Buch-Tipp: »Art sin fin«

Von und mit Alejandro Jodorowsky: Das Sammler-Buchprojekt »Art sin fin«

Es mag in »El Topo« alles geben, was zum Western gehört: Revolverhelden, Banditen und schöne Frauen, karge Wüstenlandschaften und kleine Dörfer, Saloons und Kirchen, Colts und Peitschen. Doch es wäre kein Film von Alejandro Jodorowsky, würde er einem Handlungsbogen oder Genreregeln folgen. Stattdessen ist es ein in alle Richtungen wuchernder Trip, der mit der Stimmung der Hippie-Counterculture verschmolz, ein »Acid-Western«, der in den Siebzigern ausgehend vom New Yorker Elgin Theatre den Midnight-Movie-Kult begründete, mit monatelang ausverkauften Vorstellungen, darunter viele Zuschauer, die den Film mehrfach, bis zu 21-mal sahen, sei es, um das Dickicht der Zitate, Anspielungen und Interpretationsmöglichkeiten zu durchdringen, sei es, um in die rauschhafte Erfahrung einzutauchen. Mindestens dreimal haben ihn dort auch John Lennon und Yoko Ono gesehen; sie waren so begeistert von seiner Symbiose aus Okkultismus und Symbolismus, Mystik und Religion, Gesellschaftskritik und Gewaltrausch, dass sie nicht nur die USA-Vertriebsrechte kauften, sondern auch seinen nächsten Film »The Holy Mountain« mitfinanzierten. Weitere berühmte Fans sind David Lynch, Peter Gabriel und Marilyn Manson.

Nach »The Holy Mountain« bekam Jodorowsky Carte blanche für sein nächstes Projekt, sprengte dann aber mit seinem Entwurf für eine zehn- bis zwölfstündige Verfilmung von Frank Herberts Science-Fiction-Zyklus »Dune«, unter anderem mit dem Comiczeichner Moebius, dem Künstler H. R. Giger, dem Grafiker Chris Foss, dem Drehbuchautor Dan O'Bannon und Darstellern wie Amanda Lear, Orson Welles und Salvador Dalí, alle Grenzen des Finanzierbaren. »Es gibt kein Meisterwerk ohne Wahnsinn«, sagt Jodorowsky, und obwohl sein Film nie gedreht wurde, inspirierte er unter anderen die Regisseure von Filmen wie »Alien«, »Blade Runner« oder »Matrix«.

Passend zu diesem überbordenden und eigenwillig künstlerischen Geist widmet der Taschen-Verlag Alejandro Jodorowsky jetzt ein Buchprojekt wie kein anderes: »Art Sin Fin«, Kunst ohne Ende. Über 2000 Seiten, die mit der schützenden Plexiglasbox 14 Kilo auf die Waage bringen und aus zwei Bänden bestehen. Da ist ein großformatiger, 42 cm hoher Bilderatlas, der aus einer Fülle von Entwurfsskizzen, Zeichnungen, Collagen, Comics, Fotos von Pantomimen, Theaterinszenierungen, Fingerballetten und Filmen kompiliert ist und in gewisser Weise einen Blick in den Kopf des heute 97-jährigen visionären Film- und Theatermachers, Pantomimen, Schauspielers und Comiczeichners bietet. Ergänzend dazu wird ein 8,5 cm schmaler zweiter Band geliefert, in dem Jodorowsky diese Bilder weniger erklärend als frei assoziierend, weniger chronologisch als sprunghaft kommentiert. Ein Kinderfoto versieht er mit der Legende »Me at six months, when the actor and the spectator were not yet separated«, und eine Seite aus dem Comic »The Caste of the Meta-Barons« mit dem Satz »All these images live in your testicles and ovaries«.

Anders als die feinen Taschen-Ausgaben zum Werk von Filmkünstlern wie Ken Adam oder Stanley Kubrick, die auch schon eine Einladung in die Werkstatt der Filmemacher waren, ist diese Buchskulptur keine Monografie über den Künstler, sondern quasi ein neues, von ihm ko-kuratiertes Gesamtwerk.

Art Sin Fin. Collector's Edition, Taschen Verlag, 1250 €.
Bestellmöglichkeit (Verlag)

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