Schaumleicht

Ich hatte einmal einen einfallsreichen Redakteur, der dafür Sorge trug, dass ich es mir nicht allzu leicht machte. Beispielsweise schlug ich ihm zum 100. Geburtstag von Jacques Tati einen standesgemäßen Gratulationstext vor. Nein, erwiderte er, ich will von dir einen Artikel über Tatis Einfluss haben. Ahnte er, dass ich ursprünglich bei mir selbst abschreiben wollte?

Jedenfalls war ich nun angehalten, mich mit den Epigonen des Komikers zu beschäftigen. Die Auswahl war groß, das Spektrum reichte von Blake Edwards und Otar Iosselliani über Sylvain Chomet bis zu Kim Ki-duk und Takeshi Kitano. Der auf Originalität erpichte Redakteur kam auf seine Kosten. Meine Prämisse war, dass man Monsieur Hulot nicht imitieren, sondern nur zitieren kann (wie es Truffaut in „Tisch und Bett“ tat, wo eine ähnliche Figur durch den Hinterhof von Jean-Pierre Léauds geistert). Ganz falsch lag ich damit nicht. Aber bei meiner Recherche wurde mir auch klar, dass an einem Gespann kein Weg vorbei führte: den Brüdern Bruno und Denis Podalydès. Bruno ist einer der wenigen Autorenfilmer, die im französischen Kino die Tradition des visuellen Gags fortsetzen. Mit seinem ersten Langfilm „Gott allein sieht mich“ zeigt er sich als ein beinahe ebenso gewitzter, scharfsinniger Choreograph des Alltags wie Tati; in „Die Freizeitkapitäne“ knüpft er gar direkt an Hulots Ferienabenteuer an. In seiner Verfilmung des Gaston Leroux-Romans „Das geheimnisvolle Zimmer“ (aka „Das Geheimnis des gelben Zimmers“) erweist er Tatis Figur eine Hommage, in dem er dessen Detektiv Rouletabille (gespielt von Denis) mit der gleichen Hochwasserhose und dem selben eigentümlichen Gang ausstattet. Auf arte läuft ab morgen (11.3.) eine Hommage an das „kongeniale Brüderpaar“, die mit „Nur Fliegen ist schöner“ beginnt. Der ist bis zum 9.4. in der Mediathek abrufbar, die anderen bis zum 10.9., wobei anstelle der ersten Leroux-Adaption deren ebenfalls amüsante Fortsetzung „Das Parfüm der Dame in Schwarz“ zu sehen ist.

Anfangs waren mir die Brüder ein wenig verdächtig. Die „Cahiers du cinéma“ feierten ihr Kino etwas zu demonstrativ, was meinen Argwohn weckte, sie machten eher komische als wirklich lustige Filme. Ersteres begreifen humorlose Kritiker ja leicht, beim Zweiten rümpfen sie gern die Nase. Aber obwohl mir ihre frühen Filme, die in ihrer Heimatstadt Versailles angesiedelt sind, tatsächlich ein wenig diffizil erschienen (komisch gemeint, aber doch zu verkopft), legte sich mein Misstrauen bald. Sie hatten das Talent, großartige Darsteller zu gewinnen, beispielsweise Jeanne Balibar, Matthieu Amalric, Sabine Azéma. Pierre Arditi und Claude Rich. Alain Resnais schätzte seinen Kollegen Bruno so sehr, dass er ihn die Trailer zu seinen späten Filmen gestalten ließ und Denis zuweilen in diesen besetzte. Den unzertrennlichen Brüdern kann man übrigens auch in „Monsieur Chocolat“ begegnen, wo sie Auguste und Louis Lumière spielen.

Bei uns kamen ihre gemeinsamen Arbeiten nur ausnahmsweise ins Kino, was die Filmreihe um so ertragreicher macht. „Nur Fliegen ist schöner“ lief allerdings doch bei uns. Ich besprach ihn seinerzeit, jedoch für eine andere Zeitung als die meines anspruchsvollen Redakteurs. Als dankbare Vergeltung für den damaligen Epigonen-Auftrag werde ich in der Folge zünftig aus meiner alten Kritik abschreiben. Eigentlich redigiere und kürze ich sie nur. Es machte Spaß, sie zu schreiben, da es um etwas geht, das im Kino selten ist: den Zauber des Gelingens. Also los.

Es empfiehlt sich pünktlich zu sein, wenn man seine Träume erfüllen will. Der Paketbote kommt keine Minute zu früh und Michel keine zu spät. Es muss ein gutes Omen sein, dass die Zustellung schon mal geglückt ist. Der Adressat ist jedenfalls entzückt genug, um die Empfangsbestätigung mit „Kajak“ zu unterschreiben.

So sehr ist Michel (Bruno spielt zum ersten Mal selbst die Hauptrolle) schon eins geworden mit seiner neuen Obsession. Unverzüglich kann er jetzt die Mysterien des Zusammenbaus ergründen. Tatsächlich ist alles an seinem Platz. Das ersehnte Kajak kann auf dem Dach Gestalt annehmen; zunächst hinter dem Rücken seiner Frau Rachelle (Sandrine Kiberlain), alsbald aber mit ihrer skeptischen Zustimmung. Sie weiß zur Genüge, dass seine Phantasie Auslauf braucht. Eigentlich hielt er bislang an seinem Jugendtraum fest, Luftpostflieger zu werden:Die Lektüre von Saint-Exupérys „Nachtflug“ hat er nie ganz verdaut. Das Lenkrad seines Motorrads bedient er mit der gleichen Umsicht wie ein Pilot sein Cockpit. In seiner Fliegerjacke sieht der Mittfünfziger aber auch ziemlich schneidig aus.

Im wirklichen Leben ist er Graphiker und verbringt seine Tage am Computer. Aber gerade der Arbeitsalltag gebiert ja oft Fluchttendenzen. Als sein Chef (Denis P.) die Belegschaft prüft, ob ihr die Vokabel „Palindrom“ ein Begriff ist, stieß Michel auf das Wort Kajak, das sich auch im Französischen von vorn und von hinten lesen lässt (man ersetze das „j“ nur durch ein „y“). Von nun an ist es um ihn geschehen. Der verhinderte Flugkapitän ersetzt bloß ein Element durch ein anderes. Die erste Eskapade auf dem Fluss lässt sich vielversprechend an. Zwar bleibt Michels Gefährt nach wenigen Minuten in einer Baumwurzel stecken. Aber Rachelle bringt ihn mit Hilfe eines Seiles und der Pferdestärken ihres Kleinwagens wieder auf Kurs. Nach einem kurzen Picknick kann das Freizeitabenteuer endgültig n Angriff genommen werden.

Podalydès ist ein freundlicher Regisseur. Er hat Nachsicht mit der Verstiegenheit seiner Charaktere (erstmals spielt er selbst die Hauptrolle) und macht ihnen nur Versprechen, die er auch zu halten bereit ist. Seine Filme sind schaumleicht erzählt, obgleich sie von listiger Melancholie grundiert werden: ein vergnügter Manierist, der vom Glück im Komparativ erzählt.

Michel ist zwar hingerissen von seiner Frau, die ihm ein vertrautes Rätsel ist. Aber insgeheim tut es doch Not, ein wenig Abstand zwischen sich und sein normales Dasein zu legen. Auf der ersten Etappe gerät er gleich in einen Garten Eden: ein Landgasthaus, in dem einige Stammgäste ihre Existenz klug und heiter zubringen. Die Wirtin Laetitia (Agnès Jaoui) ist von großzügigem Naturell und die Kellnerin Mila (Vimela Pons) hat es dem neuen Gast augenblicklich angetan. Die Eine gibt ihm einen zarten Korb, die Andere indes eine reizvolle Gebrauchsanweisung für sein Begehren. Auf Reisen, die der Selbstfindung dienen, sollte man nicht zu sehr aufs Ziel fixiert sein. 

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