Nahaufnahme von Hildur Guðnadóttir

Nicht ohne mein Cello
Hildur Guðnadóttir bei einem Konzert (2017)

Hildur Guðnadóttir bei einem Konzert (2017)

Lange hat es gedauert, bis eine Frau den Oscar für die beste Filmmusik ­entgegennehmen konnte. Hildur Guðnadóttir hat es mit dem klagenden Score zu »Joker« geschafft. Sie gilt als Spezialistin fürs Düstere, Abgründige. Aber sie kann auch anders

Sie ist keine Komponistin für Idyllen. Behagliche Klangmäntel sind von ihr nicht zu erwarten. Wenn es auf der Leinwand harmonisch zugeht, wird sie nicht gebraucht. Ihr liegt vielmehr das Apokalyptische. Sie fasst Entsetzen und Trostlosigkeit in schwere Molltöne, gibt den Rhythmus für das Voranschreiten des Unheils vor und besiegelt sodann energisch das Verhängnis.

Die lyrische Depression ist zu Hildur Guðnadóttirs Markenzeichen geworden, seit sie 2019 in »Joker« eine machtvolle Wehklage über den Niedergang einer kranken, gepeinigten Seele anstimmte, der gleich eine ganze Stadt mit in den Abgrund reißt. Im selben Jahr vertonte sie für die HBO-Serie »Chernobyl« die Katastrophe im ukrainischen Atomkraftwerk und deren zivilisatorischen Fallout. Über »Candyman« verhängte sie zwei Jahre später einen düsteren Fluch und lieh den unruhigen Geistern der Vergangenheit ihre Stimme. Auch für »28 Years Later: The Bone Temple«, das jüngste Kapitel der Untotensaga, wurde sie mitnichten als Hoffnungsstifterin engagiert. Wiederum muss hier die Menschheit vor der menschlichen Natur beschützt werden, aber das lastende Rumoren ihrer Partitur stellt kein Happy End in Aussicht.

Ist Guðnadóttirs Vorliebe für dunkle Klangfarben den langen Wintern in ihrer Heimat Island geschuldet? Sie selbst beschreibt sich indes in Interviews als fröhlichen, optimistischen Menschen. Ihr Hang zu musikalischen Tiefenbohrungen mag sich gleichwohl dem Umstand verdanken, dass sie schon mit fünf Jahren anfängt, Cello zu spielen. In der Familie der Saiteninstrumente steht es für die dunklen Register, es liegt noch eine Oktave tiefer als die Bratsche und wurde früher gern als »Kleinbass« bezeichnet. Sein Resonanzraum umfasst Trauer und Anspannung, Sehnsucht und Melancholie. Wenn Guðnadóttir das Cello auf der Leinwand zu Gehör bringt, sind ihr eigener Klang und Ausdruck unverkennbar. Bei der Neuverfilmung des Weltkriegsdramas »Journey's End« teilt sie sich 2017 den Musik-Credit mit der britischen Komponistin Patricia Holt, aber das Cello-Solo zu Anfang und die zerrenden Sphärenklänge in der Folge tragen ohne Zweifel ihre Handschrift. Wie Nebelschwaden liegen die Klänge über den Schützengräben und werden sich vor der Schlacht nicht lichten.

1982 wird Guðnadóttir in Reykjavik geboren, wo sie ein klassisches Studium absolviert, das sie später an der Universität der Künste in Berlin fortsetzt. Rasch macht sie sich als Bandmitglied und Solistin einen Namen und mit modernen Idiomen wie Drone und Industrial vertraut. Sie sollen massiven Einfluss auf ihre Filmarbeit haben, die 2011 mit dem Horrorfilm »The Bleeding House« beginnt und augenblicklich auch international Fahrt aufnimmt. Ihr häufiger musikalischer Partner Jóhann Jóhannsson fungiert als Mentor ihrer Anfänge im Hollywoodkino. Sie spielt das Solo-Cello in seinen Scores für »Prisoners« (2013) und »Sicario« (2015), bevor sie 2018 nach dessen Tod den Stab für »Sicario 2« übernimmt. Die Partitur ist eine glänzende Visitenkarte, weder monoton noch abwechslungsreich, aber immer effektiv. Ihre frühen Scores sind weitgehend (freilich mit Ausnahme der Cello-Partien) am Computer entstanden. In »Chernobyl« soll auf Geheiß der Produktion kein Instrument erklingen; sie komponiert industrielle Klänge, nachdem sie in einem AKW in Litauen sechs Stunden Tonmaterial aufgenommen hat. Besondere Akzente setzen die elektronisch fingierten Perkussionseinsätze, zuweilen sacht mit dem Schlagzeugbesen ausgeführt, und ihr eigener wortloser Gesang.

Das Cello soll jedoch das führende Instrument ihrer Scores bleiben. Die getragenen, aber energischen Akkorde zu Beginn von »Joker« besitzen eine unfassliche Erhabenheit, die ihr den Oscar – als erster Isländer:in überhaupt – einbringt. Das Cello verliert nie völlig seine Dominanz, obwohl Guðnadóttir es um ein machtvolles, wiederum maschinelles Dröhnen und Percussions (hier werden die Schlaginstrumente wirklich geschlagen!) ergänzt. In diesem ausgesprochen bipolaren Soundtrack bildet ihre Arbeit den Kontrapunkt zu den zwanghaften Glücksbeschwörungen, die Regisseur Todd Phillips aus den Untiefen des American Songbook gefischt hat. (Beim Sequel »Joker – Folie à deux« bittet er die Komponistin, bekannte Songs zu »hildurisieren«.)

Die Herausforderung, den eigenen Stil mit bekannten, oft ikonischen Stücken zu kombinieren, nimmt sie 2021 in »Tár« erneut an. Dort muss sie jeder Versuchung widerstehen, Szenen zu emotional zu vertiefen, hier gibt es nur diegetisch eingeflochtene Musikeinsätze: Mahlers Fünfte, Edward Elgars Cello-Konzert sowie das Stück, an dem die Dirigentin Lydia Tár arbeitet und das aus Guðnadóttirs Feder stammt. In einem Dialog wird sie selbst mit Namen genannt: als eine von fünf zeitgenössischen Komponistinnen, bei denen Tár ein Konzertwerk in Auftrag gibt.

Das ist 2021 längst kein Insidergag mehr: Die Isländerin ist eine Marke. Wie dicht und fest umrissen ihr Image inzwischen ist, führt ihre Zusammenarbeit mit Kenneth Branagh vor, der sich bei »A Haunting in Venice« (2023) von dem breiten Orchesterklang seines Hauskomponisten Patrick Doyle verabschiedet. Während der Dreharbeiten lässt er frühere Stücke von Guðnadóttir als Stimmungsmusik spielen. Die kurzen Akzente, die das Cello zum Auftakt setzt (das Innehalten ist bei ihr ebenso wichtig wie die Einsätze), kündigen eine Atmosphäre des Unheimlichen, Gespenstischen an. Das Hauptthema ist unbestimmt, weder traurig noch fröhlich, bis die Komponistin es abwandelt und mit kleiner Besetzung (Holzbläser und Streicher) ein Klima von Anfechtung und Einsamkeit evoziert. Auch das Register traditioneller Suspense-Musik zieht sie für Branagh.

Insgeheim setzt sie sich in »A Haunting in Venice« auch mit zeitgenössischen (der Film spielt kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs) und folkloristischen Idiomen auseinander. In Hedda, der zweiten von bisher drei Arbeiten für Nia DaCosta (zwischen »Candyman« und »28 Years Later: The Bone Temple«), führt sie diese Strategie ungleich temperamentvoller fort. Sie greift Uptempo-Nummern aus dem Jazz-Repertoire der 1950er Jahre auf und adaptiert sie so schwungvoll, dass die Percussions in einem Moment präzise abgestimmt sind mit dem Schütteln eines Cocktails. Die ungemein rhythmisch konzipierte Partitur wird von einem absolut ungewohnten Klang bestimmt: einem schweren, mitunter gehetzten Atmen. Sie findet auch Platz für eine wehmütige Solotrompete, die von Sehnsucht und Bedauern erzählt.

Das Markenzeichen mag noch intakt sein, aber Hildur Guðnadóttir hat längst bewiesen, dass sie auch anders kann. In »Women Talking« (Die Aussprache) unterläuft sie 2022 souverän ihr eigenes Image. Dort gibt ein pastorales, fast heiteres Gitarrenmotiv den Ton vor. Es wird durch Streicher verstärkt sowie durch Glocken, die mulmige Rätsel aufgeben. Die Frauen einer Mennoniten-Kolonie wurden von ihren Männern betäubt und vergewaltigt. Nun beraten sie, wie sie darauf reagieren sollen – flüchten oder sich beugen. Guðnadóttir begleitet einfühlsam die heftige Debatte, drängt nicht auf eine Entscheidung, aber bekräftigt sie, sobald sie gefallen ist. Sie schafft keine Geborgenheit, aber errichtet einen Schutzraum. Sie ermutigt einen Prozess der Selbstheilung, aber besiegelt nichts. Die Utopie gehört auch zum Repertoire der Isländerin.

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