Kritik zu Romería – Das Tagebuch meiner Mutter

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2025
Original-Titel: 
Romería
Filmstart in Deutschland: 
02.04.2026
L: 
115 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Die spanische Regisseurin und Drehbuchautorin Carla Simón (»Alcarràs«) verarbeitet in ihrem dritten Spielfilm die eigene Familiengeschichte.

Bewertung: 5
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In Barbet Schroeders Debütfilm »More – mehr – immer mehr« aus dem Jahr 1969 verliebt sich der junge Student Stefan im damaligen Hippieparadies Ibiza in die mysteriöse Amerikanerin Estelle. Die beiden kommen zusammen und sind glücklich – bis Estelle Stefan dazu drängt, mit ihr Heroin zu nehmen, und die junge Liebe im Unglück versinkt. Schroeders visuell opulente Tragödie ist heute leider weitgehend vergessen, aber zumindest eine prominente Bewunderin des Films lässt sich ausmachen: die spanische Regisseurin Carla Simón. Auf den ersten Blick scheint Simón in ihrem neuen Film »Romería« eine Art spekulative Fortsetzung zu »More« zu entspinnen: Was wäre, wenn Stefan und Estelle eine Tochter gehabt hätten? Zugleich aber handelt es sich bei »Romería« um eine weitere autobiografische Erkundung Simóns, die mit diesem Film, wie schon mit den beiden Vorgängern, die Tiefen ihrer eigenen Familiengeschichte auslotet.

Speziell setzt sich die Regisseurin in »Romería« mit dem Aidstod ihrer Eltern auseinander – bereits in ihrem Erstling »Fridas Sommer« erzählte Simón von einem jungen Mädchen, das nach dem Tod der Mutter bei Verwandten unterkommt und sich nur schwer an das neue Leben gewöhnen kann. In »Romería« aber nimmt Trauerarbeit eher die Form einer Investigation an. Der Film folgt Marina (Llúcia Garcia), einer unbekümmerten Teenagerin und angehenden Filmstudentin, die 2004 mit ihrer digitalen Videokamera im galizischen Vigo auftaucht und auf ein Familiengeheimnis stößt. Marina freut sich darauf, die Familie ihres Vaters Alfonso kennenzulernen, die sie seit Kindertagen nicht mehr gesehen hat. Eigentlicher Grund ihres Besuchs aber ist, dass sie offizielle Dokumente für ihr Unistipendium benötigt, die Alfonsos Vaterschaft bestätigen. Marinas Existenz fehlt jedoch in seiner Sterbeurkunde, was sie zunächst für einen bürokratischen Irrtum hält. Schockiert muss sie allerdings feststellen, dass zumindest ein Teil ihrer Verwandtschaft sie noch immer nicht als Familienmitglied anerkennt.

Die Eröffnungsszenen des Films werden unterbrochen von Zitaten aus dem Tagebuch von Marinas verstorbener Mutter, in dem sie über ihren Umzug nach Vigo mit Alfonso – kurz: Fon – schreibt. Diese Stellen stammen aus realen Briefen von Carla Simóns Mutter. In einem Interview hat die Regisseurin beschrieben, wie emotional der Prozess war, diese Briefe zu bebildern – ein Vorgang, durch den sie eine Verbindung zu ihrer Mutter spürte, die ihr Familienfotos nie vermittelt hatten. Es zeugt von dem herausragenden Talent Simóns, die mit dem Vorgänger »Alcarràs« den Goldenen Bären gewann, dass eine solch persönliche Auseinandersetzung zugleich so universell und packend wirkt. Kaum hat der Film Marinas Onkel und Tanten, Großeltern und Cousins vorgestellt, ist man wie versunken in ihrer Geschichte.

Das liegt vor allem an Simóns instinktiver Fähigkeit, realistische Familienszenen heraufzubeschwören. Erstens gelingt das durch Hélène Louvarts Kamera, die sich unaufdringlich und doch präzise beobachtend in jede Runde einfügt wie ein weiteres Familienmitglied. Außerdem überzeugt der durchweg brillante Cast, allen voran Llúcia Garcia als Marina, die ihre streitsüchtigen Großeltern dazu bringen muss, eine offizielle eidesstattliche Erklärung abzugeben, dass sie tatsächlich Fons Tochter ist.

Darüber hinaus zeigt die Regisseurin wie schon in »Alcarràs« ein Gespür dafür, spanische Landschaft und Kultur mit einer einnehmenden Mischung aus Skepsis und Hoffnung zu betrachten. Simóns Filme machen sichtbar, dass sich hinter idyllischen Landschaftsbildern oft mächtige Prozesse verbergen, die arme oder unangepasste Menschen unerbittlich verdrängen. Zugleich aber gibt es in »Romería« erneut eine Fest- und Tanzszene, die Gemeinschaft und Solidarität heraufbeschwört. Schließlich steht am Ende eine ausgedehnte Rückblende in wunderbar körnigen Super-8-Bildern, die am deutlichsten auf Schroeders »More« verweist. Mit diesem Geflecht aus Referenzen, autobiografischen Verweisen und purer Kinomagie beweist Símón ihren Status als eine der interessantesten neuen europäischen Autorenfilmerinnen.

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