Raushalten ist keine Option

Deutsche Filme und aktuelle Politik
»Staatsschutz« (2026). © Lotta Kilian

»Staatsschutz« (2026). © Lotta Kilian

Wie politisch sollen Filme sein? Ist jeder Film politisch – oder keiner? Was tun ­angesichts ­erodierender Bürgerrechte und wachsender ­faschistischer Gefahr? Deutsche Filme wagen den Einspruch. Jens Balkenborg hat mit ihren MacherInnen gesprochen

Es ist eine Szene, auf die man wartet und die in ihrer Plötzlichkeit dennoch verstört. Staatsanwältin Seyo (Chen Emilie Yan) radelt in Faraz Shariats Justizthriller »Staatsschutz« unter einer Brücke hindurch und wird von einem anderen Radfahrer geschnitten, dann regnen zwei Brandsätze auf sie herab. »Geil, die Fotze brennt!«, ruft jemand, während sich die junge Deutsch-Koreanerin gerade noch aus ihrer brennenden Jacke befreien kann. Statt ins Krankenhaus will sie in die forensische Ambulanz: Spuren sichern. »Wenn die Behörde von einem Muslim angegriffen worden wäre, hätten wir hier einen Terrorakt«, beschwert sich Seyo – einer der vielen unangenehm wahren Sätze in diesem Film, in dem die Heldin in eigener Sache wie im öffentlichen Interesse gegen ihre Angreifer, offenbar Mitglieder eines rechtsradikalen Netzwerks, ermittelt. Regisseur Shariat stellt der institutionellen Ohnmacht gegenüber Rechtsextremisten und ihrer Verharmlosung persönliches Engagement und Solidarität unter Opfern entgegen und bricht mit Genrevibes die Angst auf.

Dem Film sei, erzählt Shariat im Interview in der Lounge eines Frankfurter Hotels, eine jahrelange Recherche von Claudia Schaefer vorangegangen, die das Drehbuch zu »Staatsschutz« gemeinsam mit Jee-Un Kim und Sun-Ju Choi geschrieben hat. Die Frage des Skripts: Was hat es mit dem Mythos auf sich, die deutsche Staatsanwaltschaft sei eine der »objektivsten Behörden der Welt«? Shariat kommt im Interview auf rechtsextremistische Gewalttaten und den »Nationalsozialistischen Untergrund« (NSU) zu sprechen und fragt: »Warum wird rechte Gewalt immer noch verharmlost und vereinzelt, statt sich mit den Mitteln des Staates dagegen zu verteidigen?«

In der heutigen Zeit sei es ihm fast unmöglich, sich mit seinen Geschichten nicht auf gegenwärtige Entwicklungen zu beziehen und Haltung, vor allem auch für marginalisierte Menschen, zu zeigen. Shariats Position sorgte bei Julian Reichelts rechtem Onlinemagazin »Nius« für verschwurbeltes Raunen. »Nius« warf der Filmförderungsanstalt (FFA) vor, einen »stark linken und ideologischen Einschlag« aufzuweisen, polterte gegen »Staatsschutz« und beklagte, dass Filme, die sich »kritisch mit linker oder migrantischer Gewalt und deren staatlicher Verharmlosung und Deckung auseinandersetzen«, nicht von der FFA gefördert würden.

»Kunst ist immer politisch«, meint Shariat; es gebe aktuell viele Projekte, die auf unterschiedliche Arten ähnlich argumentierten. Damit trifft der 1994 in Köln geborene Regisseur, der mit seinem Debüt »Futur Drei« hinreißend selbstverständlich und selbstbewusst von migrantischen Lebensrealitäten und queeren Lebensentwürfen erzählte, einen Punkt. Denn entgegen den Klischees vom deutschen Film zwischen Fernsehkrimi und dröge-sozialrealistischem Thesenfilm zeigt sich das deutsche Kino aktuell so politisch wie seit Langem nicht mehr. Kriege, Turbokapitalismus, autokratische Tendenzen, immer weiter nach rechts kippende Gesellschaften, die Prognosen, die die AfD bei den anstehenden Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern als stärkste Kraft sehen: Das Krisenbarometer schlägt heftig aus, und das hiesige Filmschaffen, das zeigen viele Produktionen der letzten Jahre, reagiert darauf.

Der aktuell prominenteste Film unter ihnen ist sicherlich İlker Çataks »Gelbe Briefe«. Das Drama um ein gefeiertes türkisches Künstlerehepaar, das in die Mühlen des repressiven Regimes gerät, gewann auf der diesjährigen Berlinale den Hauptpreis. Çatak legt seinen Film als Eskalationsparabel an und spielt mit der Verfremdung der Orte. Der Film spielt zwar in der Türkei, wurde aber in Deutschland gedreht: »Berlin als Ankara« prangt zu Beginn in fetter roter Schrift auf der Leinwand, später, als die mittel- und wohnungslose Familie umzieht, sehen wir »Hamburg als Istanbul«. Mit diesem Kniff will Çatak sagen: Die autokratischen Mechanismen, die es in der Türkei gibt, sind überall möglich.

Sicher, das Spektrum der kinematographischen Auseinandersetzung mit der politischen Gegenwart ist breit. Doch zugleich zeichnet sich eine Tendenz ab: Viele der Filme, darunter vor allem auch Dokumentarfilme, erzählen von den Folgen rechtsterroristischer Attentate, von strukturellem Rassismus und der Abschottung Europas und Deutschlands gegen Geflüchtete. Es scheint nun auch filmisch zu kulminieren, was 2015 zwar nicht seinen Anfang genommen, aber doch eine neue, destruktive Dynamik entwickelt hat.

Es war das Jahr der »Flüchtlingskrise«, wie es damals medial breitenwirksam genannt wurde – ein wertender, unterkomplexer Terminus, der zu Recht schnell für Kritik sorgte. Auf Angela Merkels humanistisch gedachte Botschaft »Wir schaffen das«, mit der sie sich hinter die vor allem aus Syrien, Afghanistan und dem Irak stammenden Schutz suchenden Geflüchteten gestellt hat, folgte ein Klima, das rechte Bewegungen und Parteien wie die AfD zu instrumentalisieren wussten. Die AfD-Bundespartei gilt aktuell laut Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall, fünf Landesverbände, darunter auch Sachsen-Anhalt, werden als gesichert rechtsextrem eingestuft. In den letzten zehn Jahren rückten Migration und der Umgang damit ins Zentrum eines meist populistisch geführten, sprachlich und inhaltlich extremer werdenden politischen Diskurses, Stichwort »Remigration«.

Diese gesellschaftspolitische Großwetterlage verarbeitete Angelina Maccarone in ihrem im letzten Jahr gestarteten Film »Klandestin« zu einem multiperspektivischen Thriller. Aus Sicht einer konservativen EU-Politikerin, eines in Tanger lebenden schwulen britischen Malers, eines jungen Marokkaners, der nach Europa will, und einer Marokkanerin, die bereits in Deutschland lebt, erzählt der Film von Ausgrenzungsmechanismen und (strukturellem) Rassismus.

Sicher hat sich das Kino in Deutschland lange schon mit Rassismus und vor allem auch mit Nazis auseinandergesetzt – nicht nur in Form des Historiendramas oder Kriegsfilms. In den 2010er Jahren erschienen viele Filme, die sich für eine radikalisierte Nachwendegeneration in Ostdeutschland interessierten. Burhan Qurbani griff in »Wir sind jung. Wir sind stark« ein zentrales zeitgeschichtliches Ereignis auf und erzählte aus Sicht einer Gruppe Jugendlicher, in der der Hass aufflammt, von den Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen am 24. August 1992. David Wnendt stellte eine »Nazibraut« ins Zentrum seines Debüts »Kriegerin« und erzählte im Kern eine Aussteigergeschichte; Jan Bonny lieferte mit »Wintermärchen« die schwer zu ertragende Innensicht einer fiktiven Version der NSU-Terrorzelle.

»Wintermärchen« (2018). © W-film

Was neu ist: Nachdem lange vor allem aus Sicht von Tätern oder Ermittlern von rechtsextremistischem Terror erzählt wurde, hat man sich ab Mitte der 2010er Jahre, seit den Taten des NSU, der acht türkischstämmige und einen griechischstämmigen Kleinunternehmer getötet hat, verstärkt auch den Perspektiven der Betroffenen zugewandt. 2016 hat Züli Aladağ in seinem Dokudrama »Die Opfer – Vergesst mich nicht«, dem zweiten Teil des Fernseh-Dreiteilers »Mitten in Deutschland: NSU«, das Geschehen aus der Sicht der Familien der Ermordeten nachgezeichnet. Fatih Akin wiederum hat die Wut der Hinterbliebenen 2017 mit »Aus dem Nichts« in einen Thriller gegossen, in dem eine Frau auf Rachefeldzug geht. Die rechtsextremistischen Täter tauchen hier absichtlich nur am Rande auf.

Im letzten September sind mit Marcin Wierzchowskis »Das Deutsche Volk« und Martina Priessners »Die Möllner Briefe« gleich zwei Dokumentarfilme in die Kinos gekommen, die sich radikal subjektiv auf die Perspektive der Hinterbliebenen rechtsterroristischer Attentate – in Hanau und Mölln – konzentrieren. Und die beide von zivilgesellschaftlichem Engagement erzählen und von einem schier unfassbaren Kraftakt, der oft vor allem von Betroffenen und Hinterbliebenen ausgeht. Beide Filme feierten auf der Berlinale 2025 Premiere und wurden dort breit diskutiert und gelobt. »Die Möllner Briefe« gewann ebendort den Panorama-Publikumspreis für den besten Dokumentarfilm, »Das Deutsche Volk« wurde später mit dem Hessischen Filmpreis als bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Der zwischen Frankfurt und Warschau lebende und arbeitende Filmemacher Wierzchowski hat für »Das Deutsche Volk« über Jahre hinweg Freunde und Angehörige der Opfer des Anschlags im hessischen Hanau begleitet. Dort hatte am 19. Februar 2020 ein paranoider Rechtsextremist innerhalb von zwölf Minuten neun Menschen mit Migrationsgeschichte und anschließend in seiner Wohnung in Kesselstadt seine Mutter und sich selbst erschossen. Schwer zu ertragen sind die Bilder in »Das Deutsche Volk«, die zeigen, wie sehr die Familien um die Aufarbeitung kämpfen müssen. »Fast alle Punkte, die sehr früh von den Angehörigen infrage gestellt wurden, haben sich nur durch ihre Beharrlichkeit im Untersuchungsausschuss im Hessischen Landtag bestätigt«, sagt Wierzchowski. Das Sondereinsatzkommando, das in der Nacht das Haus des Täters gestürmt hatte, wurde später aufgelöst, weil die Hälfte der Beamten in rechtsradikalen Chatgruppen unterwegs war.

»Das Deutsche Volk« ist die dokumentarfilmische Verlängerung des Hashtags »SayTheirNames«. Die Namen der Opfer fallen immer wieder: Gökhan Gültekin, Sedat Gürbüz, Said Nesar Hashemi, Mercedes Kierpacz, Hamza Kurtović, Vili Viorel Păun, Fatih Saraçoğlu, Ferhat Unvar und Kaloyan Velkov. Erst Anfang dieses Jahres starb Ibrahim Akkuş an den Spätfolgen des Anschlags. Nach Julian Vogels Fernsehtrilogie »Einzeltäter«, die auf die Hinterbliebenen der rechtsterroristischen Attentate in München 2016, Halle 2019 und Hanau 2020 fokussierte, liefert Wierzchowskis Dokumentarfilm eine weitere filmische Aufarbeitung der Morde in der hessischen Stadt. Bereits für seine 47 Minuten lange Dokumentation »Hanau – Eine Nacht und ihre Folgen«, eine Bestandsaufnahme des Jahres nach dem Anschlag, war der Regisseur 2022 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet worden.

Ihm selbst sei, erzählt Wierzchowski im Gespräch in der Küche der Gemeinschaftsetage, die er sich in der Frankfurter Innenstadt mit Kollegen aus der Filmbranche teilt, sofort klar gewesen: »Das war ein Nazi.« Das sei einfach sein Gefühl gewesen, weil die Stimmung 2020 so rassistisch gewesen sei. »Das Klima war nach 2015, nach Angela Merkels ›Wir schaffen das‹, total vergiftet. Die AfD wurde damals groß, Shisha-Bars wurden dämonisiert, es gab Pegida.«

Wierzchowski meint, dass nach der »Willkommenskultur« von 2015 das Pendel wieder zurückgeschlagen sei. Der Regisseur erinnert an den Mord an dem CDU-Politiker Walter Lübcke, der sich für Flüchtende engagiert hatte und auf der Terrasse seines Wohnhauses von einem Rechtsextremisten erschossen wurde. Und an das Attentat in Halle nur wenige Monate später, bei dem der rechte Täter, nachdem es ihm nicht gelungen war, in die voll besetzte Synagoge einzudringen, eine 40-jährige Passantin und einen 20-jährigen Mann tötete. »Auch der NSU war noch nicht lange her. Und Mölln und Solingen saßen einem noch in den Knochen«, sagt Wierzchowski. Er kommt zu dem Schluss: »Wichtig ist die Gegenwehr, die den Diskurs beeinflusst.«

Von einer ebenso schmerzlichen Gegenwehr gegen oft institutionalisierte Strukturen erzählt Martina Priessner in ihrem inhaltlich ähnlich gelagerten, aber auf weniger Protagonisten konzentrierten Dokumentarfilm »Die Möllner Briefe«. Wie Hoyerswerda, Solingen und die bereits genannten Städte gehört auch das schleswig-holsteinische Mölln zur immer weiter wachsenden Karte der Epizentren rassistischer oder antisemitischer Gewalttaten. In Mölln warfen am 23. November 1992 zwei Rechtsextremisten Molotowcocktails auf zwei von türkischen Familien bewohnte Häuser. Die Bewohner:innen in der Ratzeburger Straße 13 konnten sich alle vor den Flammen retten, im Wohnhaus der Familie Arslan in der Mühlenstraße 9 kamen drei Menschen um, neun weitere überlebten teils schwer verletzt.

İbrahim Arslan, Hauptprotagonist von Priessners Dokumentarfilm, war als Siebenjähriger in dem Haus in der Mühlenstraße und hat dort Unvorstellbares erlebt. Er habe, erzählt er zu Beginn des Films, den Brandanschlag auf das Wohnhaus überlebt, weil seine Großmutter Bahide ihn in nasse Bettlaken gehüllt unter dem Küchentisch in Sicherheit gebracht habe. Die Oma kam bei dem Versuch, weitere Familienmitglieder zu retten, um. Auch seine zehnjährige Schwester Yeliz und seine vierzehnjährige Cousine Ayşe Yılmaz kamen ums Leben.

Wenn er heute etwas Verbranntes rieche, sagt İbrahim im Film, komme alles wieder hoch. Dass es nie weg war, nie weg sein wird, das zeigt Priessners Film mit leiser Wucht. Über Jahre hinweg hat die Regisseurin den Mann und seine Familie beim Kampf um die den Opferfamilien vorenthaltene Solidarität begleitet. Unvorstellbar, aber wahr: Hunderte Menschen schrieben den Familien in der Mühlenstraße und auch der Ratzeburger Straße nach den Anschlägen, doch die Briefe kamen nie bei den Betroffenen an. Entdeckt wurden sie erst 2019 durch Zufall von einer Studentin während einer Recherche zu den Mordanschlägen im Möllner Stadtarchiv.

Sie habe, erzählt Priessner am Telefon, İbrahim Arslan 2020 kennengelernt und er habe ihr von den Briefen berichtet. »Mölln war für mich eine Zäsur, ich war damals 23, und es hat mich nicht mehr losgelassen. Das Thema zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben: die Kontinuitäten von rechtem Terror und der Umgang damit.« Einerseits seien die einbehaltenen Briefe für sie ein Schock gewesen, meint die Regisseurin, andererseits habe es sie nicht überrascht. »Wenn man sich mit strukturellem Rassismus beschäftigt, findet man so was immer wieder.« Ihr sei aber klar gewesen, dass sie von den Briefen und der Solidarität erzählen wolle.

Priessners Film holt die Anschläge von Mölln und die damit verbundenen Traumata, die sich in die Angehörigen eingeschrieben haben, in eine Gegenwart, in der ihre Aufarbeitung der Ereignisse laut Regisseurin auch auf Abwehr treffe. Ende 2025 veröffentlichte die Stadt Mölln eine Stellungnahme online, aus der nur auf Nachfrage zitiert werden darf. Priessner reagierte ihrerseits auf der Homepage von Insel Film mit einer Erwiderung.

Ihr Film erhebe, schreibt die Regisseurin, an keiner Stelle den Vorwurf, Briefe seien absichtlich zurückgehalten worden. »Ein solcher Vorwurf wird im Film nicht formuliert. Im Zentrum steht eine dokumentierte Tatsache: Hunderte Solidaritätsbriefe erreichten die Betroffenen über Jahrzehnte hinweg nicht. Sie wurden erst rund 27 Jahre später übergeben.« Der Film interessiere sich nicht für individuelles Fehlverhalten einzelner Personen, sondern frage nach strukturellen Zusammenhängen: »Wie konnte es geschehen, dass diese Briefe archiviert wurden – und dass ihre Bedeutung für die Betroffenen über so viele Jahre hinweg keine Rolle spielte?«

Priessner schließt ihr Statement mit dem Wunsch, die Diskussion über den Film möge dazu beitragen, den Blick stärker auf die Perspektiven der Betroffenen zu richten – und ihnen zuzuhören. Am Telefon hört man, wie wütend und traurig die Regisseurin über die große Abwehr der Stadt ist. »Die Kontinuität, und das wundert mich nicht, wird aufrechterhalten.« Ihrer Meinung nach, und hier schließt sich ein Bogen zu Shariats »Staatsschutz«, seien Institutionen so gebaut, dass sie sich selbst schützten.

Während »Das Deutsche Volk« und »Die Möllner Briefe« in ihrer Konzentration auf die Folgen der Attentate auch parabelhaft von strukturellem Rassismus erzählen, wagen Max Ahrens und Maik Lüdemann in »Kein Land für Niemand – Abschottung eines Einwanderungslandes« gekonnt die Großthesen. Das Duo zeichnet nach, wie sich Europa und Deutschland seit 2015 abschotten.

Ihr Film folgt dem Team einer zivilen Seenotrettungsorganisation im Mittelmeer. Bei ihren Bergungsaktionen bekommen es die Helfer:innen der NGO auch mit der von der EU mitfinanzierten libyschen Küstenwache zu tun, die, das zeigt der Film eindrücklich, mehr als fahrlässig gegen die Schutzsuchenden agiert, indem sie ihre Boote teils zum Kentern bringt. Der Film führt aber auch nach Brüssel oder Berlin und zeichnet mit Stimmen aus der Wissenschaft, von Betroffenen, aus der Politik und von Aktivist:innen ein heterogenes Panorama.

Mit ihrem Film wollten Ahrens und Lüdemann einen Beitrag leisten. »Was hat das eigentlich mit Deutschland zu tun? Wieso finden diese Verschärfungen und Entrechtungen statt?«, fragen die beiden. Im Videointerview sind sie sich einig, dass der Rechtsruck nicht allein von Parteien wie der AfD komme, sondern vor allem auch von Politikern der Mitte, die in Regierungsverantwortung seien. »Diese Parteien installieren diese Verschärfungen«, meint Ahrens. »Viele der Grausamkeiten, die wir im Film zeigen, sind im Rahmen der liberalen Demokratie bereits möglich. Zudem beobachten wir, dass die liberalen Institutionen und letzten Schutzmechanismen von der liberalen Mitte selbst bereits abgebaut werden und so der AfD der rote Teppich ausgerollt wird.« Ihnen beiden gehe es darum, sich aus der gesellschaftlichen Schockstarre zu befreien und ehrlich zu schauen: »Wo wird der Rechtsstaat jetzt schon ausgehöhlt?«

Kennengelernt haben sie sich 2014 im Filmstudium. 2016 ging Lüdemann an Bord eines Seenotrettungskreuzers, drehte eine erste kleine Dokumentation und setzte sich praktisch mit Migration auseinander. Ahrens beschäftigte sich in seinem Kulturwissenschaftsstudium theoretisch mit dem Thema. 2021, erzählen die beiden weiter, seien sie wieder zusammengekommen und hätten festgestellt, dass sich an den EU-Grenzen sowie in Deutschland die Lage für Schutzsuchende massiv verschlechtert habe.

2025 wurde ein migrationspolitischer Entschließungsantrag im Bundestag angenommen. Erstmals seit 1945, das betonen die Regisseure auf der Homepage zum Film, kam im Parlament eine Mehrheit mit einer Partei – der AfD – zustande, die vom Verfassungsschutz wegen rechtsextremer Bestrebungen beobachtet wird. Die Erklärung zur Begrenzung der Zuwanderung sehe unter anderem eine vollständige Schließung der deutschen Grenzen vor. »Ein Paradigmenwechsel kündigt sich an: weg vom Schutz von Geflüchteten, hin zu Abschottung und Abschreckung«, schreiben die beiden weiter.

Finanziert wurde »Kein Land für Niemand« von verschiedenen NGOs ohne vertragliches Mitspracherecht. Für geplante Folgeprojekte haben die Filmemacher mehrere Förderzusagen aus »klassischen« Fördertöpfen. Die Resonanz gibt ihnen recht: Gemessen an den Kinobesuchszahlen – über 40 000 haben den Film auf der großen Leinwand gesehen, Dokumentarfilme gelten ab 8000 Zuschauer:innen als Erfolg – ist »Kein Land für Niemand« der erfolgreichste politische deutsche Dokumentarfilm des letzten Jahres. Auf der ausgiebigen Kinotour mit teils zweistündigen Gesprächen im Anschluss hätten sie das »Kino als Diskursraum« sehr zu schätzen gelernt. Lüdemann betont – wie ihr teils heftiger und auch niederschmetternder Dokumentarfilm: »Es liegt viel Potenzial in einer aktiven Zivilgesellschaft.« Dass der Film trotz des Erfolgs und der thematischen Relevanz bisher nur Absagen für einen Sendeplatz beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk bekommen hat, ist verwunderlich.

Man möchte Martina Priessner zustimmen, wenn sie betont, dass es angesichts der Situation in Deutschland noch viel mehr Filme über von Rassismus betroffene Menschen geben müsste, deren Geschichten eben nicht in Schulbüchern stünden. Und dennoch ist bereits etwas in Bewegung geraten und das Kino mit ganz verschiedenen Stoffen und Genres, von Dokumentar- bis Spielfilm, von Drama bis Thriller, am Puls unserer brisanten Gegenwart. Die Interviewten begreifen sich alle mit ihren je eigenen Perspektiven als politische Filmemacher:innen. Bei den multiplen Krisen, so Wierzchowski, sei es seltsam, wenn man als Künstler nicht reagieren würde.

Den populistischen Spaltungsnarrativen der Rechten setzt das Kino Diskursräume, Empathie und, ja: Wut entgegen. Er wollte, erzählt Faraz Shariat, seine in ihrer Behörde relativ auf sich gestellte Staatsanwältin auch zu einer Art Superheldin machen. »Wer steht am Ende eigentlich im Widerstand, wer leistet den?«, fragt Shariat. In der letzten Einstellung seines Films jault der Motor von Seyos Dodge Challenger, und die Neonazis bekommen es mit der Angst zu tun.

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