Wie man ein Land und das Kino verändert
Es klingt nach einer steilen These, aber ich habe den Eindruck, in England sei nach dem Brexit das Interesse am Beitrag von Einwanderern und Geflüchteten zur britischen Kultur des letzten Jahrhunderts immens gestiegen. Ein Beleg dafür wäre Owen Hatherleys Studie „The Alienation Effect“, die unlängst ausgiebig diskutiert wurde auf der Insel. Jemand, der die Filmkultur der Nachkriegszeit maßgeblich geprägt hat, ist Karel Reisz, der heute vor 100 Jahren im tschechischen Ostrava geboren wurde.
Als Zwölfjähriger entkam er den Nazis dank der legendären Kindertransporte: Er war 1939 eines der letzten von insgesamt 699 jüdischen Kindern, die Nicholas Winton auf diese Weise gerettet hat. Seine Familie musste er in der Heimat zurücklassen; seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Am Zweiten Weltkrieg nahm er, kaum volljährig, als Rekrut bei der Air Force teil. Bedauerlich, dass Karel Reisz keine Memoiren hinterlassen hat - ich wüsste zum Beispiel gern, wann seine Begeisterung fürs Kino begann.
Er setzte sie in seiner neuen Heimat ganz schnell in die Praxis um, fing als Filmkritiker an, gründete 1952 eine eigene Zeitschrift, „Sequence“, und gestaltete Filmreihen für das BFI. Sein Buch „The Technique of Editing“, das er als junger Filmjournalist ohne nennenswerte Erfahrung im Schneideraum 1953 im Auftrag der britischen Filmakademie verfasste, gilt nach wie vor ein Standardwerk. Er hatte eine scharfen, analytischen Blick. Zusammen mit Lindsay Anderson, Tony Richardson und John Schlesinger gründete er eine Produktionsfirma, die das Britisch New Cinema (auch Free Cinema) aus der Taufe hob. Sie bildeten eine tolle Bande. Reisz' frühe Dokumentarfilme, darunter „Momma don't allow“ (1956) und „We are the Lambeth Boys“ (59) nahmen den Puls der Zeit. Sie waren die ersten, die ein realitätsnahes Bild vom Teenagerleben zeichneten. Letzteren fotografierte Walter Lassally, dessen Familie ebenfalls vor den Nazis geflohen war und der zu den stilbildenden Kameraleuten der Bewegung gehörte. Reisz' hatte einen Blick für die Jugend und deren Energie. Nach allem, was ich von seinem ältesten Sohn Matthew weiß, muss er ein wunderbarer Vater gewesen sein.
1960 drehte er „Saturday Night and Sunday Morning“ (Samstagnacht bis Sonntagmorgen) nach dem Roman und Drehbuch von Alan Silitoe, der ein enormer Kassenerfolg (bald auch in den USA) war und das neue, freie Kino in Großbritannien endgültig durchsetzte. Noch immer ein Meisterwerk des kitchen-sink cinema. Reisz' Filmographie ist schmal, er drehte gerade einmal neun Langfilme in drei Jahrzehnten. Ab Ende der 60er arbeitete er vor allem in den USA, wo er ebenfalls vom Blick des Fremden profitierte, und kehrte einmal noch nach England zurück, wo er 1981 zusammen mit Harold Pinter den als unverfilmbar geltenden Meta-Roman „The French Lieutenant's Woman“ (Die Geliebte des französischen Leutnants) von John Knowles grandios adaptierte. Der verrät - wie jeder seiner Filme – Reisz' großes Talent für Schauspielerführung, mit Meryl Streep in der Titelrolle und mit Jeremy Irons, der hier seinen Durchbruch erlebte. Keiner seiner Filme ähnelt den anderen; ein gemeinsamer Nenner wäre allenfalls das Motiv des Außenseiters, der in Konflikt steht mit seiner Zeit. Sie versenken sich tief in ihr jeweiliges Milieu. „Dreckige Hunde“ mit Nick Nolte handelt 1978 vom Vietnamveteranen, bevor die zu einem großen Thema wurde. Sein Biopic der Sängerin Patsy Cline, „Sweet Dreams“ (1985) ist einer der ganz wenigen guten Filme über Country&Western. „The Gambler“ (Spieler ohne Skrupel, 1974) ist eine Dostojewski-Variation, die gleich erheblich sympathischer ist, wenn man sie als einen Reisz-Film betrachtet und nicht als einen James-Toback-Film. Obwohl er den Beitrag der Drehbuchautor enorm wertschätzte.
Ich lernte ihn auf dem Festival von Avoriaz kennen, das eigentlich auf Horror und Fantasy spezialisiert war, wo er aber sein Drama „Everybody Wins“ nach einem Drehbuch von Arthur Miller vorstellte. Es muss 1990 oder 1991 gewesen sein. Mein Freund Lars-Olav Beier und ich ergriffen augenblicklich die Gelegenheit, ihn zu interviewen. In Windeseile klaubten wir unsere Erinnerungen an seine Filme zusammen und es half, dass wir beide sein Buch über den Filmschnitt gelesen hatten. Er war ein großzügiger und unverblümter Gesprächspartner. Es ging viel um Niederlagen und Konflikte im Hollywoodgeschäft, auch um Tabus, die er brach. Er hätte beispielsweise gern Burt Reynolds für de männliche Hauptrolle in „Sweet Dreams“ gehabt, aber dessen Agentin, die mächtige Sue Mengers, machte ihm einen gehörigen Strich durch die Rechnung („A wife-beater? No way!“). Die Begegnung ist eine der großen Erinnerungen für mich. Daheim stellte sich heraus, dass Milan Pavlovic bei „Steadycam“ seit langem schon eine Karel-Reisz-Nummer machen wollte. Ich meine, das Heft sei damals sehr schön geworden. Sie finden es vielleicht noch irgendwo (Wird so was bei ebay versteigert? Keine Ahnung.). Ein gutes Buch über diesen Regisseur gibt es leider nicht – Matthew Reisz hat mich jedenfalls entschieden vor der übergriffig akademischen Monographie von Colin Gardner gewarnt. 1991 konnten wir alle noch nicht absehen, dass „Everybody Wins“ sein letzter Film sein würde. Danach arbeitete er viel im Theater. Er war nie in Mode und folgte auch keiner.
Seit einigen Jahren hält Matthew, hoch angesehen als Redakteur und Publizist, das Andenken an seinen Vater mit klugen Artikeln im „Guardian“ wach. Sie sind persönlich gehalten, aus familiärem Stolz geschrieben, und zugleich politisch hellsichtig. Einen Monat nach dem Ausbruch des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine erinnerte er daran, wie sein Vater mit einem der Kindertransporte den Nazigräueln entkam und schrieb an gegen das xenophobe Gebaren der Politik, die Angst vor einer Flüchtlingswelle schürte. Schon die Überschrift hat es in sich „My father, the child refugee, helped to change Britain. That’s why we need more compassion“. („One Life“, in dem Anthony Hopkins jenen Nicholas Winton spielt, der seinen Vater gerettet hatte, schimpft er übrigens „cheesy uplift“ - ein Wohlfühlfilm, der die realen Hintergründe unbillig vereinfacht und der Hauptfigur ihre Ecken und Kanten nimmt.) Besonders nachhaltig beeindruckt hat mich ein Stück, in dem das Werk seines Vaters ihm das Besteck liefert zu einer Analyse der aktuellen britischen Klassengesellschaft. Auch diese Überschrift betont das Bahnbrechende: „My father’s films changed how British cinema saw the poor. Today, they repay a second look“. Er erschien vor drei Jahren und ich musste mir daraufhin „Saturday Night and Sunday Morning“ unbedingt noch einmal anschauen. Er schleudert das Publikum augenblicklich in die Arbeitswelt vdes nordenglischen Nottingham hinein. Albert Finney schuftet in der Raleigh Factory, die Fahrräder herstellt. Nun ist es Freitag, und zum Feierabend adressiert er direkt die Kamera: „Don't le the bastards grind you down. All I'm out for is a good time, and all the rest is propaganda.“ Der Monolog hat eine ganze Generation geprägt (mein Freund Tony Crawley zitiert ihn in jeder fünften Email), als Filmauftakt ist das zugleich das Bekenntnis zu einem neuen, ungeschminkten, aufsässigen Kino. Drehbuch und Film gehen ein enges Bündnis mit ihrem Schauplatz ein, man bekommt genau mit, wie sich der Alltag in der Fabrik, in den Arbeitersiedlungen und Kneipen zutrug.Freddie Francis' Kamera ist bewundernswert empfänglich für die soziale Atmosphäre.
In Matthew Reisz Artikel erfuhr ich, dass dieser Klassiker nicht nur in Filmkreisen ein dynamisches Nachleben hatte, sondern auch in der Zivilgesellschaft der Stadt. Seit 2012 organisieren James Walker, Literatur- und Sozialwissenschaftler an der University of Nottingham, und Paul Fillingham Touren zu den Drehorten, dem alten Marktplatz, dem Schloss (wo Finney mit seiner Geliebten die Industriestadt überblickt), zum Flussufer (wo er angelt), der Goose Fair (der alljährlich im Oktober stattfinden Kirmes, wohin er seine neue Freundin ausführt) und The White Horse, einem der noch erhaltenen Pubs. Auch Teile der Raleigh-Werke existieren noch, andere haben der Universität Platz gemacht. Der „Silitoe Trail“, der natürlich auch zu Romanschauplätzen führt (https://sillitoetrail.com/xtra/) muss ein durchschlagender Erfolg gewesen sein. Matthew schreibt von einem besonderen Gemeinschaftsgefühl. Walker veranstaltete auch Workshops mit Demenzpatienten, denen er Filmausschnitte vorführte, um ihre Erinnerung anzuregen. Das hat mich wahnsinnig neugierig gemacht, aber Walker hat meine Anfrage bislang noch nicht beantwortet. Kommt vielleicht ja noch. Für heute genügt es als Geburtstagsständchen.




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