Nachruf: Robert Duvall
Robert Duvall
5.1.1931 – 15.2.2026
Nüchternheit ist eine Tugend, die man an Schauspielern oft unterschätzt. Robert Duvall trat stets konzentriert und gelassen vor die Kamera. Wo andere einen tollwütigen Killer gespielt hätten, analysierte er erst einmal die Gründlichkeit, mit der seine Schurken böse waren. Wenn er ausnahmsweise einen Überschuss an Mienenspiel und Gestik aufbot, dann nur, weil es zu den Figuren gehörte. Den Satz in »Apocalypse Now«, der ihn legendär werden ließ – »Ich liebe den Geruch von Napalm am Morgen« –, intonierte er relativ trocken.
Er besaß ein amerikanisches Talent fürs Anschauliche. In seinen Zügen und dem Funkeln seiner Augen wurden verschwiegene Leben beredt. Er konnte in Hauptrollen fabelhaft sein, aber sein Genie entfaltete sich am zuverlässigsten in der zweiten Reihe. Seine bloße Präsenz genügte meist, um ein atmosphärisches Einverständnis mit dem Film herzustellen. Welch begnadeter Zuhörer dieser Schauspieler war, offenbarte er schon als Anwalt des Corleone-Clans in »Der Pate«, wo ihn die Geräuschlosigkeit zum Inbegriff der Loyalität machte. Da sprach er allerdings auch den ersten legendären Dialogsatz seiner Karriere: »Es ist nur Geschäft, nichts Persönliches.«
Mehr als sechs Jahrzehnte lang gehörte Duvall zum unkündbaren Personal des US-Kinos. Er war klug genug gewesen, nicht am Actors Studio zu studieren, sondern bei einem Abtrünnigen von Lee Strasberg. Sein Lehrer Sanford Meisner setzte nicht auf das affektive Gedächtnis von Schauspielern, sondern auf deren Instinkt und Vorstellungskraft. Den prägenden Method Actors seiner Zeit – Brando, Pacino, De Niro – begegnete er später als ebenbürtiger Partner. Den Weg zur Schauspielerei ebnete ihm ein Armeestipendium, das er nach seinem Dienst in Korea erhielt. In diese Zeit fiel die erste prägende Begegnung seiner Laufbahn – mit dem Dramatiker Horton Foote. Der schrieb später die Drehbücher zu zwei seiner wichtigsten Filme, seinem Kinodebüt »Wer die Nachtigall stört« (1962) und »Comeback der Liebe« (»Tender Mercies«), für den Duvall 1984 den Oscar als Bester Hauptdarsteller erhielt. Die zweite richtungsweisende Begegnung fand 1969 mit Francis Ford Coppola bei »Liebe niemals einen Fremden« (»The Rain People«) statt. Fortan wurde er zu einem unverzichtbaren Komplizen des New Hollywood. Parallel dazu entwickelte der überzeugte Republikaner sich indes zu einem Siegelbewahrer konservativer Traditionen. Kaum jemand verkörperte die Folklore des Western so ikonisch wie er, niemand war so glaubwürdig als Cowboy oder Fährtenleser. Duvall blieb dem Genre noch treu, als es aus der Mode kam und ins Fernsehen abwanderte; für die Miniserien »Lonesome Dove« und »Broken Trail« wurde er mit Golden Globes und Emmys ausgezeichnet. Duvall schätzte den entspannten Rhythmus der Pferdeopern, liebte ihre melodiöse Sprache (er dehnte die Vokale gern) und die Selbsterkenntnis alternder Helden, die das eigene Leben als Gleichnis für ihr Land lesen konnten. Duvall war Amerikas Gewährsmann der Überlieferung.
Hoch gewachsen war er nicht, was seine Figuren meist durch drahtig-virilen Schwung kompensierten. Selbst die Konfrontation mit dem baumlangen John Wayne in »Der Marshal« fürchtete er nicht. (Nur zwei Wochen später drehte er übrigens »MASH« mit Robert Altman, was demonstriert, wie geschmeidig er zwischen dem alten und dem neuen Kino navigierte.) Seine Figuren waren robust, im Guten wie im Bösen, und bewiesen eine rasche Auffassungsgabe, der rücksichtslose Chef des TV-Senders in »Network« ebenso wie der verbitterte Offizier in »Der große Santini« oder die Cops in »Fesseln der Macht« und »Colors«. Duvalls Charaktere blieben auf Spur, sie ließen Blessuren pragmatisch vernarben; die Rolle des alkoholsüchtigen Countrysängers in »Comeback der Liebe« legte er als lyrische Chronik eines reparierten Lebens an. Die Songs schrieb und sang er selbst. Als Regisseur war er neugierig auf »Americana«-Aspekte, die eher ungeläufig waren – etwa das Milieu der Sinti in »Angelo, My Love« oder das der Evangelisten in »Apostel!« –, und frönte nebenbei seinen zwei privaten Passionen, der Pferdezucht und dem Tango.





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