Interview mit Dagur Kari zu »Virgin Mountain«

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»Regisseur Dagur Kari«

Vertrauen ist das wichtigste Werkzeug

Haben Sie je ein gemeinsames Happy End für die beiden Protagonisten Ihres Films, Fusi und Sjöfn, in Erwägung gezogen? Dass sie beide zusammen nach Ägypten fliegen?

Nein, nicht wirklich, denn ich mag keine Happy Ends, da die immer falsch klingen. Aber genauso wenig mag ich tragische Enden, die ebenso falsch wirken. Deshalb versuche ich meine Filme so enden zu lassen, dass darin Elemente von beidem enthalten sind. Zudem soll der Zuschauer am Ende eine gewisse Verunsicherung aus dem Kino mitnehmen.

Es gibt in Island keine Produzenten, die sagen, dieser Film wird nur mit einem Happy End gedreht werden?

Nein, das war nie ein Problem, weil ich immer mit Leuten gearbeitet habe, die meine Sicht der Dinge unterstützt haben.

Höchst eindrucksvoll fand ich, wie der Film mit einem Wechsel der Stimmungen arbeitet. Auf den ersten Blick erscheint Sjöfn als die Stärkere, etwa wenn sie Fusi dazu auffordert, mit ihr zusammen zu ziehen. Aber aus den Problemen mit ihrer Mutter kann der Zuschauer schon vermuten, dass es nicht so einfach ist. Und als Fusi dann entdeckt, dass sie sich bei seinem Besuch im Badezimmer versteckt, ist das ein ziemlich dramatischer Moment, während der Beginn des Films eher leicht daher kommt. War dieser Stimmungswechsel schon im Drehbuch ausgeprägt, oder hat sich das erst durch die Arbeit mit den Darstellern entwickelt?

Das war schon im Drehbuch angelegt, aber die Feinarbeit findet dann beim Dreh und auch noch im Schnitt statt. Die Verbindung von Humor und Tragödie ist etwas, was mich schon immer fasziniert hat. Als ich den Film zum ersten Mal mit Publikum sah, lachten die Zuschauer am Anfang viel, doch dann wurden sie immer stiller.

Wie arbeiten Sie mit Ihren Darstellern? Proben Sie viel oder machen Sie es eher wie Ken Loach, der seine Darsteller mit bestimmten Situationen konfrontiert und ihr spontanes Verhalten im Bild festhält?

Die Proben dienen mir in erster Linie dazu, ein Vertrauensverhältnis zwischen mit und den Schauspielern herzustellen. Meiner Meinung nach ist Vertrauen das wichtigste Werkzeug. Ich möchte nicht zu vorbereitet in die Szenen gehen, da ich dann befürchten würde, eine gewisse Spontaneität, eine mögliche Magie könnte dadurch verloren gehen.

Bei den Szenen zwischen Fusi und dem kleinen Mädchen werden manche Zuschauer an die Pädophilie- Diskussion denken, die hierzulande in den letzten Jahren geführt wurde…

Ich war mir durchaus der Tatsache bewusst, dass viele jemanden wie Fusi von seiner äußeren Erscheinung her beurteilen werden – seine massige Gestalt, die langen Haare, die Tatsache, dass er militärische Kleidung trägt. Aber darum ging es mir: den Zuschauer mit seinen Vorurteilen zu konfrontieren, indem ich zeige, was Fusi eben nicht ist.

Gunnar Jönsson, den Darsteller des Fusi, haben Sie vor langer Zeit in einer Fernsehsendung entdeckt…

Ja, vor 15 Jahren. Er verkörperte den Sidekick in einer Comedy-Show. Er hatte eine eindrucksvolle Präsenz, und ich fand, er hätte die Hauptrolle in einem Kinofilm verdient. Er hat zwischenzeitlich alle möglichen Tätigkeiten ausgeübt - als ich ihn wegen der Rolle ansprach, arbeitete er gerade als Koch auf einem Frachtschiff. Er hat keine klassische Schauspielausbildung, ist aber trotzdem unglaublich professionell. Meist klappte es beim ersten Take. Die anderen Darsteller sind alle Profis.

So viele Filme werden in Island ja nicht gedreht. Gibt es denn genügend Darsteller dafür?

Ja, denn wir haben eine große Theaterszene und eine zunehmende Fernsehproduktion.

Zu den Produzenten von »Virgin Mountain« gehörte auch der Regisseur Baltasar Kormákur…

Ja, er war in allen Phasen der Produktion involviert, sah die Muster, war aber nur einmal am Set. Er hat eine unglaubliche Energie, die uns half.

Ihren vorangegangenen Film »A Good Heart« haben Sie teilweise in den USA gedreht, mit Paul Dano und Brian Cox in den Hauptrollen. Wie anders war diese Erfahrung?

Das war einerseits durch die Figuren und den Schauplatz einer Bar mein intimster Dreh, andererseits war das Team hinter der Kamera erheblich größer. Ich würde nicht sagen, dass amerikanische (oder britische) Schauspieler grundsätzlich anders sind. Jeder Schauspieler hat einfach eine eigene Persönlichkeit, auf die ich mich einlassen muss.

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