Kritik zu Open Range – Weites Land

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In seinem neuen Western, seiner mittlerweile vierten Regiearbeit, geht Costner den dem klassischen Western zugrunde liegenden Schöpfungsmythos direkt an. Die eigentliche Hauptfigur dieses Films, aber auch der eigentliche Konfliktfall, ist das Land. Die ersten Einstellungen des Films zeigen Panoramen von grünen Tälern und schneebedeckten Gipfeln, bis die Kamera auf einem Reiter verweilt, der in die Ferne blickt. Noch ist dieses Land frei, erfahren wir später (und, ganz nebenbei, dass es den Indianern abgetrotzt wurde), doch die reichen Rancher strecken ihre Hände danach aus. Boss Spearman (Robert Duvall), der Mann auf dem Pferd, und Charley Waite (Costner) sind freelancer, wie wir heute sagen würden, Cowboys ohne Land, aber mit einer Herde, die sie auf den Weiden grasen lassen, die noch niemand gehören. Wohlgelitten sind sie nicht.

Schon dieses Setting, bekannt aus Hunderten von Vorgängerfilmen, zeigt jene Unbefangenheit, die man antiquiert oder kitschig finden kann – oder faszinierend, weil der Post-Western mit diesem Film zu seinen Wurzeln zurückkehrt. Es geht um das Leben an der Grenze der »Zivilisation«, wo es Wochen braucht, den nächsten Vertreter von Recht und Ordnung anreisen zu lassen. Denn das Städtchen Harmonville, nur ein paar Häuser an einer »Hauptstraße«, ist so gut wie gesetzlos, es wird beherrscht von dem skrupellosen Rinderbaron Baxter (Michael Gambon), der auch den korrupten Sheriff Poole (James Russo) bezahlt. Und dieser schaut zu, wie Baxters Leute Mose, einen von Boss' Leuten, zusammenschlagen, um ihn dann einzubuchten. Zwar kriegen Boss und Charley ihn frei, aber sie wissen: Der Kampf hat erst angefangen.

Costner nimmt sich Zeit, die Charaktere von Boss und Charley langsam zu entwickeln. Beide sind nicht gerade die jüngsten, aber das aufdringliche Betonen von Gebrechen, das so mancher Spätwestern von Peckinpah bis Eastwood als Running Gag mit sich schleppt, ist diesem Film fremd. Es ist Freundschaft zwischen ihnen, obwohl sie sich nach den zehn Jahren, in denen sie »miteinander geritten« sind, wie ein altes Ehepaar verhalten, nichts voneinander wissen. Sprache oder gar das Ausdrücken von Gefühlen in Worten war in der Prärie noch nie endemisch. Beide schleppen aber doch die Schatten ihrer Vergangenheit mit sich herum. Obwohl die eigentliche Hauptfigur, auch in einem moralischen Sinn, von Robert Duvall verkörpert wird, gehört Costner der interessantere Charakter: Charley war ein Killer, während und nach dem Bürgerkrieg.

Western haben immer mit der Zeit danach zu tun. Sie spielen nach dem Bürgerkrieg, nach dem Goldrausch (und sowieso meist nur in dem begrenzten Abschnitt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts) und Western ohne Westen wie »The Hi-Lo Country« (1998) oder »All die schönen Pferde« (2000) nach dem Zweiten Weltkrieg; verstärkt wurden sie nach dem Vietnam-Krieg gedreht. Der Western mit seinem begrenzten Personal und seinen eingeschränkten Mustern ist ein offenes Genre, das sich immer schon um die Befindlichkeiten seiner Entstehungszeit kümmerte. Hat »Open Range« deshalb etwas mit dem 11. September und Bushs danach einsetzendem »Kampf gegen das Böse« zu tun? Wohl kaum. Sicherlich geht es in »Open Range« um das Durchsetzen von so etwas wie Gerechtigkeit, die auch über dem eigentlichen Gesetz stehen kann, aber mehr noch um das Ende der Gewalt.

So hat Costner auch den finalen Shootout zwischen den Cowboys und Baxters Leuten weder modern stilisiert aufgeladen noch als einen ehrlichen Kampf Mann gegen Mann inszeniert. Auch hier ist dieser Film erfreulich unzeitgemäß. Ihm sind Peckinpahs Todesballette oder die Coolness, die Robert Rodriguez in den »Mariachi«-Filmen entwickelt, völlig fremd. Es ist ein düsteres, verbissenes Schlachten, in dem der ehemalige Revolverheld Charley seinem Gegenüber auch nicht den Hauch einer Chance lässt und fast wie eine Maschine kämpft. Dieses Shootout gehört sicherlich zu den Meisterleistungen des Western in den letzten Jahrzehnten.

Am Ende werden Boss und Charley sesshaft. Charley hat sich in die Schwester des Doktors von Harmonville, Sue (Annette Bening) verliebt. Auch in dieser eher zarten Liebesgeschichte zwischen dem Mann, der vor seiner Vergangenheit flieht, und der Frau, die im Land an der Grenze ihre besten Jahre verloren hat, lässt sich dieser Film sehr viel Zeit und spielt ein charmantes Spiel mit Charleys Unbeholfenheit. Dass beide in den Vierzigern sind, im Film wie in der Realität, und sich dennoch scheu wie Jugendliche verhalten, macht einen weiteren Reiz dieses Films aus.

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