Ausstellung: Andrzej Wajda in Düsseldorf

Kein Monument – ein Denkmal

Das Andrzej-Wajda-Jahr wurde nicht in Krakau, Lodz oder Warschau eröffnet, sondern in Düsseldorf. Das dortige Filmmuseum feiert den 100. Geburtstag des polnischen Regisseurs mit einer tiefschürfenden Ausstellung

Der Auftakt ist ganz unerwartet. Er kommt idyllisch und unverfänglich daher. Wer käme schon auf die Idee, eine Ausstellung über diesen politisch höchst wach- und wirksamen Regisseur mit einem pastoralen Film zu eröffnen? Aber tatsächlich empfängt ausgerechnet »Chronik von Liebesunfällen« die Besucherinnen und Besucher des Filmmuseums Düsseldorf. Er handelt von einem Liebesreigen am Vorabend des Zweiten Weltkriegs, scheint auf den ersten Blick ein sentimentaler Rückblick dieses Filmemachers auf das Land der Kindheit zu sein. Aber die Nostalgie hatte Widerhaken. 1986 geriet Andrzej Wajda in argen Konflikt mit der Zensur: Die Zweite Polnische Republik gehörte einer Vorgeschichte an, die das kommunistische Regime ausradieren wollte.

Die Ausstellung stellt hiermit einen Wajda vor, der stets unbekannter geblieben ist: den lyrischen Regisseur. Gleichwohl inszeniert er diesen Zug in seinem Werk mit gleicher widerständiger Hingabe. Sie zeigt sich schon 1970 in »Das Birkenwäldchen« sowie neun Jahre später in seinem Meisterwerk der Wehmut, »Die Mädchen von Wilko«. Die Idylle ist in seinem Kino nicht nur dazu da, bedroht, verloren oder zerstört zu werden. Sie ist ein erzählerisches Argument aus eigenem Recht: eine Sphäre der bukolischen Gelöstheit, in der sich Abstand finden lässt zu den Schrecknissen des 20. Jahrhunderts und wo mitunter gar die Seelenknoten gelockert werden.

Die Kuratoren Rafał Syska und Philipp Hanke eröffnen einen anderen, frischen Blick auf den Filmemacher. Zehn Jahre nach seinem Tod hat er sich das Recht erworben, nicht mehr als unumstößliche Institution betrachtet zu werden – er darf neu entdeckt werden. Bei der die Schau begleitenden Filmreihe verfährt das Filmmuseum ähnlich. Zum Auftakt lief »Die unschuldigen Zauberer«, eine verblüffend leichtfüßige Komödie, mit der Wajda 1960 umgehend den Anschluss fand zur Aufbruchsstimmung der Nouvelle Vague. Hier triumphiert die Liebe, weil die Liebenden entdecken, dass sie sich nicht gegenseitig, sondern selbst überlisten müssen. Das Lebensgefühl einer jungen Generation klingt an und wird beschwingt vom Jazz in seiner Doppelwertigkeit von Rebellion und dem Rückzug in die Melancholie.

Wer vermutet, dass diese ausgelassene Eröffnung als ein Köder fungiert, liegt halbwegs richtig. Er entwaffnet die Ernsthaftigkeit dieses Lebenswerks nicht, nimmt ihm aber ein wenig von seiner Schwerkraft. Berühmt wurde Wajda in den 1950er Jahren mit seiner Kriegstrilogie. Der junge Regisseur betrachtete es als seine Pflicht, über den Weltkrieg zu erzählen, aber das lässt »Eine Generation«, »Der Kanal« und »Asche und Diamant« nicht zu einer Pflichtübung für das Publikum werden: Die Filme sind von bezwingender üppiger Sinnlichkeit, stellen eine unmittelbare physische Nähe her. Die Ausstellung trägt dem Rechnung, indem sie das Haptische betont, namentlich mit der Jacke und den Schuhen, die Zbigniew Cybulski in »Asche und Diamant« trägt. Auch er verkörperte ein jugendliches Lebensgefühl: Mit dem Ende des Weltkriegs beginnt die moderne Identitätskrise Polens. Die Filmwelt nahm augenblicklich Notiz von dieser neuen Stimme im osteuropäischen Kino. In Düsseldorf ist ein Telegramm zu sehen, in dem Ingmar Bergman seinem jungen Kollegen gratuliert, sowie ein Brief von René Clair, der »Asche und Diamant« als eines der größten Ereignisse des Weltkinos feiert. Auch die Kritikerpreise, die Wajda früh den Weg bahnten, kommen zur Geltung.

Die Schau ist klassisch konzipiert, verknüpft Wajdas Biografie mit historischen Wegmarken, gewährt einen Blick in seine Werkstatt und auf gesellschaftliche Kontexte. Bevor er an die Filmhochschule in Łódź ging, hatte er in Krakau bereits Kunst studiert. Die Malerei motivierte ihn. Er fertigte schon früh Storyboards an oder skizzierte, wie übrigens auch Tim Burton, Filmszenen auf Servietten. Ein Regisseur ist hier zu entdecken, der stilistisch zeit seiner Karriere ein Suchender blieb. Seine Themen waren unausweichlich: Er wollte sich mit der Realität verständigen, die ihn umgab. In der Epoche der »Moralischen Unruhe« im polnischen Kino begleitete er die politischen Geschehnisse der 70er und 80er voller Ungeduld, drehte gleichsam in Echtzeit. Jedoch transportierten seine Filme keine Botschaften, sondern entstanden aus der agilen Auseinandersetzung mit dem Temperament seiner Darstellerinnen und Darsteller. Wajda begriff, das wird hier allerorten deutlich, das Kino als Gemeinschaftskunst.

In den Vitrinen ist, neben Drehbuchauszügen, Arbeitsfotos und anderen Zeitdokumenten, ganz Erstaunliches zu entdecken, ein Brief an Paul Newman etwa, dem er 1983 die Titelrolle von »Korczak« antrug. Und beinahe hätte Wajda bei einem seiner zahlreichen Theaterprojekte mit Terrence Malick zusammengearbeitet.

Themenräume setzen Schwerpunkte. Der zum Zweiten Weltkrieg trägt den Titel »Hölle«, welcher durch die oft brutale Anschaulichkeit der Filmszenen beglaubigt wird. Ein zentraler Raum führt vor Augen, dass Wajda einer der wenigen polnischen Filmemacher war, die sich früh und intensiv mit jüdischen Traditionen und Lebenswelten beschäftigten. Dazu gehört auch die zynisch empörte Kritik, die 1990 in »Le Monde« zu »Korczak« erschien. Sie zeiht sein Porträt des Arztes, Erziehers und Publizisten, der jüdische Kinder retten wollte, des Antisemitismus. Das Vorurteil, ein polnischer Regisseur könne eben nur judenfeindliche Filme drehen, verhinderte 1976, dass Wajda den Auslands-Oscar für »Das gelobte Land« erhielt.

Die Räume sind ausgiebig mit unterschiedlichen Plakaten drapiert, die von der weltweiten Ausstrahlung der Filme erzählen. Obwohl Wajdas Kino tief in den literarischen und künstlerischen Traditionen seiner Heimat sowie deren Symbolsprache verwurzelt ist, lässt es sich doch mühelos übersetzen. Eine Brücke zum europäischen Kino schlug er darüber hinaus, indem er Filme in Deutschland und Frankreich drehte. Die Prominenz der Filmplakate in der Ausstellung korrespondiert auf schönste Weise mit einer Schau, die das nur wenige Schritte entfernte Polnische Kulturinstitut zeigt. Ihr Titel »Wajda aufs Neue« ist programmatisch: Der Plakatkünstler Andrzej Pagowski interpretiert seine Filme aus heutiger Sicht. Seine griffig provokanten Motive zeigen, dass er die Geheimnisse von Wajdas Filmen genau ergründet hat. Nur ein Plakat, das zu »Der Mann aus Eisen«, entstand 1981 noch original in Zusammenarbeit mit dem Regisseur. Der fand, es sei so gut, dass es sich allein seinetwegen schon gelohnt habe, den Film zu drehen.

Die Schau »Andrzej Wajda: Exhibition« ist bis zum 30. 8. im Filmmuseum Düsseldorf zu sehen. Die Plakatausstellung »Wajda aufs Neue« zeigt das Polnische Kulturinstitut noch bis zum 29.5.

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