschuld. Man könnte es auch Ignoranz nennen.
Coyote und Road Runner jedenfalls hatten es leichter als andere Darsteller im Warner-Kosmos, ihre Rollen unter der Regie von Chuck Jones routiniert auszuspielen, der sich ursprünglich nur eine Parodie auf die mechanistische Funktion der Zeichentrickfilme vorgestellt hatte. Der erste gemeinsame Film der beiden, »Fast and Furry-ous«, enthält bereits alle Ingredienzien ihrer langen und stabilen Karriere. Coyote (bürgerlicher Name: Carnivorous vulgaris, aber im Lauf seiner Karriere werden alle erdenklichen mehr oder weniger lateinischen Begriffe verballhornt) erkennt, dass er den Road Runner Beep Beep (bürgerlicher Name: Geococcyx californianus) aus Gründen der Laufgeschwindigkeit auf offener Landstraße nicht fangen kann, und heckt komplizierte Waffen und Fallen aus, um seine Beute zu fangen – die freilich allesamt nach hinten losgehen. Das Publikum verliebte sich rasch in die beiden, Road Runner als Straight Man mit dem ewig gleichen Grinsen, Wile E. Coyote gezeichnet von Leid und Zerstörung, Peinlichkeit und Demütigung und doch so besessen, dass er nie mit seiner Jagd aufhören kann. Zu seinem schauspielerischen Image gehört es, dass er die meisten seiner Stunts selbst ausführt, nur bei den unvermeidlichen Stürzen aus höchster Höhe und den noch unvermeidlicheren Explosionen begnügte man sich mit einem Vorher-Nachher-Effekt, bei dem Maske und Special Effects alle Stadien von Zerstörung, Verstümmelung und Verwundung durchspielen konnten.
Während die Rolle von Wile E. Coyote von Anfang an gesetzt war, wurde die Partnerschaft mit Beep Beep erst nach einem anderen Versuch beschlossen. In einem seiner späteren Interviews erklärte Wile E. Coyote, dass er für die Entwicklung seines Filmcharakters eine literarische Vorlage verwendet hatte, nämlich die autobiografische Geschichte, die Mark Twain nach einer Reise in den Westen geschrieben hatte. »Roughing It« (»Durch dick und dünn«) enthält ein Kapitel über den Eselshasen und den Kojoten, und ursprünglich sollte auch ein solcher Darsteller (bürgerlicher Name: Lepus californicus) den Part übernehmen, weil er ebenso wie Road Runner und Coyote aus besonders trockenen Gegenden stammt, zum Beispiel am Grand Canyon, wo die meisten Coyote-Filme gedreht wurden, wie übrigens auch einige besonders schöne Western. Man entschied sich dann doch für Beep, vermutlich weil es bereits einen Hasendarsteller im Warner-Studio namens Bugs Bunny gab.
Die goldene Zeit für das Duo waren gewiss die Jahre 1949 bis 1966; hier konnten die beiden in 40 Kurzfilmen ihre Routinen variieren, wobei drei davon dem 1962 veröffentlichten Film »Adventures of the Road Runner« entstammen, der als Pilotfilm einer nie produzierten Fernsehserie vorgesehen war. Coyote und Beep Beep waren gewiss nicht die Erfinder einer speziellen Form des Slow Burn, wohl aber Perfektionisten des damit verbundenen Tempowechsels: Coyote ist bei der Jagd auf den Road Runner über den Canyon-Rand hinausgelaufen und läuft oder steht in der Luft, bis ihn sein Partner/Widersacher darauf aufmerksam macht, dass er keinen Boden unter den Füßen hat. Erst dann fällt Coyote wieder einmal in endlose Tiefen. Bemerkenswerterweise waren die beiden, zunächst angetreten, die Cartoon-Verfolgungsjagd zu parodieren, so erfolgreich, dass auch die anderen Warner-Stars wie Daffy Duck oder Bugs Bunny ihren Stil übernahmen: extrem stilisierte Settings, Beschleunigung der Abfolge physischer Gags und selbstreflexives Spiel mit dem Medium: Die Charaktere nutzen Trickfilm-Zeichnungen zur Täuschung des Gegners und fallen dann selbst auf ihre falsche Wirklichkeit herein, oder es kommt, umgekehrt, aus der gemalten Kulisse eine »reale« Gefahr.
Wie bei vielen Komikerduos, von Laurel und Hardy über Jerry Lewis und Dean Martin bis zu Liesl Karlstadt und Karl Valentin, war auch die Beziehung zwischen Wile E. und Beep gelegentlich bei aller äußeren Harmonie angespannt. Beide, sowohl Road Runner als auch Coyote, verpflichteten sich bei verschiedenen Gelegenheiten zu Soloauftritten, was natürlich Spuren im Zusammenspiel hinterließ. Böse Zungen behaupteten, beim Spiel mit den mannigfachen Verletzungen des Jägers sei gelegentlich auf dem Set echter Sadismus durchgeschimmert.
Der schwerste Schlag für das Duo war vermutlich die Trennung von Regisseur Chuck Jones. 1953 hatte er schon einmal Warner verlassen und war bei Disney unter Vertrag genommen worden; 1962 wurde er dann endgültig entlassen, weil er für eine andere Firma ein Drehbuch geschrieben hatte. Jones hatte nicht nur das »existenzielle« Setting für die Filme entwickelt, sondern auch die innige Verbindung von Wile E. Coyote mit der legendären Firma ACME (A Company Making Everything) gestiftet, von der sämtliche Utensilien seiner Fallenstellerei, Explosivstoffe, Bärenfallen und Farbe geliefert wurden. Im Gegenzug wurden Beep Beep und Coyote zu beliebten Merchandise-Figuren; man verkaufte T-Shirts, Baseballcaps, Sonnenblenden, Schlüsselanhänger und, besonders gemein, Schattenumrisse von Coyote als Autoaufkleber. Vogelfutter wurde wiederum mit dem Road-Runner-Etikett zum bei Kindern beliebten Tierpflegeprodukt. Die Gerüchte rissen nicht ab, dass niemand anderes als ACME hinter der Marketing-Masche stand.
Die nächste Generation des Publikums war mehr mit den Fernsehserien als mit den Kino-Vorfilmen vertraut. Zu einem Comeback auf der großen Leinwand kam es im Jahr 1979 mit dem Kompilationsfilm »The Bugs Bunny/Road Runner Movie«. Der Titel führte übrigens erneut zu Unstimmigkeiten zwischen den beiden: Wile E. Coyote reklamierte für sich den größten Anteil von Blut, Schweiß und Tränen vor der Kamera, während Road Runner nur sein an eine Autohupe erinnerndes »Beep Beep« ertönen lassen musste, um dem Publikum zu gefallen. Zur Wahrheit aber gehört auch, dass bei aller Schadenfreude die klammheimlichen Sympathien der Zuschauer allemal dem Kojoten galten, dem radikalsten Verlierer der Filmgeschichte: Wile E. Coyote musste tausend Slapstick-Tode sterben, für unsere Sünden, für unsere Verluste.
Die beiden jedenfalls fristeten in den 80er und 90er Jahren ihr Leben als Gaststars und Nebenfiguren in Fernsehserien, die Speedy Gonzales, Bugs Bunny oder auch die gesamte »Looney Tunes«-Mannschaft als nominelle Stars führte. Bei der ersten Staffel der »Looney Tunes Show«, die von 2011 bis 2012 entstand, hatten sie die Funktion von »Rausschmeißern« am Ende; die unübersehbaren Spuren eines auch physisch fordernden Filmlebens wurden nun durch Computer Generated Images überspielt. Auch an den Videospielen, die ihre Figuren in Jump-and-Run-Games verarbeiteten, hatten die wirklichen Road-Runner- und Wile-E.-Coyote-Darsteller keinen Anteil. Als Gaststars hatten sie noch Auftritte in den Hybriden aus Real- und Animationsfilmen »Space Jam« (1996), »Looney Tunes: Back in Action« (2003) und »Space Jam: A New Legacy« (2021). Aber wie Coyote (jenseits des Sets) zu sagen pflegte: Es ist einfach nicht mehr dasselbe. Wie bei Laurel und Hardy wäre es beinahe zu einem endgültigen Zerwürfnis gekommen, nachdem Wile E. Coyote allein in einer Reihe von edukativen Filmen zu naturwissenschaftlichen Grundfragen auftrat. Der Erfolg hielt sich übrigens in Grenzen.
Aber die ständige Wiederaufführung ihrer alten Filme in immer neuen Zusammenstellungen ließ die beiden aufgrund lukrativer Werbeverträge weiter ein angenehmes Leben in Hollywood und auf dem Areal eines gemeinsam betriebenen Straßenprojektes in der kalifornischen Wüste führen. Road Runner wurde zum Symbol für Mobilität und Kraft in den USA. Chrysler kaufte für damals noch passable 50.000 US-Dollar die Vermarktungsrechte, um den 1968 bis 1980 gebauten Plymouth Road Runner mit Abbildungen des Road Runners zu versehen und mit einer Hupe, die das »Beep Beep« imitiert. Gemeinsam wiederum warben Road Runner und Coyote für Pepsi-Cola und Energizer. Die Energie, für die sie ihre Erscheinungen und ihre Namen hergaben, war ihnen beiden selbst mittlerweile durchaus abhandengekommen.
Glücklicherweise mussten übrigens Road Runner und Coyote bei ihrer internationalen Vermarktung nie synchronisiert werden. Außer »Beep Beep« war vom Road Runner nie etwas zu hören, und Wile E. war stumm; allerdings kommuniziert man mit (leicht durch Untertitel zu übersetzenden) Schrifttafeln, was umso erstaunlicher ist, als beider animalischer Analphabetismus an anderer Stelle betont wird. Aber es geht nun einmal um eine sehr existenzielle Darstellung des Lebens. Um das Scheitern als Lebensinhalt.






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