Nippon Connection: Warum Grappa?

»My Sweet Grappa Remedies« (2019)

»My Sweet Grappa Remedies« (2019)

Seit 20 Jahren präsentiert Nippon Connection Querschnitte durch das japanische Filmschaffen. Bedingt durch die Covid-19-Pandemie musste die Jubiläumsausgabe des größten Festivals seiner Art leider virtuell stattfinden. Unter dem diesjährigen Schwerpunkt Female Futures loteten viele der über 70 Kurz- und Langfilme Frauenbilder im japanischen Gegenwartskino aus.

Ein Grundthema schimmert dabei immer wieder durch: Männer und Frauen, so auch der Tenor von Ryutaro Ninomiyas »Minori, on the Brink«, leben in getrennten Welten. Berührungspunkte? Fehlanzeige. Der 130-minütige Independentfilm zeigt, wie eine resolute Kellnerin, hervorragend gespielt von Minori Hagiwara, einen jungen Macho zur Rede stellt, der ihre Freundin vergewaltigte. In einer Mischung aus ruppigem Mumblecore-Stil und Cinema Verité wird dabei deutlich, dass diese infantilen Machos sich keiner Schuld bewusst sind. Wenn sie unter sich sind, quälen sie einen von ihnen. Frauen? Nehmen sie nicht als eigenständige Individuen wahr. Die mutige Kellnerin hält dagegen. Sie lässt sich von diesen matten Typen nichts gefallen. Ihre Resilienz führt allerdings schnurstracks in eine Depression.

Wie wird diese wechselseitige, vor allem von Männern ausgehende Missachtung erzieherisch antrainiert? Dieses Thema streift der Dokumentarfilm »This Is Not My Planet«, ein Porträt der berühmten japanischen Feministin Mitsu Tanaka. Um Erziehung geht es auch in »Forgiven Children« von Eisuke Naito. In dem verstörenden Jugenddrama wird eine Schülerin brutal gemobbt. Es besteht Redebedarf. Also werden im Klassenverband Arbeitsgruppen gebildet. Als hätten sie auf nichts anderes gewartet, artikulieren die Täter daraufhin – ohne jegliche Empathie – soziologisch altkluge Phrasen über Mobbing. 

Zu den beeindruckendsten Beiträgen des Festivals zählt ein Blick über japanische Gefängnismauern. In ihrer Langzeitbeobachtung Prison Circle gelingt Kaori Sakagami die irritierende Nahaufnahme eines therapeutisch gestützten Rehabilitierungsprogramms. Zunächst wird die verkorkste Kindheit der Delinquenten, Raubmörder und Ladendiebe, im Anime-Stil illustriert. Anschließend führt der Film ein gruselig anmutendes Rollenspiel vor Augen. Die erzwungene Einfühlung in die Opfer geht fließend über in eine Form von Gehirnwäsche. Die vollautomatische Essensausgabe gibt einen Vorgeschmack darauf, wie dieser Knast Menschen zu Robotern macht.

Durchbrochen wird dieser düstere Blick auf die japanische Kultur von zwei wundervollen Filmen, die nicht zufällig auch das Frauenbild deutlich erweitern. Mit »Beautiful Goodbye« gelingt Eiichi Imaura ein melancholisches Roadmovie über einen stotternden Außenseiter, der mit einem geklauten Kleinlaster eine Frau überfährt – die allerdings schon tot ist, erstochen von ihrem narzisstischen Exfreund. Als geisterhaftes Zombiewesen hat die Untote nun keine sexuellen Empfindungen mehr. Dank diesem Mangel entwickelt sich jedoch eine anrührende Romeo-und-Julia-artige Romanze. Trotz erkennbar schmalem Budget entwirft »Beautiful Goodbye« eine liebenswürdig gezeichnete Parallelwelt, in der Poesie und Technik eine grenzüberschreitende Synthese bilden. 

Der wohl schönste Beitrag des Festivals: »My Sweet Grappa Remedies« von Akido Oku. Der Film entführt in die ganz eigene, tiefenentspannte Welt einer kinderlosen 40-jährigen Büroangestellten. In ihrem Leben geschieht eigentlich nichts – doch das ist sehr aufregend. Die Protagonistin ist keine Alkoholikerin, sondern Genusstrinkerin. Wenn sie schluckt, zeigt eine Großaufnahme die Wölbung der Kehle. Doch warum bevorzugt sie Importiertes wie Grappa und Rotwein? Das tagtraumartige Filmtagebuch erklärt nicht alles. Rätsel bleiben ungelöst. Eine sehr eigene Bildsprache verleiht derweil alltäglichen Dingen wie dem Fahrrad eine sinnliche Präsenz. Die Protagonistin trifft sich mit ihrer Freundin, bezieht mit dem Freund eine Wohnung, imaginiert über Familienplanung – alles völlig unangestrengt und ohne Zankereien. Ein Frauenfilm, gewiss. Aber nicht im üblichen Sinn. Die Quälereien, der Geschlechterkampf und die Perversionen, die in den anderen Filmen des Festivals variiert werden, sind hier plötzlich wie weggeblasen. Ein irritierend schöner Blick, nicht in eine bessere, sondern in eine friedliche Welt.

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