Melodram

Nobert Grob über Schmerz, Tränen, Intrigen und Scheitern

Seit in Filmen Geschichten erzählt werden, gibt es das Melodramatische: den Aufruhr der Gefühle, den Kuddelmuddel aus Obsessionen und fixen Ideen. Wo die Lust auf das ganz Andere und die Sehnsucht nach dem Endgültigen geprägt sind durch den Traum vom großen Glück. Aber dann kommt etwas Unvorhersehbares dazwischen, und alles zerbricht für immer. Wobei die kleinen Irrungen und Wirrungen um Liebe und Liebelei stets zugespitzt sind, als ginge es um die letzten Fragen der Menschheit.

Um die Jahrtausendwende erweiterte Dominik Graf sein melodramatisches Erzählen: um maßlose Helden in überspitzten Konflikten, in »Dramen der überschwellenden Emotionen, mit Spielstrukturen, die nicht von der Logik geformt sind«, sondern »von Gewalt und Zufall, Irrtum und Blindheit« (Douglas Sirk). In Bittere Unschuld (1999) etwa, wo es um einen Mann geht, der verzweifelt um seine Karriere kämpft. Aber dann verliert er die Belange seiner Familie aus den Augen, auch die seiner Tochter. »Du hast keine Ahnung, was los ist«, wirft ihm seine Frau vor. Dann lässt sie sich mit dem Konkurrenten ihres Mannes ein. Das Resultat: unentwirrbares Gefühlsgemenge auf der einen, hoffnungsloser Abstieg in Tod und Irrwitz auf der anderen Seite. Oder Deine besten Jahre (1999), in dessen Zentrum eine Ehefrau steht, die eines Tages erfährt, dass ihr Mann eine Geliebte hat, und danach alles tut, um ihr Glück zu sichern. Aber als sie ihr Ziel bereits erreicht zu haben scheint, zerbirst alles noch durch einen Autounfall, eine Fügung des Schicksals also. Daraufhin muss sie erkennen, dass vieles in ihren besten Jahren auf Lug und Trug gründete. Schließlich Kalter Frühling (2004), in dem eine junge Frau im Krieg lebt gegen ihre reichen Eltern, weil sie einen eigenen Weg, einen Weg zu sich sucht. Sie liebt und spielt, riskiert und kokettiert viel. Schließlich prostituiert sie sich, um zu überleben. Aber schließlich übernimmt sie die verhassten Werte von Vater und Mutter und richtet sie gegen diese selbst. Sie sucht damit die »Sturzfluten von Unglück« zur Seite zu wischen – und arrangiert sich doch nur mit dem Elend des Üblichen. Was zu neuer Ödnis führt: zu Schmerz und Tränen.

Das Melodram zählt zu den Supergenres des Kinos. Dabei ist es gemixt wie ein überstarker Cocktail: zwei, drei Anteile Frucht, etwas Süße, einige Spritzer Bitteres, dazu eine Menge harter Stoff, der das Bewusstsein trübt und für Explosionen im Kopf sorgt. Deshalb das Übersteigerte, um wenigstens einigermaßen auf dem Teppich zu bleiben: etwa das Motto der Männer in Tiger, Löwe, Panther: »Man trennt sich, um wieder zusammenzukommen!« Oder auch das Hin und Her der Liebenden im Spieler – sich  ständig zu streiten, um sich unentwegt wieder zu versöhnen. Deshalb die Weigerung des Jungen im Skorpion, sich von seinem Vater, dem zähen, tyrannischen Polizisten, helfen zu lassen. Oder die Lust der Frau im Felsen, nachdem sie von ihrem Geliebten verlassen wurde, das Bett mit zwei unbekannten Männern zu teilen. Deshalb auch die zahllosen Rosen im Angesicht des Verbrechens, die wie eine Gottesgabe vom Himmel regnen – und für einen Moment verzaubern, bevor alles in Gram und Kümmernis versinkt.

Das Prinzip, nach dem das Melodramatische bei Graf funktioniert, lautet: Etwas Außergewöhnliches kommt durch Zufall in Gang und scheint dann kein Ende zu finden. Aber dann gerät es am Ende ins Wanken – oft durch Kabale, oft durch Zufall. Dagegen erweist sich jede Gegenwehr: jedes andere Begehren, jedes andere Werben als nutzlos. Einiges ist zu voreilig, anderes zu spät begonnen. Für die Protagonisten in Grafs Melodramen gibt es deshalb, um den berühmten Satz von Robert Warshow zum Gangsterfilm zu variieren, in Wahrheit nur eine Möglichkeit: das Scheitern. Der letzte Sinn der Liebenden ist Verzweiflung oder Tod.

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Norbert Grob ist Professor für Filmwissenschaft und Mediendramaturgie an der Universität Mainz.; er schreibt Kritiken, Essays, Bücher und ist Herausgeber der Reihe »Stilepochen des Films«.

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