Kritik zu Sicario 2

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Ein Kino der Verlierer statt der Sieger: Stefano Sollima schreckt in der Fortsetzung des von Taylor Sheridan geschriebenen Thrillers über die amerikanische Verwicklung in den mexikanischen Drogenkrieg nicht vor schmutzigen und verstörenden Szenen zurück

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An der Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall. Als eine Gruppe Migranten bei dem Versuch, in die USA zu gelangen, von den Behörden aufgegriffen wird, sprengt sich einer von ihnen selbst in die Luft. Nur wenige Tage später verüben drei Selbstmord­attentäter einen brutalen Anschlag auf einen Supermarkt in Kansas City. Die Verbindung ist schnell gezogen. Also nutzt der namenlos bleibende Präsident die Gunst der Stunde und erklärt die mexikanischen Drogenkartelle, die angeblich islamistische Terroristen über die Grenze einschleusen, zu terroristischen Organisationen. So können er und sein Verteidigungsminister James Riley, ein fast schon totenbleicher, wie versteinert blickender Matthew Modine, den sogenannten »War on Drugs« noch einmal ausweiten. Unter diesen Bedingungen ist alles erlaubt.

Fast schon schamlos spielen Drehbuchautor Taylor Sheridan und Regisseur Stefano Sollima mit den von nationalistischen Politikern geschürten Ängsten vor wölfischen Terroristen, die sich im Schafspelz Flüchtender tarnen. Gerade die ersten reißerischen Sequenzen von »Sicario 2« wirken, als ob die beiden Filmemacher ihren Stoff den Schlagzeilen des politischen Boulevards entrissen haben, um ihn dann noch etwas weiter zuzuspitzen. So läuft alles auf die Überwachungsaufnahmen zu, die einen zum Zeugen des perfiden Anschlags machen. Einer der Attentäter steht, als er seine Bomben zündet, nur wenige Meter entfernt von einem kleinen Mädchen und dessen flehender Mutter.

Wie einst Samuel Fuller, der diese Form des bis zum Äußersten aufgeheizten Genrekinos in den 1950er und -60er Jahren eta­bliert hat, treiben Sheridan und Sollima das Entsetzen ins Extrem. Der Film als Schockkorridor. Aber das Sensationalistische ist niemals nur Selbstzweck. Die beiden Filmemacher greifen auf die Erregungsstrategien der Populisten und ihrer medialen Mitläufer zurück, um dann davon zu erzählen, wie sich Furcht und Wut, Abscheu und Verzweiflung instrumentalisieren lassen. In dem Augenblick, in dem der »War on Terror« mit dem »War on Drugs« verschmilzt, schlägt die große Stunde des CIA-Agenten Matt Graver (Josh Brolin) und seines Protegés Alejandro (Benicio Del Toro).

Die beiden Wölfe, die in Denis Ville­neuves »Sicario« dem Lamm Kate Macer gezeigt haben, dass das Recht im mexikanisch-amerikanischen Grenzgebiet nur noch eine Fiktion ist, kommen zurück, um noch mehr Gewalt zu säen. Ein Krieg zwischen rivalisierenden Kartellen soll den Vereinigten Staaten den entscheidenden Vorteil sichern. Also entführen Alejandro und Graver Isabel (Isabela Moner), die 16-jährige Tochter des Drogenbosses Carlos Reyes. Doch als sie die Teenagerin zurück nach Mexiko bringen, gerät die Situation außer Kontrolle. Korrupte mexikanische Polizisten attackieren Graver und sein Team. Alejandro bleibt mit Isabel, deren Vater für den Mord an seiner Frau und Tochter verantwortlich ist, allein in Mexiko zurück.

Anders als Villeneuve, der Sheridans bittere Kommentare zum wohl aussichtslosesten aller US-amerikanischen Kriege in schicke Arthouse-Bilder gewandet und so alles Politische der Kunst geopfert hat, schreckt Stefano Sollima nicht vor schmutzigen und verstörenden Szenen zurück. Wenn Benicio Del Toros Alejandro der um moralische Integrität ringenden Kate Macer am Ende von »Sicario« verkündet, dass sie in einem »Land der Wölfe« nichts verloren hat, richtet er sich auch ans Publikum. Wir, die wir uns mit der von Emily Blunt gespielten FBI-Agentin identifiziert haben, sollen begreifen, dass im Krieg gegen die Kartelle der Zweck wirklich jedes Mittel heiligt. Solche faschistischen Argumentationen gefährlich nahekommenden Lehren sind in Sollimas Kino undenkbar. Wie in dem Mafia-Thriller »Suburra« und in den Fernsehserien Romanzo Criminale und Gomorrha zerstört er auch in diesem zweiten Teil der »Sicario«-Trilogie jedes Identifikationsangebot sofort wieder. Graver, Alejandro und die anderen sind nichts als Killer. Nur der Grad ihres Zynismus und ihrer Menschenverachtung unterscheidet sie noch. Selbst die meist schutzlos und verletzlich wirkende Isabela Moner wird als kalt kalkulierende Jugendliche eingeführt, die eine Mitschülerin brutal verprügelt und dann auf den Ruf ihres Vaters setzt. So sieht es in dem von Alejandro beschworenen Reich der Wölfe tatsächlich aus. Gewalt gebiert Gewalt, und am Ende bleiben nur Verlierer und Betrogene zurück.

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