Filmfestival Locarno 2026
»You Don't Belong Here« (2026). © Fantascope Films
Eindringliche Filme beim Festival von Locarno, auf dem Deutschland zahlreich vertreten war
Nach elf Tagen, an denen in zwölf Sektionen 152 Langfilme und 81 Kurzfilme, darunter 103 Weltpremieren, gezeigt wurden, ging der Hauptpreis des Festivals, der Goldene Leopard, an den rumänischen Beitrag »You Don't Belong Here« von Florin Șerban. »You Don't Belong Here« steht auf Schildern, die Unbekannte in der Nacht hinter die Windschutzscheiben von Autos klemmen, bei denen sie die Reifen zerstochen haben. Gemeint sind Einwohner, die aus der Roma-Gemeinde stammen. Die Täter sind junge Männer auf Motorrädern. Als einer der Attackierten sich wehrt, wird er zu Tode geprügelt. Der Mörder ist der Sohn des Chefarztes der örtlichen Klinik. In langen, starren Einstellungen seziert der 154-minütige Film ein zerrüttetes Vater-Sohn-Verhältnis, bei dem die späte Erkenntnis des Vaters nur bedingt zu Einsichten führt.
Unausgesprochene schwierige Familienverhältnisse bilden auch den Kern des polnischen Dokumentarfilms »Blossoming« von Kamila Serwicka, der in der Semaine de la Critique den Großen Preis gewann. Nach acht Jahren, während der Pandemie, kehrt die Filmemacherin in ihr Elternhaus zurück, dem sie als 16-Jährige entflohen war. Ihr Vater ist immer noch der Tyrann, der, oft alkoholisiert, seine Frau und die drei jüngeren Töchter herumkommandiert. Früher muss das noch schlimmer gewesen sein, wie Dialoge enthüllen, die Tochter ist auch vor seinen Schlägen geflüchtet. Jetzt bringt die Anwesenheit der Kamera Verständigungsprozesse der Frauen untereinander in Gang, die Mutter schafft es endlich, ihren Mann zu verlassen und in den Niederlanden ein neues Leben anzufangen.
Um Gewalt kreisten unter den siebzehn Filmen des Wettbewerbs einige. Der kanadische »Manhunt« von Wayne Wapeemukwa folgt zwei jungen Männern auf einem Roadtrip, der mörderisch endet – was der Zuschauer von Anfang an erwartet, wenn einer eine Waffe aus dem 3-D-Drucker anfertigt und die beiden sich bei Videoshootern in einen Rausch hineinsteigern. Deshalb hat es der Film auch nicht nötig, die Tat im Detail zu zeigen. Auch Wapeemukwas Landsmann Denis Côté verlegt die Tötung, in der die aufgeheizte Stimmung am Ende von »Violence du corps d'autre« mündet, ins Off, zeigt aber das Blut danach. Sehr viel zugänglicher als frühere Arbeiten Côtés erzählt der Film von einer jungen Frau, die lebensmüden Menschen beim assistierten Suizid hilft, hinter dem allerdings eine kriminelle Organisation steckt.
Der Tod ist auch präsent in der deutsch-ukrainischen Koproduktion »I Rarely Wake Up Dreaming« von Isabelle Stever (Regie) und Ana Milikova (Buch): Soll Oleh, der gerade eine Geschlechtsumwandlung zum Mann hinter sich hat, dem Wunsch seiner Partnerin Olya folgen und mit ihr nach Deutschland ins Exil gehen oder soll er die Ukraine an der Front verteidigen, gemeinsam mit Menschen, die ihn nicht respektieren?
Angesichts von solch realen Zwangsverhältnissen ist es nicht ganz leicht, umzuschwenken zu den Gefängnissen, die die Protagonisten in Ann Orens »Objet a« für sich selbst mit Hingabe errichten: Das Arztehepaar changiert zwischen Körperoptimierung und Körpermodifikation, transformiert physische Defekte ins Fetischhafte. Eingängiger war da das Horrorszenario, das Nikias Chryssos in »Bloody Tennis« im Mikrokosmos einer Tennisschule ansiedelt, in der sechs junge Frauen mit wachsender Härte um ein Wimbledon-Ticket konkurrieren. In einem fahrenden Zug findet 1952 ein Duell zwischen einer in Ungnade gefallenen DDR-Journalistin und einem vermeintlichen Judenretter statt, der vielleicht aber nur ein Hochstapler ist: In Felix Randaus »Ich ist ein anderer« ist Claes Bang einmal mehr brillant, während die Figur von Valerie Pachners Gegenspielerin hinter ihren Möglichkeiten zurückbleibt.
Überzeugen konnten zwei weitere deutsche Filme, die hier ihre Weltpremiere hatten: Luise Donschens Langfilmdebüt »Morgen vor langer Zeit«, eine lakonisch erzählte Wendegeschichte, in der sich Gerti Drassl nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes für ein Leben im Wald entscheidet, und »Übergang«, den Peter Badel und Chris Wright nach dem Tod von Thomas Heise fertigstellten; Leben und Schauplätze des großen Dokumentaristen sind hier miteinander verwoben.
In nicht wenigen dieser Filme tauchte die Redaktion »Das kleine Fernsehspiel« des ZDF als mitproduzierende Sendeanstalt auf, das sollte einmal hervorgehoben werden. Sie war auch beteiligt an »Paradeisa«, Marleen Valiens Abschlussfilm an der Filmakademie Baden-Württemberg, der Deutschland am Ende doch noch einen Hauptpreis einbrachte, den von der 13-köpfigen Kinderjury erstmals vergebenen Preis als bester Kinderfilm. Auch in diesem Film geht es um den Tod.
Locarno, das ist für jeden filmhistorisch Interessierten immer auch die Retro. Sie widmete sich diesmal Hollywoods Schwarzer Liste, der Verfolgung fortschrittlicher Filmschaffender nach dem Zweiten Weltkrieg, und sollte wegen der Aktualität des Themas auch in Deutschland hoffentlich auf interessierte Kinos stoßen.




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