Interview: Jim Jarmusch über »Father Mother Sister Brother«
© Pat Martin
Jim Jarmusch, geboren 1953 in Ohio, ist einer der profiliertesten US-Autorenfilmer und die ewige Verkörperung des Independent-Films. Zu seinen Werken zählen »Down by Law« (1986), »Night on Earth« (1991), »Dead Man« (1995), »Ghost Dog« (1999), »Broken Flowers« (2005), »Only Lovers Left Alive« (2013), »Paterson« (2016) und »The Dead Don't Die« (2019). Für »Father Mother Sister Brother« erhielt er 2025 in Venedig den Goldenen Löwen
»Father Mother Sister Brother« erzählt in drei Geschichten von verschiedenen Familienbeziehungen. Waren es eigene Erfahrungen, die Sie zu dem Film inspiriert haben?
Jim Jarmusch: Nein, nicht im autobiografischen Sinne. Alle meine Filme haben ihren Ursprung in persönlichen Beobachtungen und Gedanken, aber es ist nun nicht so, dass ich konkrete Beziehungen aus meinem eigenen Leben in »Father Mother Sister Brother« abbilde. Wobei ich zumindest die Erfahrung teile, die die beiden Geschwister in der letzten Geschichte machen. Dass man nach dem Tod der Eltern noch etwas Neues über sie erfährt, kennen vermutlich auch andere. Ich zum Beispiel wusste zu Lebzeiten meines Vaters noch nicht, dass er für den OSS in Kuba im Einsatz war.
Was reizte Sie daran, drei verschiedene Episoden zu kombinieren, also letztlich einen Anthologie-Film zu drehen?
Ich habe schon häufiger episodische Filme gedreht. Ich mag diese Erzählform einfach sehr. Mir gefällt, dass es keinen Protagonisten und damit keinen Star gibt, sondern allen Figuren die gleiche Bedeutung zukommt. Allerdings würde ich den Begriff Anthologie in diesem Kontext gar nicht verwenden. Das ist für mich eine andere Tradition, bei der es ja eigentlich darum geht, dass die einzelnen Geschichten von unterschiedlichen Regisseuren stammen. Ich mag es auch nicht, wenn man einen Film wie »Father Mother Sister Brother« bloß als Aneinanderreihung von Kurzfilmen sieht. Denn wenn schon nicht inhaltlich, dann besteht doch emotional eine Verbindung zwischen den drei Geschichten. Der letzte Teil, über die Geschwister in Paris, würde seine emotionale Wirkung gar nicht entfalten können, hätte es nicht vorher die anderen beiden Episoden gegeben.
Der Film wurde vom Modehaus Saint Laurent mitproduziert, das auch an Werken von Cronenberg oder Sorrentino beteiligt war …
Im Bereich des Independent-Kinos tätig zu sein, wird immer schwieriger. Man muss sich nur vor Augen führen, dass es einem Ausnahmeregisseur wie David Lynch nicht gelang, das Geld für einen letzten Film zusammenzubekommen. Das kann für Leute wie Cronenberg oder mich nichts Gutes bedeuten. Deswegen ist die Zusammenarbeit mit Saint Laurent ein Segen. Ihre Erfahrung im Filmbereich ist noch nicht allzu groß. Das machte die Business-Seite der Produktion manchmal etwas kompliziert. Aber auf der kreativen Seite gibt es null Einmischung und komplett freie Hand, was keine Selbstverständlichkeit ist. Allerdings ist ihr Designer Anthony Vaccarello selbst ein großer Künstler, deswegen wissen sie dort natürlich, worauf es ankommt.
Ihre Filme sind häufig geprägt von Lakonie und Unaufgeregtheit. Wie würden Sie selbst Ihren Erzählstil beschreiben?
Ich bin jemand, der einfach beobachtet. Ich kreiere kein Drama um des Dramas willen und beurteile meine Figuren nicht. Stattdessen interessieren mich die kleinen Details und Nuancen in zwischenmenschlichen Beziehungen und Interaktionen. Man könnte es mit einer musikalischen Metapher ausdrücken: Ich begeistere mich für die Noten, die eben gerade nicht gespielt werden. Deswegen drehe ich so oft Filme über Situationen, die bei anderen Regisseuren das Erste sind, was nicht gezeigt wird. Seien es Taxifahrten wie in »Night on Earth« oder die kurzen Pausen in »Coffee & Cigarettes«.
Haben Sie den Schauspieler*innen in »Father Mother Sister Brother«, etwa Tom Waits, Cate Blanchett und Adam Driver, ihre Rollen auf den Leib geschrieben?
Ja, das tue ich meistens – und bin dann immer wieder erstaunt, wenn sie diese Rollen am Ende auch tatsächlich spielen. Aber nicht umsonst arbeite ich so oft mit den gleichen Leuten zusammen. Tom Waits ist ein enger Freund, und auch sonst sind fast alle im Ensemble von »Father Mother Sister Brother« Wiederholungstäter, von Cate Blanchett und Adam Driver bis hin zu Luka Sabbat oder Indya Moore, mit der ich schon einen Kurzfilm gedreht hatte. Ausnahmen bestätigen die Regel. So wie Mayim Bialik, die ich als Schauspielerin eigentlich gar nicht kannte, sondern nur als Moderatorin der Quizshow »Jeopardy«, die ich gerne schaue. Ihre Präsenz dort überzeugte mich davon, dass sie die ideale Schwester für Driver sein könnte. Es war mein Glück, dass sie überhaupt Lust darauf hatte.



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