Kritik zu Staatsschutz
Rasanter Thriller und beklemmendes Justizdrama, in dem eine Staatsanwältin gegen die systematische Vertuschung rechter Gewalt kämpft.
In den ersten Szenen ist da diese junge Staatsanwältin, klar formuliert sie ihre Sätze, nüchtern und bestimmt tritt sie auf, konservativ bis spießig gekleidet mit ihrer weißen Bluse, das lange, dunkel glänzende Haar brav aus der Stirn gesteckt. Wenig später wird sie sich zu einer Art Racheengel, einer Superheldin mit amerikanischem Sportwagen, Pistole und Revolver entwickeln, die die Gesetze und vor allem die Methoden nicht nach ihren moralischen Ansprüchen auslegt. Zwischen diesen vermeintlich unterschiedlichen Frauen liegt ein rassistischer Brandanschlag auf sie.
Was wie ein reißerischer Thriller klingt, ist auch einer, aber nur zum Teil. Denn »Staatsschutz« von Faraz Shariat ist auch eine erschreckend reale und realistische Fiktion über die Verharmlosung rechter Gewalt und die Verstrickung des deutschen Justizsystems in die Neonaziszene. Fast fühlt man sich an die Justiz der frühen Bundesrepublik erinnert, an »Der Staat gegen Fritz Bauer«, als Großteile jeglicher Macht noch in den Händen der Kriegsgeneration lagen. Doch »Staatsschutz« spielt in der Gegenwart.
Die junge koreanisch-deutsche Staatsanwältin Seyo Kim (Chen Emilie Yan) ist voller Ideale und Ambitionen nach Ostdeutschland gekommen und will dort rechter Gewalt mit Hilfe des Gesetzes entgegentreten. Doch schnell stellt sie fest, dass es die Justiz damit gar nicht so genau nimmt. Schon gar nicht, als sie selbst Opfer eines rassistischen Anschlags wird. Nachdem sie bei einem provozierten Fahrradunfall stürzt, wird ein Brandsatz auf sie geworfen. Ihre Behörde spielt den Vorfall öffentlich herunter. Oberstaatsanwalt Forch (Arnd Klawitter) leitet die Ermittlungen mehr als unambitioniert. Vielmehr setzt er Seyo unter Druck. Mal wirft er ihr persönliche Rachefantasien vor, mal mangelnde Loyalität. Also beginnt Seyo, auf eigene Faust zu ermitteln, lässt sich von ihrer befreundeten Kollegin Ayten (Alev Irmak) unter Verschluss gehaltene Akten aushändigen, scheut auch einen Einbruch im Archiv nicht, sucht Kontakte zu ehemaligen Opfern – und sie engagiert die erfahrene Anwältin Alexandra Tiedemann (Julia Jentsch). Als Staatsanwältin und als Opfer nimmt sie es mit einem ganzen System auf.
Regisseur Faraz Shariat, der 2020 mit »Futur Drei« sein Debüt auf der Berlinale feierte, und Drehbuchautorin Claudia Schaefer (»Ellbogen«, 2024) machen es sich in ihrem Geschichtsdrama und Rachethriller nicht leicht. Seyo ist eine ambivalente Figur. Um ihr Ziel, ihre Vorstellung von Gerechtigkeit zu erreichen, scheut sie keine Mittel, zieht ihre Freunde in die Sache, nötigt Migranten in höchster Angst zur Aussage. Obsessiv wandelt sie zwischen persönlichem Rachefeldzug und Robin-Hood-Attitude, wobei sie in engen Lederklamotten, mit Fransenhaarschnitt und schwarzem Dodge mehr einer Superheldin gleicht. Zimperlich ist sie dabei nicht und bricht dann doch immer mal wieder voller Verzweiflung zusammen. Chen Emilie Yan verkörpert diese teils widersprüchliche Figur mit all ihren Brüchen mit angespannter Intensität und absolut überzeugend.
Manchmal drehen Shariat und Schaefer eine Schleife zu viel, etwa wenn sie Seyo erniedrigt von zwei Streifenpolizisten eine Nacht in einem Provinzgefängnis verbringen lassen – was ungeahndet bleibt. Und sie lassen keine Zweifel daran, dass Seyo mit ihren zweifelhaften Methoden auf der moralisch richtigen Seite steht.
»Staatsschutz« ist ein politischer Film, der die Frage stellt, was Demokratie leisten kann und muss – manchmal ein wenig zu schematisch. Da ist der schmierige, aalglatte Oberstaatsanwalt Forch (Klawitter), der irgendwann angesichts seiner Verbindungen doch in die Bredouille gerät, die etwas spröde linke Anwältin (Jentsch), die gutmütige Kollegin mit türkischen Wurzeln, und Geflüchtete, die zunächst ihre Ruhe haben wollen und dann doch dankbar sind für ihre Chance auf Gerechtigkeit. Und doch ist »Staatsschutz« ein wichtiger, sehenswerter Film, der einem angesichts der aktuellen politischen Situation so manchen Schauer über den Rücken laufen lässt.




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