Interview: Yann Gonzalez über seinen Film »Messer im Herz«

»Messer im Herz« (2018). © Salzgeber

»Messer im Herz« (2018). © Salzgeber

So schrill, wild, sexy, schräg und knallig wie »Messer im Herz« ist schon lange kein Film mehr gewesen, schon gar nicht aus Frankreich. Der Mann, der für diese mörderisch-mystische Geschichte aus der Welt der Schwulenpornos der späten Siebziger Jahre verantwortlich ist, erweist sich beim Interviewtermin während des Filmfestivals in Cannes allerdings als das komplette Gegenteil. Yann Gonzalez ist schüchtern und still, bescheiden und sensibel. Schon vor fünf Jahren etablierte er sich mit seinem irrwitzigen Debüt »Begegnungen nach Mitternacht« als neue Hoffnung des europäischen Queer Cinemas, nun festigt er mit »Messer im Herz« (zu dem sein Bruder Anthony mit seiner Elektro-Band M83 die Musik beisteuert) diesen Ruf. 
  
Monsieur Gonzalez, Ihr Film »Messer im Herz« spielt komplett im Schwulenporno-Milieu und ist eine ziemlich schräge Angelegenheit. Dafür ist Ihre Hauptdarstellerin erstaunlich prominent. Kannten Sie Vanessa Paradis schon vorher persönlich?

Oh nein, kein bisschen. Nur als Star, als Sängerin und Schauspielerin. Schon nach ihrem ersten Film, damals kurz nach »Joe le taxi«, als sie noch Teenager war, war ich ein Fan von ihr. »Weiße Hochzeit« hier der, ein echtes Meisterwerk. Deswegen hatte ich auch ziemlichen Bammel, ihr überhaupt die Rolle in »Messer im Herz« anzubieten. Wir trafen uns zum Mittagessen, und für mich war es das erste Mal, dass ich einen echten Star kennen lernte. Jemanden, den ich wirklich bewundere. Ich war also noch schüchterner als sonst sowieso – und zitterte richtig ein bisschen. 

Haben Sie überhaupt einen Satz herausgebracht?

Anfangs kaum. Lustigerweise ist Vanessa aber auch ein unglaublich schüchterner Mensch, und irgendwie machte das die Sache einfacher. Denn als ich nach zwei Minuten zaghafter Konversation realisierte, dass sie mir gar nicht so unähnlich und vor allem unglaublich reizend und liebevoll ist, habe ich mich ein wenig beruhigt. Trotzdem fühlte ich mich wie ein aufgeregter Fan mit einem Geschenk für seinen Star, als ich irgendwann das Drehbuch aus meiner Tasche zog und ihr mitgab. Sie flog am nächsten Tag nach Los Angeles und las es auf dem Flug. Zwei Stunden nach der Landung schrieb sie mir schon eine wunderbare Email und meinte, sie habe sich in dieses Projekt verliebt. Ich war vollkommen überwältigt!

Ihre Rolle als  Pornoproduzentin ist nicht ohne. Wie weit war Paradis bereit zu gehen?

Ich will nicht sagen, dass sie alles für die Rolle getan hätte. Aber sie war definitiv bereit für eine Erfahrung der besonderen Art. Sie wollte sich auf ein Abenteuer einlassen, denn als Schauspielerin ist sie unglaublich leidenschaftlich und risikofreudig. Da war diese Rolle wie für sie gemacht.

Haben Sie ihr zur Vorbereitung ein paar Schwulenpornos empfohlen?

Oh Gott, das hätte ich mich nicht getraut (lacht).

Wo wir gerade von Pornos sprechen: »Messer im Herz« dürfte der erste Film über Schwulenpornos sein, in dem es keinen einzigen Penis zu sehen gibt...

Das stimmt vermutlich. Aber das war gar keine bewusste Entscheidung. Als mein Ko-Autor Cristiano Mangione und ich das Drehbuch schrieben, war ich mir sicher, dass es in unserem Film nur so wimmeln würde vor Schwänzen (lacht). Aber wie ich schon gesagt habe: ich bin ein wahnsinnig schüchterner Mensch. Und irgendwie habe ich immer die Sorge, von meinen Schauspielern etwas zu verlangen, was ihnen vielleicht unangenehm sein könnte. Das wichtigste war mir immer, dass alle sich wohl und entspannt fühlen vor der Kamera. Sich vor einer ganzen Crew aus größtenteils fremden Leuten nackt vor der Kamera zu zeigen, trägt dazu nicht unbedingt bei. Allerdings ist es nicht so, dass wir keinen Penis gefilmt hätten. Doch den, der es vor die Kamera geschafft hat, musste ich am Ende rausschneiden. Er war für unsere Zwecke einfach zu klein (lacht).

Könnte man sagen, dass der Sex trotz des gezeigten Milieus für Sie hier eigentlich Nebensache war?

Das würde ich sofort unterschreiben. Worum es mir ging, war Freundschaft. Die verschworene Gemeinschaft, diese eigene, kleine Welt dieses Grüppchen queerer Menschen, die ihr Leben und ihre Arbeit miteinander teilen. Und um den Spaß und die Melancholie gleichermaßen, die den Alltag dieser Sexarbeiter ausmachen. Mir ging es nicht darum, die Zuschauer anzutörnen, sondern Empathie für meine Figuren zu wecken. Mit ihnen zu lachen und zu leiden erschien mir emotional einfach sehr viel stärker als ihnen beim Vögeln zuzusehen. Trotzdem habe ich im Hinterkopf auch noch den Traum, eines Tages mal einen echten Porno zu drehen, der die magische und romantische Seite von Hardcore-Sex zeigt. Aber das ist ein ganz eigenes Projekt, das mit »Messer im Herz« rein gar nichts zu tun hat. 

Bleiben wir trotzdem noch ein bisschen bei den Pornos. Die Filme der Siebziger Jahre, vor allem so wie Sie sie zeigen, haben nicht viel zu tun mit dem, was heute so produziert wird, oder?

Ich habe wirklich versucht, mich formell und stilistisch so eng wie möglich an den Schwulenpornos zu orientieren, die Ende der Siebziger in Frankreich gedreht wurden. Die Inszenierung und die Kulissen mussten diese besondere Naivität haben, ganz unironisch. Aber eben nicht, um mich darüber lustig zu machen, sondern weil ich im Gegenteil diesen Film meinen Tribut zollen wollte. Das waren damals Porno-Pioniere, und ihre Filme waren meilenweit entfernt von der seelenlosen Massenware, die heute produziert wird. Das war in gewisser Weise wirklich Underground-Kunst, und die Filme, die von damals noch existieren, zeugen auf unvergleichliche Weise von einer schwulen Szene zwischen Saunas, Toiletten und Sexkinos, die es heute so nicht mehr gibt.

Probleme wie Ausbeutung oder Missbrauch muss es doch aber auch damals schon hier und da in der Porno-Branche gegeben haben!

Natürlich, auch damals ging es bisweilen brutal zu, das war nicht alles eitel Sonnenschein. Aber insgesamt waren die Szene und vor allem die Filme, die entstanden, doch deutlich naiver und liebevoller als alles, was es heute gibt. Damals hatten viele Pornos fast etwas Poetisches, immer wieder sah man Darsteller mit melancholischen Gesichtern. Heute sind das meistens nur noch schnöde Wichsvorlagen. Und die Allgegenwärtigkeit, diese stets nur einen Klick entfernte Verfügbarkeit selbst für Jugendliche finde ich fast ein bisschen gefährlich. Eben gerade wegen des ziemlich lieblosen Bildes von Sex, das meistens gezeichnet wird.

Moderne Pornos interessieren Sie also gar nicht?

Doch, es gibt schon ein paar spannende Entwicklungen in der Branche, sowohl bei Schwulen- als auch bei Hetero-Pornos. Dass es zum Beispiel mehr und mehr weibliche Produzent*innen und Regisseur*innen gibt, finde ich super. Feminismus im Porno finde ich spannend und wichtig. Außerdem gibt es gerade in der Queer-Szene eine interessante Tendenz der Annäherung von Kunst und Porno. Da werden gerade viele Barrieren und Grenzen eingerissen, die es lange gab, und es werden frische Perspektiven aufgemacht. Neue Stimmen verschaffen sich Gehör. Ich bin also weit davon entfernt, alle modernen Pornos zu verdammen.

Auch das Queer Cinema braucht dieser Tage dringend frische, aufregende neue Stimmen wie Ihre, denn die Szene ist längst nicht mehr so wild und spannend wie früher. Welche Kolleg*innen haben eigentlich Ihren filmischen Werdegang geprägt?

Einer der wichtigsten Filme war für mich sicherlich Gregg Arakis »Nowhere«, vor dessen Vorspann ich mich am Ende von »Messer im Herz« in gewisser Weise verneige. Was mir übrigens erst im Nachhinein richtig bewusst wurde. Jedenfalls war ich 20 Jahre alt, als »Nowhere« damals in Frankreich ins Kino kam, und ich habe ihn sicherlich fünf- oder sechsmal gesehen. Ich war besessen von diesem Film, in dem etliche Figuren ihre queere Identität stolz und leidenschaftlich in farbenfroh-fröhlicher Umgebung auslebten. Sie waren hemmungs- und grenzenlos, super sexy und hörten die coolste Musik überhaupt. Diesen queeren Traum wollte ich auch leben – und kannte im französischen Kino nichts Vergleichbares. Schwule Geschichten bei uns waren, wenn es sie gab, deprimierend, dramatisch und ästhetisch ziemlich konventionell. Womit ich aber nicht sagen will, dass nicht viele dieser Filme auch sehr gut waren. »Les amoureux« von Catherine Corsini, Sébastien Lifshitz' »Wild Side«, »Wilde Herzen« von André Téchiné oder natürlich Cyril Collards »Wilde Nächte« waren für mich zu ihrer Zeit auch alle sehr wichtig.

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