Ozeanisch
Relativ unbemerkt hat sie einen neuen Film gedreht, der drei Wochen vor ihrem heutigen Geburtstag in Frankreich herauskam. Er heißt »Le Cri des gardes«, der Schrei der Wachen, und ist eine Adaption von Bernard-Marie Koltès' »Kampf des Negers und der Hunde«. Mit ihrer Verfilmung löst Claire Denis ein Versprechen ein, das sie dem Dramatiker gab, als sie halb so alt war wie heute.
Diese Filmemacherin hält den Menschen und Ideen auf einmalige Weise die Treue. Sie verfolgt ihre Themen mit der gleichen Beharrlichkeit, die sie regelmäßig auf vertraute Darsteller und Teammitglieder zurückgreifen lässt. Dank dieser Kontinuität lässt sich das Werk der Regisseurin verblüffend schnell durchqueren - was nicht bedeutet, dass man es leicht in den Griff bekommt. Als sie Koltès ihre Zusicherung gab, stand dessen Tod an den Folgen von AIDS kurz bevor. Er war mit Isaach de Bankolé befreundet, der 1988 gerade in Denis' Regiedebüt »Chocolat« aufgetreten war. In »Le Cri des gardes« ist der Schauspieler wieder mit von der Partie: selbstverständlich, möchte man sagen, aber solche Konsequenz grenzt im Filmgeschäft an ein Wunder. Hoffentlich bekommen wir den Film auch hier zu Lande zu sehen; wahrscheinlich irgendwann auf arte.
Am 13. Mai wird ihr in Cannes die "Carosse d'or" verliehen, ein Preis, den der französische Regieverband seit 2002 im Rahmen der „Quinzaine des Cinéastes“ vergibt. Anfangs, als Regisseurinnen noch seltener waren, hieß die Sektion noch "Quinzaine des Réalisateurs". Die Liste der Preisträger ist ein wahres Adelsregister (https://fr.wikipedia.org/wiki/Carrosse_d%27or,), aber es hätte nicht erst Denis' runden Geburtstag gebraucht, um sie darin aufzunehmen. Es passt vielleicht zu ihr, dass der Preis nach einem Film von Renoir benannt ist. Auf jeden Fall passt es, dass es sich um ein Fortbewegungsmittel handelt und erst recht, dass er von ihren Kolleginnen und Kollgen vergeben wird. Andererseits: ein directors' director ist sie längst nicht mehr.
Vor einigen Jahren, es muss um 2014 herum gewesen sein, habe ich in Berlin einmal ein Gespräch mit Denis und FilmstudentInnen moderiert, das mir aus mehreren Gründen im Gedächtnis geblieben ist. Zum einen gewiss wegen der Familiarität, die zwischen ihr und den Plenum herrschte: Ehrfurcht ließ sie nicht zu. Eine kuriose Anekdoten erinnere ich ebenfalls lebhaft. Der Kindervers "Laterne, Laterne, Sonne Mond und Sterne", erzählte sie, ertönt in »35 Rhums«, weil sie ihn während ihrer Hochzeitsreise gehört hatte (an die Nordsee, das kann man bei einer Französin vielleicht noch verstehen, aber ausgerechnet im November!) Es gab indes noch andere Verse, die sie zitierte, und mit ihnen wurde das Gespräch immens spannend. Auf die Frage, ob sie als Filmemacherin eine bestimmte Haltung oder Philosophie verfolge, rezitierte sie den Anfang der "Meeresode" (Ode Maritima), die Fernando Pessoa unter dem Pseudonym Álvaro de Campos veröffentlicht hat. Sie hebt an einem verwaisten Quai an, wo das literarische Ich eines Sommermorgens hinaus zur Mündung schaut, und weiter ins Unendliche. Es erfreut sich am Anblick eines Ozeandampfers, der gerade einläuft. Augenblicklich hatte man Pessoa vor Augen, der auf den Tejo blickt und damit auf das Meer, in das er fließt. Das morgendliche Gefühl von Aufbruch und Bereitschaft war sofort spürbar. Ebenso augenblicklich glaubte man, einen Schlüssel zu ihrem Kino gefunden zu haben, das in die Ferne strebt und die Unermesslichkeit nicht fürchtet. Der Dichter sieht hier sein Leben verlängert.Seine Sehnsucht ist so unbestimmt wie sein Heimatland. Der Dampfer erscheint ihm bereits als ein Hotel der Unendlichkeit, aber bald verliert er das Interesse an dem anlegenden Schiff und wendet den Blick einem anderen zu, das in See sticht. Die Neugier auf das, was hinter dem Horizont liegt, zeichnet Denis' Werk seit fast vier Jahrzehnten aus. Es besaß auch eine schöne Logik, dass sie keinen französischen Dichter als Inspirationsquelle namhaft machte. Auf Freuds "ozeanisches Gefühl" stieß ich erst viel später, seinen Begriff für die Unbegrenztheit und die gleichzeitige, unauflösliche Verbundenheit mit dem Ganzen.
Aber bereits ein, zwei Jahre begegneten mir Denis und »Die Meeresode« wieder, als ich auf Christoph Hochhäuslers Blog eine Laudatio entdeckte, die er in Köln auf die Regisseurin gehalten hatte (https://parallelfilm.blogspot.com/2016/10/laudatio-fur-claire-denis.html). Zweifellos bewundert er sie noch viel gründlicher als ich, aber er war der selben Spur gefolgt. "Her cinema is about the things we see last", sagt er darin. Er erkennt in ihrem Kino eine Verschwörung der Schönheit, die es um so geheimnisvoller werden lässt, eine Aufforderung: "to see beyond the obvious towards the indefinite" In der englischen Übersetzung klingt vieles fast noch prägnanter als in der gewiss hervorragenden deutschen von Inés Koebel, die ich gerade in Händen halte.
Da dies ein eminent zitierfreudiger Eintrag ist, gleich noch ein paar Gedanken von Christoph Hochhäusler, die schön an die Deutung der Ode anschließen: "Für mich ist sie eine Filmemacherin, die wirklich fürs Kino arbeitet, weil sie (in ihren besten Filmen) Dinge, Momente, Bewegungen filmt, die "nichts Bestimmtes" sind, sich kaum benennen lassen, also Bild werden müssen, um überhaupt in die Welt zu kommen. Es geht um Entdeckungen, die der Prozess des Filmens selbst hervorbringt, nicht das Papier der Anträge und Drehbücher." Das schrieb er mir, sozusagen als Bonusmaterial, in einer Mail auf meine Frage, wie er seinerzeit auf den Bezug zu Pessoa kam. Er hatte sie einmal um ein filmisches Manifest gebeten für die Zeitschrift "Revolver", die er mit herausgibt. Es ist erschienen in der fabelhaften Nummer 26, neben Grundsatzerklärungen von Apichatpong Weerasethakul, Angela Schanelec, Romuald Kamarkar, Klaus Lemke und anderen. (Irgendwie findet sich Denis immer in guter Gesellschaft wieder, nicht nur auf der Preisträgerliste in Cannes.) Ihr Beitrag endet mit den Auftaktversen der Ode, die sie auswendig kennt. Es geht um Spannung und Warten, sie beruft sich in diesem Zusammenhang eingangs auch auf einen Satz von Picasso – wieder kein Franzose! - über die Linienführung, die nicht zittern darf. Ihre Zeilen sind schön und rätselhaft. Ich denke bis zu ihrem nächsten Geburtstag mal über sie nach.




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