Nahaufnahme von Stephen Graham
Stephen Graham als Chris in »Good Boy« (2025). © RPC Good Boy Limited & Skopia Film, photograph by Thomas Wood, X Verleih
Als Nebendarsteller hat Stephen Graham Gangster, Neonazis und Psychopathen gespielt, die im Gedächtnis blieben. Spätestens seit seinem Erfolg mit »Adolescence« bekommt er auch in der ersten Reihe die Aufmerksamkeit, die er schon lange verdient
Gauner, Kleinkriminelle, Mörder, Neonazis, Psychopathen – Stephen Graham hat sie alle gespielt. Wer Gangsterfilme mag, kennt sein Gesicht. Lange war er einer dieser Nebendarsteller, die überall mitspielen, die man sofort wiedererkennt – nur der Name fällt einem partout nicht ein. Das liegt nicht an mangelndem Charisma und erst recht nicht an seinem Talent, denn der 1973 in Liverpool geborene Schauspieler ist einer der besten und nuanciertesten britischen Schauspieler der letzten 25 Jahre. Seit dem Erfolg der One-Shot-Netflix-Sensation »Adolescence« 2025, für die er das Drehbuch schrieb, die er produzierte und in der er die Rolle des Vaters übernahm, ist sein Name ein Begriff.
Die Berufung zum Schauspieler ereilte Graham früh. Seine erste Rolle spielte er mit zehn Jahren in der Schultheaterproduktion »Die Schatzinsel«, als Teenager trat er in Produktionen des Everyman Theatre auf, unter anderem beim renommierten Edinburgh Festival. In den 1990er Jahren war er in einigen britischen TV-Serien zu sehen, unter anderem in zwei Episoden der Kinder-Krankenhausserie »Children's Ward«. Nach seinem Schulabschluss besuchte er das Rose Bruford College in London, das auch Gary Oldman absolviert hat. Erste größere Filmrollen übernahm Graham 2000 in Guy Ritchies »Snatch« – wo er als tapsig-naiver Sidekick von Jason Statham seine selten gezeigte komödiantische Seite offenbart – und in Martin Scorseses »Gangs of New York« (2002).
Das Abgründige, auch körperlich Brachiale steht Graham einfach zu gut. Größere Bekanntheit erlangte er mit genau einer solchen Rolle: In »This Is England« (Shane Meadows, 2006) bringt er als Combo, der nach drei Jahren Haft und nationalistisch radikalisiert zurück in seine Heimatstadt kommt, die Dynamik einer friedlichen Skinhead-Gruppe durcheinander. Oft zitiert wird sein rassistischer Monolog, in dem jedes seiner Worte, die er wie Gift und Galle ausspeit, beängstigend glaubwürdig wirkt. Dabei überzeugt er vor allem in den emotional leisen Momenten. Combos harte Fassade bröckelt, wenn er behutsam den zwölfjährigen Shaun unter seine Fittiche nimmt oder Skinhead-Girl Lol seine Liebe gesteht und nach ihrer Zurückweisung verzweifelt weinend zusammenbricht. Diese fast zarte Verletzlichkeit steht in extremem Kontrast zu den eruptiven Gewalteskalationen, die Graham im Repertoire seines oft ziemlich physischen Schauspielstils abrufen kann. Blitzschnell schaltet er zwischen Charakterdarsteller und Psychopath um und wirkt in beiden Zuständen gleichermaßen überzeugend. Combos Rolle entwickelte er in den TV-Spin-offs »This Is England '86«, »This Is England '88« und »This Is England '90« (gedreht zwischen 2010 und 2015) weiter, bis der geläuterte Ex-Nazi im Film beinah sympathisch wirkt.
Fiese Bösewichte in ihrer Komplexität darzustellen, empfindet er als Herausforderung, Rassisten oder gar Heinrich Himmler in »The Iron Heart« zu spielen, fällt ihm hingegen schwer, wie er in Interviews zugibt. Sein Vater ist Halb-Jamaikaner, Graham hat in der Kindheit in Kirkby, Liverpool, selbst Erfahrungen mit Rassismus gemacht, auch wenn er äußerlich nicht als Person of Color erkennbar ist. Sein jamaikanischer Background ist ihm wichtig, er hat ihn für Diskriminierung sensibilisiert.
Privat ist er ein Familienmensch. Seine Frau, die Schauspielerin Hannah Walters, lernte er auf der Rose Bruford kennen. Sie lebten in Rom und London, heute sind sie in Ibstock zu Hause, einem ehemaligen Coal-Mining-Village in Leicestershire in den englischen East Midlands, wo Graham einer von rund 5.000 Einwohnern ist. Ihre gemeinsame Tochter Grace wurde 2004, ihr Sohn Alfie 2007 geboren, 2008 heiratete das Paar. Als er in New York die Serie »Boardwalk Empire« drehte, in der er in 36 Episoden den jungen Al Capone spielt, vermisste er seine Familie. Seither investiert er sein Reisebudget in häufigere Economy-Class-Flüge, damit er an freien Drehtagen nach Ibstock fliegen kann, und verzichtet auf Erste-Klasse-Flüge und luxuriöse Hotels. Für die Dreharbeiten von »Pirates of the Caribbean – Fremde Gezeiten« (2011), in dem er einen Seeräuber mit Cockney-Akzent verkörpert und in dem auch seine Frau mitspielt, flog die ganze Familie nach Hawaii, sie lebten in einem Haus am Strand. Es war auch der erste Film mit ihm, den seine Kinder sehen durften. Mittlerweile überragen die Kinder den nur 1,66 Meter großen Vater um einen Kopf, und er dreht mit ihnen TikTok-Videos, die wirken, als hätten sie ein inniges Verhältnis. Graham mag aussehen wie der Archetyp des britischen Hooligans, scheint aber ein ziemlich netter, sensibler und progressiver Typ zu sein.
In den letzten Jahren hat er sich beruflich weiterentwickelt, Rollen mit mehr Leinwandpräsenz übernommen und gezeigt, dass er als gebürtiger Scouser (so die Selbstbezeichnung von Liverpoolern) nicht nur ein Meister verschiedenster Akzente, sondern auch physisch wandelbar ist. Seine Figur Henry »Sugar« Goodson, ein Bareknuckle-Boxer, wird in der Hulu-Serie »A Thousand Blows« erst am Ende der ersten Folge eingeführt: Wir sehen zuerst einen massiven Rücken. Keine spielenden Muskeln, keine hektischen Bewegungen, nur eine Ehrfurcht gebietende Mauer aus Fleisch. Danach folgen wir diesem Kraftprotz in den Ring, bevor wir ihn erstmals von vorn sehen. Sechs Monate lang hat der inzwischen 51-jährige Graham dafür täglich trainiert, ihm ist eine erstaunliche Metamorphose gelungen. Kein Special Effect, pure Willenskraft und Disziplin. Sein nuanciertes Spiel leidet darunter nicht. Wie schon Neonazi Combo versteckt sich auch dieser äußerlich harte und unglücklich verliebte Sugar hinter einer Maske aus starrer Männlichkeit, die gleichermaßen Schutz wie Gefängnis ist.
Und Graham ist noch lange nicht fertig. Gemeinsam mit seiner Frau gründete er 2020 die Produktionsfirma Matriarch Productions mit dem Ziel, eine Plattform für bisher unterrepräsentierte Stimmen und Geschichten in Großbritannien zu sein und Diversität und Inklusion in der Filmbranche zu fördern. Zuerst entstand daraus »Boiling Point« (2021, auf Netflix als »Yes, Chef«). Graham spielt Andy, den Chef eines Gourmetrestaurants, alles passiert an einem hektischen Arbeitstag. Der Druck im Kessel nimmt zu, bis Andy die Sicherung durchbrennt. Besonders werden Grahams Performance und die des Ensembles auch dadurch, dass »Boiling Point« in eineinhalbstündiger Plansequenz als One-Shot-Film gedreht ist, unter der Regie von Philip Barantini. Der Film war so erfolgreich, dass eine Serie beauftragt wurde.
Barantini führte auch bei der nächsten One-Shot- und Matriarch-Produktion Regie, womit wir bei Grahams bisher größtem Erfolg »Adolescence« angekommen sind. Graham selbst entwickelte die Idee gemeinsam mit Jack Thorne und schrieb mit ihm das Drehbuch, außerdem übernahm er die Rolle des Vaters. Die Serie und Grahams Performance wurden vielfach ausgezeichnet, unter anderem bei den Golden Globes und den Emmys. Als Vater eines Kindes, das einen Mord begangen hat, kann er ganz neue Facetten zeigen. Keine Wutausbrüche, keine exaltierte Gewalt, nur ein Mann, zerrissen zwischen Schuld, Wut und Liebe.
Aktuell, in »Good Boy«, zeigt Graham eine neue, ziemlich abgedrehte Seite. Sein schlecht sitzendes Toupet, die altmodische Brille und sein bemüht freundlich-entschuldigendes Lächeln können nicht darüber hinwegtäuschen, dass hier etwas Ungutes lauert und bedrohlich anschwillt. Ist da wieder dieser Psychopath, der unvorhergesehen eskaliert? So seltsam und beunruhigend hat Graham zwar noch nie gewirkt, aber auch in »Good Boy« überrascht seine Figur mit einigen Wendungen, die den irren Typ dank seines schauspielerischen Könnens in manchen Momenten nahbar, nachvollziehbar und zutiefst menschlich scheinen lassen.




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