Kritik zu Paris Murder Mystery
Komödie trifft Krimi, Psychoanalyse verbindet sich mit Übersinnlichem, und eine Zeitreise ist auch noch drin: Rebecca Zlotowskis wilder Genremix funktioniert – nicht zuletzt dank eines gut aufgelegten Starensembles
Wenn Psychiater für ihre Patienten das Problem und nicht die Lösung verkörpern. In Rebecca Zlotowskis »Paris Murder Mystery« rechnet der als »patient fumeur« eingeführte Pierre Hallan (Noam Morgensztern) seiner Therapeutin vor, was sie ihn in acht Jahren gekostet habe: 32 000 Euro und 8000 Zigaretten. Die psychoanalytischen Bemühungen der in Paris lebenden und in einer luxuriösen Wohnung praktizierenden Amerikanerin Lilian Steiner (Jodie Foster) haben die Nikotinsucht des Mannes offenbar nicht beseitigt. Sie nimmt, ganz alte Schule, Therapiesitzungen mit dem MiniDisc-Rekorder auf, hört aber ihren Patienten nicht immer wirklich zu.
Mit dem Song »Psycho Killer« der Talking Heads, einer (vermeintlichen) Leiche im Schnee, deren Zeigefinger sich erhebt, der Schmähung Steiners durch lärmige Nachbarn als »Rabat-oije« (Slang für »Rabat-joie«: Spaßbremse) und dem renitenten Patienten Hallan beginnt der Film im Komödienmodus. Mit dem Tod der Patientin Paula Cohen-Solal (Virginie Efira) erweitert sich das Genrespektrum. Es entsteht so etwas wie Woody Allens »Manhattan Murder Mystery« à la française, bereichert um einen Einstieg in paranormale Phänomene (Dibbuk) und unterbewusste Welten (Visionen, Halluzinationen, Hypnosebilder), komplexe Ehe-, Beziehungs- und Familiengeschichten sowie eine Zeitreise ins Jahr 1942, als Nazis in Paris herrschten. In einem früheren Leben war Lilian möglicherweise Paulas Geliebte; beide Jüdinnen spielten in einem Orchester Gustav Mahlers »Kindertotenlieder«. Erzählerische Stringenz sieht anders aus. »C’est délirant«, heißt es einmal sehr passend in einem Dialog. »Ja, es ist ein sehr verspielter Film, intellektuell reich und trotzdem lustig. Er nimmt sich selbst nicht allzu ernst«, hat Foster erklärt.
Selbstmord oder Mord? Foster als Lilian glaubt an ein Verbrechen, das sie mit ihrem geschiedenen Mann (Daniel Auteuil) lösen will. Zeit für Sex mit dem Ex hält der französische Film auch bereit. Hauptverdächtiger ist Paulas Ehemann Simon, den Mathieu Amalric angemessen rätselhaft erscheinen lässt. Lilian handelt wie besessen von seiner Schuld, was zu aggressiven Konfrontationen und am Ende zu einem klassischen Verfolgungs- und Beschattungsmanöver in der Gemeinde Chérence im Département Val-d’Oise führt. Kolportage kann dieser psychoanalytische Thriller auch.
Der kühne Genremix würde nicht funktionieren ohne ein inspiriertes Ensemble. Auteuil hat sichtlich Spaß daran, als Augenarzt Gabriel den unwiderstehlichen Charmeur zu geben. Amalric beglaubigt nuancenreich die Mörderhypothese. Jodie Foster schließlich, die mit perfektem Französisch auftritt, erschafft eine faszinierende Figur, die Widersprüche in sich vereint: Gebrochenheit und Stärke, irrlichternde Hyperaktivität und lähmende Einsamkeit. Ihre Lilian arbeitet gleichsam als Fremdenführerin in einem Universum, in dem nichts ist, wie es scheint, und noch jedes Detail die Kraft eines Symbols, einer Metapher besitzt: selbst die Zigarette, die sie in Gegenwart des »patient fumeur« raucht.





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