DOK.fest München 2026
»The Narrative« (2026). © The Bigger Picture GmbH
Das DOK.fest München hat mit neuer Leitung seine Themenreihen weiterentwickelt und setzt weiterhin starke politische Akzente durchweg
Es war die mit Spannung erwartete erste Ausgabe nach dem Weggang des langjährigen Leiters Daniel Sponsel. Nachfolgerin Adele Kohout sowie Stellvertreterin Maya Reichert führten den bewährten Kurs des Festivals einerseits fort, differenzierten das Konzept der Themenreihen, die das Programm – die Wettbewerbe übergreifend – strukturieren, jedoch weiter aus. Die 14 thematischen Schneisen durch das knapp über 100 Filme umfassende Programm reichten von »HerStory – Filme über furchtlose Frauen« über »Visions of the Future« bis zu »The Artist Is Present« über Künstler*innen. Zusätzlich zu den seit Langem verankerten und beliebten Q&As des Festivals gab es nun »Fokus-Talks«, bei denen Experten die Hintergründe von Filmen diskutierten – und die angesichts teils komplexer wissenschaftlicher und politischer Themen auch hilfreich waren. So betont das Festival noch deutlicher den Austausch und die Interaktion mit dem Publikum, das die Neuerungen gut annahm. Insgesamt 58.000 Besucher*innen vor Ort in München und online sorgten für eine weitere Steigerung der Reichweite.
Dass Dokumentarfilme im besten Fall den persönlichen Horizont erweitern und Perspektiven verschieben können, bewiesen auch in diesem Jahr viele Filme im Programm. So auch der Gewinner des internationalen Wettbewerbs, »The Narrative« von Bernhard Weber und Martin Schilt. Der Film erzählt von Kweku Adoboli, einst erfolgreicher Trader bei der Schweizer Großbank UBS, bevor er 2011 als angeblicher »Zocker« zum quasi alleinigen Verantwortlichen für einen Verlust von sagenhaften 2,3 Milliarden Dollar erklärt und zum Sündenbock gemacht wurde. »The Narrative« entfaltet ein abgründiges Bild des Bankenwesens, darüber hinaus aber auch der öffentlichen Reaktion, die statt struktureller Probleme lieber einzelne angebliche Bösewichte angreift – im Fall von Adoboli wohl eine brutale Fehleinschätzung.
Auch der deutsche Wettbewerb hatte einen verdienten Sieger: »Meanwhile in Namibia« von Jonas Spriestersbach beobachtet kommentarlos und dadurch umso bestürzender den Umgang von Deutschen und Einheimischen im ehemaligen »Deutsch-Südwestafrika« und die bizarren Formen, die der Tourismus und die Entwicklungshilfe annehmen. In sogenannten »Lebenden Dörfern« sollen beispielsweise Herero eine vorkoloniale Lebensweise darstellen, die sie nie erlebt haben und die letztlich nur der Bestätigung westlicher Projektionen dient. Der immer wieder haarsträubende Film legt einen – vielfach gut gemeinten und dennoch gemeinen – Rassismus offen, der den Kolonialismus auf moderne Weise perpetuiert.
Nicht preisgekrönt, aber dennoch herausragend war »Finding Connection« von Florian Karner über vier Menschen, die fast durchweg mit Headsets zu sehen sind, denn es geht um ihre Beziehungen zu KI-Chatbots als ständige Gefährten oder sogar Partner. Und dem berührenden Film gelingt durch seine Unvoreingenommenheit das Kunststück, so ziemlich alle Vorurteile gegen solche Beziehungsformen zu unterlaufen.
»Even in the darkest times, compassion is a choice«, gab die israelische Regisseurin Meital Zvieli dem Publikum zu ihrem Film »Shalom« mit – einem Werk mit zwei Ebenen: Im Vordergrund geht es um das Nashorn Shalom, Star des Jerusalemer Zoos und so benannt, weil es 1979 am Tag des israelisch-ägyptischen Friedensabkommens geboren wurde. Da der Film aber auch die Tierpfleger porträtiert, ein gemischtes arabisch-jüdisches Team, geht es auch um den über die Dreharbeiten hereingebrochenen 7. Oktober und seine Folgen. »Shalom« erzählt von der Möglichkeit, sich nicht vom Hass anstecken zu lassen – ein starkes, wichtiges Statement.
Abseits der in vielen Filmen adressierten Konflikte dieser Zeit kam jedoch auch das »Schöne« nicht zu kurz, vor allem beim Thema Musik, wo neben Thorsten Schüttes wunderbarem Porträt des Frankfurter Ensemble Modern »Why We Play« (inzwischen bereits regulär im Kino gestartet) etwa auch »The Magic City« lief, über das Jazz-Enigma Sun Ra, seinen Herkunftsort in Alabama und seine kosmische Mission. Ein oft verspielter, mitreißender Film, hochmusikalisch, hochpolitisch und voller filmischer Überraschungen. Irgendwann dreht sich eine Schülerin nach einem Kurzvortrag über den Musiker zur Kamera und blickt uns direkt an, sagt: »And now, close your eyes and listen!«, worauf das Bild erst mal schwarz bleibt und der Film sich – und uns – ganz der Musik überlässt.




Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns