Kritik zu Les Misérables – Die Geschichte von Jean Valjean
»Die Elenden« ohne Fantine und Cosette, ohne den gnadenlosen Javert und die niederträchtigen Thénardiers, ohne die Barrikaden und Abwasserkanäle von Paris? Éric Besnard erschließt sich Victor Hugo auf eigene Weise.
Tagelang war er auf den Beinen, irrte bei Wind und Wetter durchs Land, wo niemand ihm Obdach gewährte oder auch nur ein Stück trockenes Brot für ihn übrig hatte. Nun hat der erschöpfte Wanderer eine warme Mahlzeit verschlungen und dazu Wein getrunken, der ihm mundete. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten liegt er in einem weichen Bett. Aber zur Ruhe kommt der entlassene Sträfling nicht.
Als er vom Bett aufblickt, erscheint vor seinen Augen die steinerne Decke der Zelle, über die sich sogleich die Gesichter seiner Kameraden als Doppelbelichtungen legen. Es gibt kein Entkommen für ihn in diesem ausgesprochen mineralischen Film, der in den Felslandschaften des Luberon spielt und dessen eindrucksvollster Drehort die Ockersteinbrüche von Bruoux sind. Sie doubeln das Straflager, sind jedoch ganz bleich, denn die Kamera hat alle Farben entsättigt, so dass man im Dunkel der Nacht mitunter die Gesichter nicht von den Mauern unterscheiden kann.
Jean Valjean (Grégory Gadebois) tritt so schroff auf wie die Felsen, die er zuvor bestiegen hat. Er findet kein Wort des Dankes für seinen Gastgeber (Bernard Campan), der ihm bereitwillig Kost und Logis bietet. Barsch gibt er sich auch gegenüber dessen Schwester (Isabelle Carré), die an Schwindsucht leidet. Die Haushälterin (Alexandra Lamy), die den ungebärdigen Fremden am liebsten fortschicken würde, lässt er handgreiflich seinen Zorn spüren.
Valjean, der wegen eines gestohlenen Laibes Brot 19 Jahre Zwangsarbeit abbüßte, hat bis zu diesem Abend nur im Hass auf die Welt einen Halt gefunden. Jetzt ist er in eine wundersame Falle der Menschenfreundlichkeit getappt. Sein Wohltäter ist Bischof Myriel, der es vorzog, in bescheidenen Verhältnissen zu leben. In den nächsten 24 Stunden wird er um die Seele des misstrauischen Gastes kämpfen und wird dieser ihm erbitterten Widerstand leisten. Die heitere Großmut des Menschenfischers ist unfassbar, geradezu aufreizend. Sein Widersacher jedoch, den er als Bruder anspricht, scheint unerschütterlich in seinem Urteil über die Menschheit.
Éric Besnard erzählt von diesem Tauziehen gegensätzlicher Prinzipien in solch großzügig achtsamem Tempo, dass bald klar wird, dass er das epische Pensum seiner Vorlage nie bewältigen kann. Das hat er auch gar nicht vor, sondern adaptiert nur den Auftakt der »Elenden«: als ein Kammerspiel mit vier Personen, in dem freilich die gesellschaftskritische Vision von Hugos weit gesponnenem Fresko vollgültig enthalten ist; zumal wechselnde Erzählerstimmen aus dem Off dessen funkelnde Prosa sprechen. Der Disput um sittliche und soziale Gerechtigkeit gewinnt authentisch Hugo’sches Pathos. Besnard hat ihn glänzend besetzt. Die bigotte Haushälterin ist dabei zweifellos die schwierigste Figur. Lamy verkörpert jene ländliche Voreingenommenheit, die ihr als Lehrerin in Besnards vorangegangenem Film »Louise« und die Freiheit des Lebens entgegenschlug – und dort den zivilisatorischen Fortschritt behinderte. Aber auch sie ist eine Suchende, lernt Lesen und Schreiben, um dereinst mit dem Hausherrn philosophieren zu können. Das ist das Grundprinzip von Besnards Kino: Die Antwort ist stets im Gegenüber zu finden.




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