Kritik zu Un Poeta

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Ein ehemals erfolgreicher kolumbianischer Dichter fördert eine talentierte 15-Jährige, die als Projektionsfläche für seine eigenen Träume herhalten muss.

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Zum Auftakt des Poesiefestivals von Medellín, Kolumbien, liest die junge Debütantin Yurlady, 15 Jahre alt. Ihre Dichtung handelt von ihrer etwas dunkleren Hautfarbe, ihrer auf kleinstem Raum lebenden Familie und dem Himmel, der keine Versprechungen für sie hat. Sie blickt uns dabei durch die Kamera hinweg an, denn wir und sie wissen, dass ihr diese Themenwahl von der Festivalorganisation aufs Auge gedrückt wurde, Soziales macht sich gut bei der Kulturförderung. Eigentlich schreibt sie lieber über die Sonne, die auf ihrer Haut spielt. Es wird geweint und geklatscht, danach kann sie sich üppig vom Buffet nehmen.

Zum Festival gebracht hat sie ihr Lehrer Óscar, in guter Absicht und echtem Glauben an ihr Talent. Seine Züge haben etwas Fischhaftes, vom Typ Peter Lorre. Er will Dichter sein mit Haut und Haar, und dazu braucht es dummerweise Leiden. Vor 30 Jahren hatte er zwei Gedichtbände veröffentlicht, an deren Erfolg er sich nun klammert, während er sich in windige Geschäfte verwickeln lässt, beim Poesieverein herumhängt, seine ihm fremde Tochter besucht oder notgedrungen die Stelle als Lehrer annimmt. Wenn er trinkt, kommt etwas von der jugendlichen Inbrunst wieder, die er so vermisst. Als seine Mutter einmal erwähnt, sie werde nicht ewig leben, bietet er ihr schnurstracks einen Doppelselbstmord an. Vom Wandporträt wie den so nötigen 5000-Peso-Scheinen blicken ihn regelmäßig die traurigen Augen von Nationaldichter José Asunción Silva mitleidigauffordernd an.

Das ist Kläglichkeitspornografie. Wo dennoch der leichte, eher lustige als heitere Ton in Regisseur und Autor Simón Mesa Sotos zweitem Langfilm herkommt, lässt sich gar nicht so leicht sagen. Manches rührt von Óscars absurdem Scheitern am Leben her, seiner angestrengten Hilflosigkeit, anderes von den mockumentaryartigen Zooms in die wunderhübschen 16-mm-Bilder, vieles von den schmerzhaft realistischen Nebenfiguren an Familien und Dichtergenossen.

Dass Óscar Yurlady fördern kann, verschafft ihm wieder einen Sinn im Leben, in einem nicht gerade originellen Motiv vom alten Künstler und seiner jungen Muse. Die Schülerin, in ihrer pubertären Abwesenheit brillant gespielt von Rebeca Andrade, muss dabei vielfach als Projektionsfläche herhalten: Poesietalent, Tochterersatz, Sozialfall, Missbrauchsopfer soll sie sein. Die kleinen Bestechungen weiß sie auszunutzen, um ihre Familie durchzufüttern, aber sie träumt nicht die großen Träume vom Nationaldichtertum. Dass das Mädchen allen an sie herangetragenen Sinn-Imperativen entschlüpfen darf, ist die Leistung dieses Films, neben Ubeimar Rios’ Darstellung des unsäglich verstiegenen Óscars.

Bei aller spürbaren Liebe und Hoffnung, die »Un Poeta« seiner Hauptfigur entgegenbringen will, bleibt der Film am Ende, was Simón Mesa Soto sich vorgenommen hatte: eine Mahnung an sich selbst und alle, nicht zu werden, was Óscar wurde.

 

 

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