Chronik einer Belagerung
Seit Donnerstag ist erst einmal Ruhe eingekehrt. Zumindest ist nichts nach Außen gedrungen. Die „nächsten Tage“, in denen man über die zukünftige Ausrichtung der Berlinale entscheiden will, werden nicht mehr im Februar liegen. Die Fristverlängerung setzt ein gutes Zeichen: Jetzt will man nichts überstürzen, denn zuvor ging es in dieser Causa und der medialen Berichterstattung wieder einmal viel zu schnell.
Vielleicht ist es für die Schadensbegrenzung noch nicht zu spät. Gewiss, das Kind ist in den Brunnen gefallen, aber es könnte noch gerettet werden. Mit der Atempause kehrt womöglich ja auch der respektvolle Umgang zurück. Als am Mittwochnachmittag die Meldung zirkulierte, Wolfgang Weimer wolle Tricia Tuttle entlassen, überschlugen sich die Ereignisse. Zwei Tage zuvor hatte der Kulturstaatsminister noch die diplomatische Umsicht gelobt, mit der die Intendantin der Berlinale das Festival zur Zielgeraden geführt habe. Und nun sollte ihre Ära schon nach zwei Jahren schon vorüber sein? Fürwahr, BILD hatte einen Scoop gelandet. Wir fragten uns gar nicht erst, wie zuverlässig die Quelle ist. Ich machte mir am Abend noch darüber Gedanken, welch merkwürdige Metapher in der Redewendung steckt, etwas sei durchgestochen worden. Sie besagt nicht einfach nur, dass eine vertrauliche Information weitergegeben wurde. Vielmehr legt sie die gewaltsame Erreichung eines Ziels nahe. Denn möglicherweise handelte es sich ja nur um ein Gerücht, mit dem Fakten geschaffen werden sollten. Wenn hier eine Kampagne gefahren wurde, ist deren erstes Opfer meines Erachtens nicht die Berlinale, sondern Tricia Tuttle. Erschöpft und auch resigniert habe sie am Festivalende gewirkt, hieß es auf einmal. Kein Wunder nach zehn Tagen Festivalstress und mannigfachen Anfechtungen! Die Gefahr, ihr Ruf könne Schaden nehmen, scheint vorerst gebannt. Die Filmbranche (inklusive der wetterwendischen Tilda Swinton), ihr gesamtes Team, der Kulturrat und weitestgehend auch die Presse stellten sich in beispielloser Weise hinter sie. Einen gelben Brief hat sie von ihrem Arbeitgeber KBB (Kultureinrichtungen des Bundes in Berlin) wohl noch nicht bekommen.
Mit den Solidaritätsadressen geht auch die Sorge vor einer stärkeren politischen Einflussnahme auf das Festival einher. Darüber, wie eine zukünftige Ausrichtung der Berlinale aussehen könnte, kann man derzeit nur spekulieren. Als Publikumsfestival in der Hauptstadt steht sie unter besonderer Beobachtung. Diese findet anscheinend jedoch aus merkwürdigen Abstand statt. Wie kann es sein, dass nur ein einziges Kabinettsmitglied der Preisverleihung beiwohnte? Soweit ich weiß, war auch der Regierende Bürgermeister von Berlin nicht bei dieser Veranstaltung zugegen, die immerhin zu den bedeutendsten im hiesigen Kulturbetrieb gehört. Gleichviel, solch demonstratives Desinteresse muss nicht bedeuten, dass die Politik nicht fortan stärkeren Einfluss ausüben will. Der Gegenwind ist weltweit stark und die hiesige Furcht vor einer provinzielleren Berlinale groß. Kurioserweise argumentieren auch Tuttles Kritiker aus der Politik, darunter eine Bundestagsabgeordnete der CSU, mit dem notorischen Bedeutungsverlust der Berlinale. Den hat sie mitnichten zu verantworten. Auch wenn heuer mal wieder die ganz großen Stars und Hollywood-Blockbuster fehlen, hat sie viel unternommen, den schweren Tanker in weltoffenere Gewässer zu navigieren.
Den Dialog zwischen ihr und dem Kulturpolitiker Weimer, einem stolzen Verfasser konservativer Manifeste, stelle ich mir nicht einfach vor. Sie verkörpert jene Wokeness, die ihm ein Dorn im Auge ist, mit Haut und Haaren. Ich denke, der Rückhalt, den sie nun erfährt, ist auch ihrer Fähigkeit geschuldet, die Interessen von Filmemachern vermitteln zu können. Es geht ihr darum, Freiräume des Austauschs zu schaffen. Dem steht der Argwohn des Kulturstaatsministers gegenüber, die Berlinale sei zu einer Plattform des Antisemitismus geworden, die auch noch aus Steuergeldern finanziert wird. (Mitfinanziert wird, um es genauer zu sagen, denn die Einnahmen aus Kartenverkäufen sind erklecklich.) Die pro-palästinensische Propaganda und die ungeheuerlichen Drohungen, die Abdallah Alkhatib, Preisträger für den besten Erstlingsfilm „Chronicles from the Siege“, aussprach, vertragen sich nicht mit bundesrepublikanischer Staatsräson.
Mithin stehen sich hier Maximalpositionen gegenüber - wobei Tricia Tuttle gewiss keine Vertreterin von Maximalpositionen ist. Ihr Mandat besteht eben auch darin, zu moderieren. Während des Festivals hat sie klug gegen Zuspitzung und Polarisierung argumentiert. Dass die Berlinale jetzt zum dritten Mal in Folge in die Gaza-Israel-Falle geriet, war vorherzusehen. Sie musste gar nicht erst hineintappen, sie steckte von Anfang an drin. (Ein Gedankenspiel: Vielleicht ist die Auszeichnung für „Chronicles from the Siege“ ja nur die Übersprungshandlung einer Jury, die nach der notorischen Pressekonferenz in ärgster Verlegenheit war.) Hätte sich die Festivalleitung besser wappnen müssen? Nur wie? War es ein Versagen Tuttles, der Tirade von Abdallah Alkhatib nicht Einhalt geboten zu haben? Ich vermute, das hätten auch ihre Vorgänger nicht getan - ihre direkten erwiesenermaßen nicht, wenn man an den Eklat der Preisverleihung 2024 denkt. Von dem Allerweltsfreund Dieter Kosslick kann man sich das ebenso wenig vorstellen, von dem autokratischen Choleriker Moritz de Hadeln allerdings schon. Sie alle mag sich keiner mehr zurückwünschen.
Es wäre schön, zum Abschluss dieses Eintrags auf den Vorschlag von Daniel Kehlmann zu verweisen, man müsse Tricia Tuttle nun anflehen, nicht zu gehen. Aber seit der außerordentlichen Aufsichtsratssitzung des KBB am Donnerstag ist doch etwas geschehen. Ein deutscher Filmproduzent hat Strafanzeige wegen Volksverhetzung gestellt; gegen Abdallah Alkhatib, der seit dem von ihm angestifteten Eklat beharrlich schweigt und kein Wort des Einlenkens oder Bedauerns gefunden hat. .



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