Nachruf: Jean-Paul Rappeneau

Besonnene Hast

08.04.1932 – 01.09.2026

Seine Figuren durften keine Zeit verlieren, stets hatten sie eine Aufgabe oder gleich mehrere zu erledigen. Wenn sie flüchteten, dann unbedingt nach vorn. Ihr Elan ließ nie nach: Bei diesem Regisseur besaß jeder Moment Dringlichkeit. Ein Schauspieler, der rennt, lautete eine seiner Maximen, kann schon mal nicht ganz schlecht sein.

Von diesem Rausch war selbst Jean-Paul Rappeneaus größter Erfolg »Cyrano de Bergerac« ergriffen, in dem es eigentlich betulicher zugehen müsste. Aber auch da gab es kein Zögern, musste unverzüglich gehandelt werden. Jedoch handelte es sich bei ihm um eine altmodische, entschleunigte Eile. Tempo war für ihn keine Frage der rasanten Schnitte, sondern entstand aus der Geistesgegenwart der Drehbücher und Schauspieler. Es nimmt nicht wunder, dass er vor seinem Regiedebüt »Leben im Schloss« (1966) hyperaktive Szenarien für Louis Malle (»Zazie«) und Philippe de Broca (»Abenteuer in Rio«) schrieb.

Eigentlich hatte er Jura studiert, kaufte sich dann aber eine Kamera und assistierte Regisseuren, von denen er nichts lernen konnte. Beim Militärdienst teilte er sich die Stube mit Alain Cavalier, der ihn mit den Regisseuren der Nouvelle Vague bekannt machte. Godard bot ihm eine Co-Regie an, aber er war klug genug, abzulehnen. Letztlich drehte er Abenteuerkomödien, darunter »Musketier mit Hieb und Stich« (1971) mit Jean-Paul Belmondo und Marlène Jobert, der kurz nach der Französischen Revolution spielt und in dem sich Rappeneaus Sehnsucht nach einem exotischen Anderswo munter Bahn brach. Nur die melancholische Jean-Giono-Adaption »Der Husar auf dem Dach« fiel 1995 glorreich aus dem Rahmen. Auf die drängenden Fragen der Zeit suchte er keine Antworten. Allerdings griff er in seinem Regiedebüt das brisante Thema Besatzung und Widerstand auf, zu dem er 2003 in »Bon Voyage« zurückkehrte, seinem Meisterwerk, das leichthändig Figurenkonstellationen und Zeitläufte verschachtelt. Seine Drehbücher verrieten die Lust, so viele Bälle wie möglich in der Luft zu halten, und wurden von der rastlosen Hoffnung auf die Vereinbarkeit gegensätzlicher Charaktere angetrieben. Unter anderen Umständen als denen, die Rappeneau 1975 für »Die schönen Wilden« einfädelte, wären sich Yves Montands und Catherine Deneuves Charaktere nie begegnet. In dieser frühen Komödie über das Phänomen des Aussteigers rechnete Rappeneau mit seiner Herkunft aus einer Industriedynastie ab.

Die Zeit, die er zwischen Filmen verstreichen ließ – in fünfzig Jahren realisierte er gerade einmal acht – scheint wie ein unauflösbarer Widerspruch. Drehbücher hätten doch nur so aus ihm heraussprudeln müssen! Tatsächlich gab es nur wenige unrealisierte Projekte. Er feilte einfach ungeheuer lange an den Büchern, drehte und wendete jede Dialogzeile, bis er zufrieden war. So gingen zwölf Jahre ins Land, bis er nach »Bon Voyage« wieder einen Film in Angriff nahm. »Belles Familles« knüpfte 2015 an das großbürgerliche Milieu aus »Die schönen Wilden« an, diesmal mit einem entschieden globalisierten Blick, der von Shanghai über London schließlich zurück nach Frankreich führte. Rappeneau hielt auch in seinem letzten Film noch Schritt.

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