Nachruf: Frederick Wiseman

Anatomie der ­Institutionen
Frederick Wiseman

Frederick Wiseman

1.1.1930 – 16.2.2026

Wie ein Gefängnis für Schwerverbrecher mutet das Versuchslabor an: Kleine Äffchen und große Gorillas fristen ein trauriges Leben in engen, vergitterten Zellen. In Rollcontainern und Schraubzwingengestellen werden sie im Dienst der Wissenschaft für grausame Untersuchungen präpariert. Obwohl die Stimmung in Frederick Wisemans 1974 entstandener Dokumentation »Primate« stetig düsterer und die Versuche im Verlauf des Films immer brutaler werden, ist man als Zuschauer nicht auf den Schock vorbereitet, der dann kommt: Der kleine Körper eines Äffchens wird aufgeschlitzt, wie ein Stoffteddy, sein pumpendes Herz herausgelöst und sein Schädel kurz darauf wie eine Nussschale geknackt. In den Filmen von Frederick Wiseman wirken die Bilder so unmittelbar und direkt, dass sie keinen erklärenden Kommentar und keine verstärkende Musik brauchen.

Geboren wurde Wiseman 1930 in Boston; er studierte Jura und arbeitete als Rechtsanwalt, wurde dann wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Rechtsmedizin und Dozent an der Juristischen Fakultät. Erst mit 37 Jahren etablierte er sich als Filmregisseur und verlagerte sein Rechtsempfinden von Gerichts- und Hörsaal zunächst in amerikanische Institutionen. Statt mit Worten und Paragrafen zu argumentieren, beobachtete er mit einer unbestechlichen Kamera die Abläufe, ohne einzugreifen, ohne Fragen zu stellen. So sachlich er zu bleiben versuchte, wusste er dennoch immer, dass schon die Auswahl der Szenen, die gefilmt wurden, die Positionierung der Kamera und später erst recht der Schnitt und die Strukturierung unweigerlich in hohem Maße manipulativ sind. Mit schelmisch weiser Koboldhaftigkeit bezeichnete er seine Arbeit als »reality fiction«.

Fast 60 Jahre lang war Frederick Wiseman diskreter und zugleich wachsamer Chronist der amerikanischen Gesellschaft. Er hat Institutionen wie Schule (»Highschool«), Universität (»In Berkeley«), Polizeistation (»Law and Order«), Krankenhaus (»Titicut Follies« und »Hospital«), Sozialamt (»Health Care«), Primatenforschungszentrum (»Primate«), Gericht (»Juvenile Court«) oder Ausbildungscamp für Soldaten (»Basic Training«) erforscht, aber auch Orte wie das New Yorker Viertel Jackson Heights, den Central Park oder das Skiresort Aspen. In den späteren Jahren wandte sich der leidenschaftliche Ballett- und Theaterfan in Europa vermehrt den schöneren Dingen des Lebens zu, der berühmten Pariser Nackttanzbar »Crazy Horse«, der Comédie Française, dem Ballett der Pariser Oper (»La Danse«) oder der Londoner »National Gallery«: Auch hier klinkte er sich mit respektvoller Zurückhaltung in den laufenden Betrieb ein, beobachtete Besucher und Personal, Wärter, Handwerker, Buchhalter, Restauratoren und Kuratoren, Kunstvermittler, Journalisten und Teilnehmer eines Aktzeichenkurses. Ob er nun nüchterne Bürokratie, kalte Forschung und rigide Militärausbildung beobachtete oder einen sinnlichen Theater- oder Ballettbetrieb, immer war sein Ansatz der gleiche: Über Wochen sammelte Wiseman zusammen mit seinem Kameramann Eindrücke, die er später in monatelangen Schnittprozessen choreografierte und verdichtete. Zuletzt widmete er sich in »Menus-Plaisirs – Les Troisgros« einem Dreisternerestaurant.

Die Arbeitsprozesse der jeweiligen Orte betrachtete er wie einen lebenden Organismus, in dem verschiedenste Kräfte zusammenwirken. Ohne mit Kommentaren zu lenken oder mit Musik zu forcieren, ließ er die Systeme für sich sprechen und legte auf diese Weise deren innewohnende Zumutungen und Ungerechtigkeiten frei: »Die inneren Strukturen von Orten wie der Comédie Française oder der Pariser Oper sind extrem bürokratisch, schon weil es riesige Organisationen sind, die mit Autorität geführt werden müssen. Auch sonst gibt es Verbindungen zwischen diesen Kunstformen und den alltäglicheren Lebenserfahrungen, um die es in meinen anderen Filmen geht. Das sind immer Abstraktionen und Metaphern, die sich auf unterschiedliche Weise mit menschlichem Verhalten befassen.«

50 Filme hat Wiseman in 56 Jahren gedreht, darunter auch zwei Spielfilme. Stanley Kubrick studierte Wisemans »Basic Training« ein Jahr lang als Blaupause für seinen ebenfalls in einem Militärausbildungslager angesiedelten Film »Full Metal Jacket«. 2016 wurde Wiseman für sein Lebenswerk mit einem Oscar und 2024 mit dem Goldenen Löwen gewürdigt. Seit 2012 war sein verschmitztes Gesicht gelegentlich in Spielfilmen zu sehen, meist als Darsteller ruhiger Autoritätspersonen, demnächst ist er als letztes Farewell mit Jodie Foster in »Paris Murder Mystery« zu sehen. Ich stelle mir vor, dass er gerade einen Film über die Systeme von Himmel und Hölle plant.

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