VoD: »Eleanor the Great«

© Sony Pictures

Was Eleanor (June Squibb) vom Rollenklischee der ulkigen alten Frau unterscheidet, ist ihr Hang zur Widerborstigkeit. Das wird schon in einer der ersten Szenen deutlich: Eleanor geht mit ihrer besten Freundin Bessie (Rita Zohar) einkaufen – die alten jüdischen Frauen verbringen ihren Lebensabend in Florida und sind nach dem Tod ihrer Männer zusammengezogen – und Bessie wird von einem der jungen Mitarbeiter achtlos behandelt. Eleanor schaltet sich dazwischen und kanzelt ihn in einer herablassenden und beleidigenden Weise ab, wie man es alten Frauen selten zugesteht. Die gesellschaftliche Erwartung an sie ist schließlich, dass sie stets dankbar und freundlich zu reagieren haben. »Können Sie nicht mal lächeln?«, fragt auch der Mann an der Fleischtheke, als er Bessie das Pastrami überreicht. »Hitler hat mein Lächeln gestohlen «, pariert die alte Frau, und Eleanor pflichtet bei: »Meins auch!« Woraufhin sich ein Bekannter einmischt und schnaubt, dass Eleanor doch keine Holocaustüberlebende sei. Sie könne trotzdem darum trauern, hält sie ihm streitlustig entgegen.

Wenig später stirbt Bessie und Eleanor zieht nach New York zu ihrer Tochter Lisa (Jessica Hecht) und ihrem Enkel, die nun Opfer ihrer verbalen Angriffe werden. Lisa möchte, dass ihre Mutter möglichst bald in einer Seniorenresidenz unterkommt und versucht, ihr mit der Aussicht auf neue Freunde Geschmack darauf zu machen. »Du würdest mir Guantánamo anpreisen, wenn es da einen freien Platz gäbe!«, wehrt sie sich störrisch. Man versteht das Unbehagen von Eleanor in der neuen Umgebung, man spürt ihre Trauer um die alte Freundin, man kann ihre Einsamkeit und Verlorenheit nachvollziehen. Weshalb man auch noch toleriert, dass sie, sich zufällig in einer Selbsthilfegruppe für Holocaustüberlebende wiederfindend, anfängt, sich als eine solche auszugeben, und dafür die Lebensgeschichte von Bessie als die eigene ausgibt. Aber dann verstrickt sie sich immer mehr ins eigene Lügengespinst, auch um die beginnende Freundschaft mit der Studentin Nina (Erin Kellyman) nicht zu gefährden, und ihr Tun lässt sich immer weniger rechtfertigen, selbst wenn man ihre Gewitztheit bewundert.

»Eleanor die Grosse« ist Scarlett Johanssons Regiedebüt und unterscheidet sich von den Debüts mancher ihrer berühmten Kollegen und Kolleginnen durch Zurückhaltung. Johansson hat sich für den Wechsel hinter die Kamera ein überzeugendes Drehbuch und in June Squibb eine starke Hauptdarstellerin gesucht, das Weitere füllt sie mit Professionalität und Konvention aus. Das Ergebnis ist ein Film, der in seinen Plotverwicklungen wenig wirklich Überraschendes bereithält, aber trotzdem auf ungewöhnliche Weise bewegt. Was damit zu tun hat, dass Johansson der Versuchung des Versöhnungskitsches widersteht. Eleanor bleibt stachlig – und sogar ein bisschen uneinsichtig – bis zum Schluss, und ob man ihr verzeiht, bleibt ganz dem Zuschauer überlassen.

 

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