Kritik zu The Chronology of Water

© Eksystent Filmverleih

Kristen Stewarts Adaption von Lidia Yuknavitchs autobiografischem Kultbuch ist ein brachiales, mutiges und expressives Regiedebüt, das weder Hauptfigur noch Publikum schont.

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Ein Blick aus den Tiefen eines Schwimmbeckens, das Blubbern von Wasser. Schnitt, Schwarzblende. Die nächste Einstellung ist näher dran: Am Beckenrand, hinter der Wasseroberfläche, wabert der schemenhafte Umriss eines Menschen. Schnitt. Schwarzblende. Danach: eine Dusche, Blut, das in einen Ausguss fließt. Aus Detailaufnahmen ergibt sich schließlich das Bild eines Körpers. Eine Frau weint und sagt: »Memories are like stories.« Diese Exposition setzt Tonalität und Stil von Kristen Stewarts Regiedebüt. 128 Minuten lang wiederholen und überlagern sich fragmentierte Erinnerungsbilder und setzen die Biografie der Protagonistin zusammen, die es in sich hat.

Lidia (Imogen Poots) begegnet uns zuerst als Erwachsene. Ihre Mutter hat jahrelang ignoriert, dass der Vater seine Töchter vergewaltigt hat, und sich stattdessen in den Alkohol geflüchtet. Zuerst trifft es die ältere Schwester. Die haut, fast selbst noch ein Kind, aus reinem Selbsterhaltungstrieb ab und lässt Lidia zurück. Auch Lidia will weg. Sie trainiert schon als Jugendliche hart, um Profischwimmerin zu werden, will sich buchstäblich freischwimmen, durch ein Sportstipendium an die Uni kommen, möglichst weit weg von zu Hause. Aber die Traumata sitzen tief und reisen mit. »The Chronology of Water« erzählt von dieser kaum zu ertragenden Kindheit, dem Scheitern als Erwachsene, von Drogenmissbrauch, dem Entdecken der queeren Sexualität, von toxischen Beziehungen, einer Totgeburt, aber vor allem vom Schreiben als Prozess und Selbstfindung.

Schauspielerin Kristen Stewart, die mit der »Twilight«-Saga schon als 17-Jährige berühmt wurde, hat sich selbst in den letzten Jahren von ihrem Image und Erwartungen Hollywoods freigeschwommen und ist zu einem queeren role model geworden. Ihr Debüt als Regisseurin ist die filmische Adaption von Lidia Yuknavitchs autobiografischem gleichnamigen Roman, um den sich seit seiner Veröffentlichung 2011 wegen des tabubrechenden Inhalts und der authentischen bis poetischen Sprache im Stil eines Tagebuchs ein regelrechter Kult entwickelt hat. Stewart wollte den Stoff schon seit 2017 verfilmen und schaffte es schließlich mit wenig Budget, aber maximaler künstlerischer Freiheit ohne Kompromisse. Acht Jahre lang kämpfte sie um die Realisation des Films, der bei den Filmfestspielen in Cannes 2025 Premiere feierte.

Die Erzählung ist achronologisch, arbeitet mit Rückblenden, die nicht immer als solche gekennzeichnet sind. Besonders zu Beginn ist unklar, wer hier eigentlich spricht. Als Lidia längst als Dozentin angehende Schriftsteller*innen unterrichtet, sagt sie in einem Seminar, sie werde oft gefragt: »Did the things in your story actually happen?« Worauf sie antwortet: »I don’t know.« Damit offenbart sie Erinnerungen als das, was sie sind: umgeformte Gefühle, die wir selbst in eine Art Geschichte verwandeln, damit sie sich in Worte fassen lassen, Sinn ergeben, stets geprägt vom Blick zurück, den wir aus der Gegenwart auf unser früheres Selbst richten. Diese ungewöhnliche Erzählweise wird durch die oft ruppige, gelegentlich lyrische Montage unterstützt. Bildgestalter Corey C. Waters findet viele Varianten, um das Element Wasser einzufangen, und kreiert einen ungeschliffenen Independent-Look.

Mit Thora Birch (kaum wiederzuerkennen), Kim Gordon (von Sonic Youth) und Jim Belushi ist der Film bis in die Nebenrollen hervorragend besetzt, aber vor allem Imogen Poots spielt die Hauptfigur mit so viel Furor, Wut und Energie, dass es unmöglich ist, sich ihrer Wucht zu entziehen. Ihre Performance erinnert dabei an die Tour de Force, auf die Lynne Ramsay im letzten Jahr Jennifer Lawrence in »Die My Love« schickte. »The Chronology of Water« ist eine Art body memoir, rund um Sex, Missbrauch und Tod, dem Body-Horror nicht unähnlich, aber hier sehr realistisch dargestellt. Die Themen Missbrauch, Sucht oder Kindstod brechen Tabus und sind eine emotionale Zumutung, Erzählweise und Bildsprache fordern Sehgewohnheiten heraus. Das tut oft weh und macht selten Spaß, macht den Film aber zu einem experimentierfreudigen, mutigen, gesellschaftlich relevanten und doch radikal subjektiven Debüt.

 

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