Kritik zu Hiddensee

© Weltkino

2026
Original-Titel: 
Hiddensee
Filmstart in Deutschland: 
20.08.2026
M: 
L: 
123 Min
FSK: 
Ohne Angabe

In essayhafter Form beleuchtet der Dokumentarfilm die wechselvolle Geschichte von Hiddensee seit den 1920er Jahren, aktuelle Konflikte und das Sehnsuchtsgefühl, das die Ostseeinsel immer wieder auslöst.

Bewertung: 3
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Im Jahr 1948 wählte die in Dresden lebende Ausdruckstänzerin Gret Palucca als sommerliches Inselrefugium Hiddensee statt Sylt. Eine heutige Teilzeiteinwohnerin der etwa siebzehn Kilometer langen Ostseeinsel bringt als Relation gleich globale Maßstäbe ins Spiel. Schließlich habe Hiddensee fast gleiche Form und Größe wie das im 17. Jahrhundert den Delawaren abgekaufte Eiland in der Mündung des Hudson River. Gemeinsam mit Sylt und Manhattan hat die Insel zwischen Darß und Rügen jedenfalls die Tatsache, dass ihr Name für ein ganzes Lebensgefühl steht. Ein Flair, das im Fall von Hiddensee seit Ende des 19. Jahrhunderts Menschen aus Bohème, Kultur und Wissenschaft anzog und auch diesen Dokumentarfilm inspiriert. Doch dessen Kommentar stört schon während einer einleitenden Kamerafahrt entlang des langen Sandstrands allzu romantische Gefühle mit dem Hinweis, dass der dahinterliegende Inselort Vitte schon 1922 als »judenfrei« beworben wurde.

Später heißt es, die Insel sei »klein genug, um zu schauen, wie sich Persönliches und Geschichte ineinanderschiebt«. Verdichtungen, die der Film mit unterschiedlichen formalen Mitteln in unterschiedliche Richtungen durchquert, bis zu aktuellen lokalpolitischen Querelen um das Bürgermeisteramt der Gemeinde. Hauptfiguren sind zwischen Stummfilm-Ikone Asta Nielsen und den schon früh der Inselschönheit ergebenen Musikern der Punkband Feeling B (deren heute für Rammstein muckender Keyboarder Christian »Flake« Lorenz die Filmmusik verantwortet) die Tochter der Schauspielerin Inge Keller, der Dorfpfarrer und eine Fotografin, die mit wohlgewachsenen Inselsprößlingen am Strand Modefotos inszeniert. Und selbstverständlich Großschriftsteller Gerhart Hauptmann, der nach Jahrzehnten als Sommerfrischler ein gutes Jahr nach Einzug der Sowjetarmee am 4. Mai 1945 von SED-Größen feierlich auf dem Friedhof des Ortsteils Kloster beerdigt wurde. Seine vorherigen Huldigungen für die Hitleristen illustrieren im Film Auszüge aus dem Tagebuch von Ehefrau Margarete, das neben »Produktiv-Spaziergängen« und Windstärken auch eine auf Veranlassung Berliner NS-Größen gesponserte Weinlieferung würdigt. Dass auch Palucca – die sich später gern als Naziopfer gerierte – bereitwillig zur Eröffnung der Olympischen Spiele von 1936 in Berlin auftanzte, wird mit Mitteln eines lokalen Puppentheaters erzählt.

Das alles ist spannend. Doch die »betonte Gelassenheit«, die die Leiterin des Gerhart-Hauptmann-Hauses einer dort herumstreunenden Katze bescheinigt, steht in Kontrast zum Rhythmus des Films, der mit seinem impressionistischen Schauplatz- Hopping formal eher fahrig wirkt. Auch der den Film durchziehende Konflikt zwischen Bürgermeister und Dorfpfarrer wird eher atmosphärisch angeteasert – sachliche Hintergründe jenseits der mancherorts auf der Insel angesprühten Parole »Hauptmann oder Ballermann?« werden nicht sichtbar gemacht. Waren solche politischen Niederungen für Filmemacherin Hendel zu banal? Hat es einfach an Ausdauer gefehlt? Oder gab es andere Störfaktoren?

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