Filmgeschichte: Jean Eustache

Kurze Wege zur Filmgeschichte
»La maman et la putain« (1973). © Grandfilm

»La maman et la putain« (1973). © Grandfilm

Lange waren seine Filme wegen strittiger Rechte unsichtbar. Nun wurden sie restauriert: ein Werk von faszinierender, abgründiger Intimität. Gerhard Midding über einen großen Solitär im französischen Kino

Welcher Film ist der beste Einstieg ins Werk?

»Mes petites amoureuses« (»Meine kleinen Geliebten«, 1974) führt direkt in seine Jugend zurück, die er als ungeliebter Sohn zubrachte. Filme über das sexuelle Erwachen waren in Frankreich der 1970er Jahre ja sehr in Mode, aber dieser ist nicht voyeuristisch, sondern wirklich neugierig auf das Wechselbad von Sehnsucht und Annäherung, von Erfahrung und Enttäuschung. Es ist ein wunderbar atmosphärischer Sommerfilm, nicht nur dank der Fotografie von Néstor Almendros. In der Szene im Provinzkino, wo »Pandora und der Fliegende Holländer« mit Ava Gardner läuft, flammt zudem jene Cinephilie auf, die unverzichtbar zum französischen Autorenkino gehört.

Was machte er anders als die anderen?

Die Idee der Nouvelle Vague, das Filmemachen als persönlichen Selbstausdruck zu begreifen, verschärft sich bei ihm noch einmal. Seine Filme seien so autobiografisch, wie Fiktion es nur sein kann, erklärte er einmal. Sein Blick auf das Leben ist unerbittlich. Er legt sich schonungslos Rechenschaft ab. Und seine Arbeitsweise verstieß absolut gegen die Normen der Filmindustrie. Die meisten seiner Filme sind kurz, allenfalls halblang. Dabei zeichnet sich sein Werk durch eine enorme Formenvielfalt aus. Er war übrigens der erste Regisseur, der von einem Dokumentarfilm ein Remake (»La rosière de Pessac«, 1968/79) drehte.

Welcher Film gilt als sein Meisterwerk?

»La maman et la putain« (»Die Mama und die Hure«, 1973), eine bestechende Innenansicht der zeitgenössischen Pariser Bohème. Eustache inszeniert seine Dreiecksgeschichte als einen fast vierstündigen Abenteuerfilm der Körper und Worte. Die Zimmerschlachten, die sich seine Charaktere liefern, scheinen in Realzeit abzulaufen. Die zerwühlte Bettlandschaft, die ihnen als Refugium wie als Kampfzone dient, ist ein emblematisches Bild geworden. Ein monumentaler Matratzenfilm.

Stimmt die Legende, man arbeitete mit ihm auf eigenes Risiko?

Er behauptete, bei jeder seiner Dreharbeiten gebe es einen Suizid. Bei »Numéro zéro« (1971) war es beispielsweise ein Kameraassistent. Kurz nach der Premiere von »La maman et la putain« brachte sich die Kostümbildnerin um. Nachdem er selbst sich 1981 ins Herz geschossen hatte, brach die Serie nicht ab – sein Biograf Alain Philippon beging später Selbstmord. Eustaches eigener Freitod scheint, wie der von Diane Arbus oder Sarah Kane, die Düsternis und Verzweiflung seines Werks zu beglaubigen.

Das Leiden an der Welt war also sein großes Thema?

Man kann in seinem Kino auch Ironie und Humor finden sowie eine feinnervige Vitalität.

Welcher Film traf den Nerv seiner Zeit besonders?

»La maman et la putain« ist nach wie vor der maßgebliche Film über Paris nach dem Mai 1968. In Cannes entfachte er einen Skandal und bescherte Eustache seinen einzigen (relativen) Kassenerfolg. Seither beeinflusste er nicht nur französische Regisseure, sondern auch Bertolucci und Jarmusch.

Grandfilm bringt »La maman et la putain« und »Mes petites amoureuses« ab 16.7. ins Kino. Die komplette Werkschau tourt noch durch vier Städte; im Juli läuft sie im Arsenal Berlin. Und bei absolut Medien erscheint eine Box mit vier DVDs.

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