Kritik zu The Love That Remains
Hlynur Pálmason wurde mit »Weißer, weißer Tag« und »Godland« bekannt. Sein neuer Film ist eine träumerisch-surreale Betrachtung einer zerbrochenen Elternbeziehung vor der malerischen Kulisse Islands
Dass auch nach der Trennung eine tiefe Verbundenheit zwischen den einst Liebenden herrschen kann, ist weder neu noch ungewöhnlich. Ebenso wenig wie die Tatsache, dass meist eine Person besser mit der Situation umgehen kann. So ist es auch in der Tragikomödie »The Love That Remains«. Mit verspieltem Minimalismus und fantastisch-surrealen Sequenzen erzählt Hlynur Pálmason davon. Die sinnlichen Bilder von Islands Natur und die vielen absurden Szenen mit ritterähnlichen Vogelscheuchen, Pfeilen in der Brust eines Jungen und übergroßen wütenden Hähnen aber untergraben den Schmerz der Trennung, Distanzierung und Entfremdung.
Das Leben von Anna (Saga Garðarsdóttir) und Magnús (Sverrir Guðnason) mit ihren drei Kindern samt Annas Eltern und Bruder scheint unaufgeregt harmonisch – obwohl sie getrennt sind. Den Eindruck verstärkt ein träumerischer Klavier-Score. Maggie, wie alle Magnús nennen, arbeitet als Hochseefischer und ist ohnehin häufig tagelang auf See. Anna hofft auf ihren Durchbruch als Schöpferin riesiger Bilder, für die sie mit Metallen und deren Oxidation arbeitet. Gemeinsam machen sie in der kargen Natur Islands mit den Kindern Ausflüge, sammeln Pilze und Beeren, jagen Fische, aalen sich in der matten Sonne, gehen eislaufen. Liebevoll ist der Umgang, oft auch ausgelassen albern. Doch irgendwann bekommt diese Idylle Risse. Magnús scheint immer weniger mit der Trennung zurechtzukommen, Anna wird immer distanzierter. Bis sie meint, ihn zu hassen, was wenig glaubwürdig ist.
Pálmason folgt dieser Familie ein Jahr lang, lässt den Wechsel der Jahreszeiten in kurzen Sequenzen an einer skurrilen Skulptur (Kunst oder Vogelscheuche?) im Zeitraffer dahinstreichen, wählt lange Detaileinstellungen von Flora und Fauna und entwickelt damit einen fesselnden, fast hypnotischen Sog, dem man sich gern hingibt. Doch diesem Sog folgt auch die Erzählung, die oft nicht nachvollziehbar ist und sich in den fantastischen Visionen verliert. Nach dem Besuch eines selbstgefälligen Galeristen aus Schweden, der am Ende Annas Werke doch ablehnt, sieht sie sein Flugzeug über dem Meer abstürzen. Nachdem Magnús auf Wunsch von Anna einen aggressiven Hahn getötet hat, sucht der ihn in Übergröße in einer beängstigenden Attacke heim. Oder Magnús blickt bei einem Picknick unter den Rock Annas, der im leichten Wind zu tanzen scheint. Realität oder Traum?
Hin und wieder schlägt Pálmason ernstere Töne an, etwa wenn es um den Verlust von Männlichkeit zu gehen scheint oder um Annas Selbstbehauptung als Künstlerin und Frau. Doch dann driftet die Erzählung wieder ins Absurde ab. Und Pálmason berauscht sich an Naturdarstellung und metaphorischer Überfrachtung. Am Anfang ist da eine leerstehende Halle, aus der die Fenster bereits ausgebaut sind, ein Kran außerhalb des Bildes hebt das Dach ab, das Gemäuer bleibt unerschütterlich stehen. Schon da ist klar, dass es um die Familie, um Beziehungen und ihre Kraft geht. »The Love That Remains« lässt einen etwas ratlos zurück – und träumerisch verzaubert.




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