06/2024

»Auf den ist Verlass« – Mads Mikkelsen ist immer ein Hingucker – als Schurke, Rebell oder Familientyp. Ein Porträt +++ 

»8 Stunden sind kein Tag« – Michael Fetter Nathansky und Aenne Schwarz über ihren proletarischen Liebesfilm »Alle die Du bist« +++ 

»On the Road« – Zum Start von »The Bikeriders«: Kleine Geschichte des Motorradfilms Georg Seeßlen +++ 

Im Kino: May December | Furiosa: A Mad Max Saga | Ein Schweigen | The Bikeriders | Ivo +++

Streaming: Karl Lagerfeld | Aus Mangel an Beweisen | Die Zweiflers | Rentierbaby | Der Tätowierer von Auschwitz +++

In diesem Heft

Tipp

David E. Kelley verfilmt den Thriller »Aus Mangel an Beweisen« neu, nun als achtteilige Serie und mit Jake Gyllenhaal in der Hauptrolle.
Daniel Brühl spielt im Sechsteiler »Becoming Karl Lagerfeld« den Modemacher, der zur öffentlichen Stilikone wurde.
Kolonialwaren im ­Siebenerpack: Eine DVD-Kollektion repräsentiert Asienbilder des westlichen Kinos zwischen 1954 und 1986.
Abi Morgan erzählt in »Eric« mit einer Mischung aus Krimi und Familiendrama von einem Vater auf der Suche nach seinem Sohn, vom Beginn der Aids-Krise und von Homophobie.
am 9.6. spricht Corinna Harfouch mit Ulrich Sonnenschein über ihre Rolle als todkranke und gefühlskalte Mutter in Matthias Glasners Film »Sterben«, der zuletzt beim Deutschen Filmpreis vier Auszeichnungen erhielt.
Auch in der zweiten Staffel der BBC-Serie »The Tourist« gibt es keinen Mangel an ernsten und amüsanten Einfällen.
Der ambitionierte ARD-Sechsteiler »Die Zweiflers« überzeugt durch tiefenscharf ausgeleuchtetes jüdisches Leben in Frankfurt.
»Der Tätowierer von Auschwitz« erzählt, inspiriert vom gleichnamigen Tatsachenroman, vom Grauen des Konzentrationslagers durch die Perspektive eines Liebenden – der Jahrzehnte später Zeugnis ablegt.
Mitte des 18. Jahrhunderts macht sich Hauptmann a.D. Kahlen daran, die Jütländer Heide für das dänische Königreich zu erschließen. Er träumt von gesellschaftlicher Anerkennung, doch sein landadliger Nachbar verwickelt ihn in eine erbitterte Fehde. Ein Historienepos, in dessen Zentrum die schauspielerische Glanzleistung von Mads Mikkelsen in der Rolle Ludvig Kahlens steht.
Richard Gadds Netflix-Serie »Rentierbaby« ist mehr als nur ein Überraschungserfolg, sie ist ein Phänomen.
Die Fan-Fiction-Adaption »Als du mich sahst« mit Anne Hathaway und Nicholas Galitzine lässt an die Renaissance der RomCom glauben.
Mit Würde durch die Jahre: Ewan McGregor spielt in der Romanadaption »Ein Gentleman in Moskau« einen Aristokraten, der nach der Revolution im Hausarrest ausharrt.
Vergessener Endzeitfilm: »Quiet Earth – Das letzte Experiment« als gut ausgestattetes Mediabook.
Faszination des Alltäglichen: Christopher Nolans Debüt »Following« erscheint als Mediabook. Im Kino wird der Film ab 6. Juni wiederaufgeführt.
Flucht in die Fantasie: »Deep Sea« beeindruckt durch besondere Animation.
Dromedar-Freundschaft: »Prinzen der Wüste – Schneller als der Wind«, der Preisträger beim Filmfestival Schlingel.

Thema

Zum Start von »The Bikeriders«. Georg Seeßlen geht dem Mythos nach: eine kleine Geschichte des Bikermovies.
Auf den ist Verlass: Mads Mikkelsen ist immer ein Hingucker – als Schurke, Rebell oder Familientyp. Ein Porträt.
Eine zärtlich-verrückte Beziehungs­geschichte unter den rauchenden Schloten des Kohlereviers . . . Vielleicht hätte Fassbinder so was machen können. Im aktuellen deutschen Kino wirkt »Alle die Du bist« wie ein kleines Juwel, funkelnd und einzigartig. Eine Begegnung mit dem Regisseur und Autor Michael Fetter Nathansky und der Hauptdarstellerin Aenne Schwarz.

Meldung

Eva Trobisch, 40, Regisseurin, studierte an der Hochschule für Film und Fernsehen ­München, der NYU Tisch School in New York und der London Film School. Ihr erster Langfilm »Alles ist gut« feierte interna­tionale ­Premiere in Locarno und wurde dort als bester Debütfilm ausgezeichnet. Im Juni kommt ihr Spielfilm »Ivo«, der auf der Berlinale in der Sektion Encounters lief, in die Kinos. 
Die Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen sind 70 geworden. Und hatten ein schwieriges Jahr. Aber trotz Boykottaufrufs gab es ein anspruchsvolles Programm.

Filmkritik

Ein Taxifahrer und sein weiblicher Fahrgast unterhalten sich über die Beziehungen zwischen Männern und Frauen. Weil die meiste Zeit der Mann redet und die Frau auf ihr Mobiltelefon schaut, fällt das sogar noch langweiliger aus als befürchtet.
Jeff Nichols' Bikerfilm ist eine Ode an den Gemeinschaftssinn freiheitsliebender Außenseiter, die kongenial besetzt ist und die Folklore des verblichenen Genres lebhaft gegen den Strich bürstet.
In ihrem zweiteiligen »Film von unten« demonstrieren Leslie Franke und Herdolor Lorenz anhand zahlreicher Beispiele, wie ein ungeregelter Wohnungsmarkt in deutschen und internationalen Großstädten zur Beute von Wohnungskonzernen und Immobilienspekulanten wird. Wie die als vorbildhaft für soziales Wohnen vorgestellten Städte Wien und Singapur als Muster für Deutschland dienen könnten, wird aber nicht thematisiert.
Zwischenbilanz, Neujustierung oder Ende einer bewegten Beziehung? Oszillierend zwischen verspielter Leichtigkeit und tiefgehender Zerrüttung, zwischen emotionaler Unsicherheit und psychischer Krankheit zettelt Michael Fetter Nathansky zusammen mit Aenne Schwarz und Carlo Ljubek ein aufregendes Spiel mit Wahrnehmung und Täuschung an.
Ivo
Nüchtern beobachtend aber mit großer Empathie zeigt Eva Trobisch den Alltag einer Palliativpflegerin und erzählt von einer besonderen Dreiecksbeziehung, die sich mit einer Patientin und deren Mann ergibt. Wertungen entzieht sich der Film und ist damit auf positive Weise herausfordernd.
Eine taiwanesische Urlauberin entwickelt eine emotionale Verbindung zu den Erzählungen einer chinesischen Gastarbeiterin. In unspektakulären, aber klug arrangierten Szenerien erforscht der teils dokumentarisch wirkende Spielfilm Gefühle des Fremdseins und findet sie in vielen alltäglichen Details.
Erschütternder Dokumentarfilm über die Grausamkeiten, die Menschen einander anzutun fähig sind. Und über die immer dringender werdende Frage, ab wann man sich einmischen muss, um schlimmeres zu verhindern.
Ihr vorläufiges Scheitern im Wissenschaftsbetrieb führt eine junge Mathematikerin auf Umwegen zu neuen Erkenntnissen: eine charmante Komödie über Mathematik, Liebe, und Selbstbehauptung mit Ella Rumpf als unorthodoxer Heldin.
In seinem Debütfilm verarbeitet der »Saturday Night Live«-Komiker Julio Torres in leicht abgewandelter Form seine eigenen Erfahrungen als fantasiebegabter Einwanderer aus El Salvador. Mit meanderndem Erzählverlauf, versponnener Fantasie und schrägem Humor ist »Problemista« zugleich verspieltes Märchen und lakonische Satire, eine hochfliegende Fantasie, mit Erdung im Alltag.
Auf den Spuren der Klezmer-Musik verblüfft der semidokumetarische Roadtrip durch Osteuropa mit magischen Momenten, lässt aber auch Fragen offen.
Die Geschichte einer Ehe, die früh ­scheitert, aus der es aber kein Entrinnen gibt. Daniele Luchetti (»Mein Bruder ist ein Einzelkind«) treibt in seinem ­detailverliebten, raffiniert verschachtelten Drama ein Spiel mit der Erinnerung des Publikums. Trotz einnehmender Hauptdarsteller (Luigi Lo Cascio, Alba Rohrwacher) ergreift er keine ­Partei im Ehekrieg, s­ondern spürt sensibel nach, was für Konsequenzen dieser für die Kinder hat.
Hans Block und Moritz Riesewieck wieder gemeinsam unterwegs in einem aufwändig produzierten Mainstream-Dokumentarfilm zum Thema Trauerbewältigung mit KI.
Sommerlich-leichtes Roadmovie mit emotionaler Tiefe über vier Jugendlichen nach dem Abitur auf der Suche nach Antworten und sich selbst. Feinfüllig und authentisch von dem jungen Patrick Büchting erzählt.
Old School Horror über eine Spinne aus dem All mit Verweisen auf deutsche Märchen ebenso wie auf »Alien«, der durch das komplexe Figurenensemble überzeugt, für die 12-jährige Heldin an der Schwelle zur Pubertät, aber wenig Sympathie aufkommen lässt.
Auch in ihrer dritten Zusammenarbeit erzählen Todd Haynes und Julianne Moore die Geschichte einer zerbrechlichen, in einer eigenen Welt lebenden Frau. Der Film behandelt auf subtile Weise das Thema sexueller Missbrauch und dessen Folgen.
Mitte des 18. Jahrhunderts macht sich Hauptmann a.D. Kahlen daran, die Jütländer Heide für das dänische Königreich zu erschließen. Er träumt von gesellschaftlicher Anerkennung, doch sein landadliger Nachbar verwickelt ihn in eine erbitterte Fehde. Ein Historienepos, in dessen Zentrum die schauspielerische Glanzleistung und Charakterstudie von Mads Mikkelsen in der Rolle Ludvig Kahlens steht.
Verstörende Dokumentation der iranisch-schwedischen Filmemacherin Nahid Persson Sarvestani über die Ermordung des iranischen Journalisten Roohollah Zam, die (unfreiwillig) die Frage nach der Macht und Legitimität von Bildern und Desinformation stellt.
Found-Footage-Horrorfilm, der angeblich aus jahrzehntelang unter Verschluss gehaltenem Originalmaterial einer TV-Late-Night-Show besteht. In perfektem Look, mit viel schwarzem Humor und großartig gespielt ersteht eine Halloween-Show aus dem Jahr 1977 auf, die mit einem besessenen Mädchen Quote machen soll – und entsetzlich entgleist.
Schockierendes Porträt einer für alle Beteiligten schmerzhaften Familiengeschichte, das keine einfachen Antworten gibt, aber in der subjektiven Sicht der Regisseurin überzeugt und zeigt, wie komplex Erinnerung sein kann.
Ein Staranwalt setzt sich für Missbrauchsopfer ein und gerät selbst unter Verdacht. Joachim Lafosses Thrillerdrama kreist um Schuld, Scham und das Unausgesprochene, an denen die Familie zu zerbrechen droht. Trotz kleinerer Schwächen sehenswert.
Zugleich packendes Drama über den Jom-Kippur-Krieg und Porträt von Golda Meir, überzeugt der Film durch eine eindrucksvolle Helen Mirren – und bestürzt fast genau 50 Jahre später durch Analogien zum Hamas-Angriff des 7.10.2023.
Dokumentarfilm über den US-Unternehmer Alex Karp, der mit seiner Firma Palantir Technologies eine umstrittene Datenanalyse-Software geschaffen hat, um sowohl die Überwachung der Bürger als auch die Bekämpfung von Verbrechern voranzutreiben.
Mit der Aufgabe des Kohle-Tagebaus bricht für den Arbeiter Michael auch eine Welt auseinander. So faszinierend die Idee ist, die Klimadiskussion auch einmal aus der Perspektive der Verlierer zu zeigen, so scheitert sie doch an einer überkonstruiert wirkenden Geschichte.
Die Regisseurin und Filmstudentin Joana Georgi versammelt für ihren ersten dokumentarischen Langfilm fünf junge Links- AktivistInnen aus Berlin.
Die Unsicherheiten der ersten Wochen des Mutterdaseins verbinden sich in Mahalia Belos Verfilmung des gleichnamigen Romans mit dem Überlebenskampf in einer dystopischen Welt. Aus weiblicher Perspektive (Buch, Regie, Kamera und Jodie Comer als Hauptdarstellerin) wird die Apokalypse eher kontemplativ als kämpferisch, eher nachdenklich als angriffslustig.
Der Dokumentarfilm von Marcus Vetter und Michele Gentile porträtiert die Arbeit des International Criminal Court (ICC) in den Den Haag. Die Fülle an bereits um 2012 entstandenem und neuem Material sowie Anknüpfungen zu den aktuellen Konflikten und Fragestellungen können Dramaturgie und Montage des Films leider nicht ganz bändigen, dennoch bietet er erhellende Einblicke in die Herausforderungen und Komplexitäten des Versuchs, nicht nur Verbrechen in Kriegen, sondern auch das Verbrechen des Angriffskrieges zu ahnden.
Die 11-jährige Ama lebt illegal mit den aus dem Senegal geflohenen Eltern in Rotterdam. Als Mutter und Bruder verhaftet werden, macht sie sich, begleitet von einem riesigen Stachelschwein, auf die Suche nach ihrem Vater. Mit magischem Realismus erzählt Sander Burger kindergerecht und zugleich komplex von der Kraft von Mitmenschlichkeit und Empathie.
Als Abenteuerfilm funktioniert die jüngste Fortsetzung der Parabel über die Affen, die mit dem Menschen den Platz in der Evolutionshierarchie tauschen, irgendwo zwischen Dschungelbuch und König der Löwen. Faszinierendes Motion-Capture-Acting, aber insgesamt zu wenig neue Ideen.
In seiner unwiderstehlichen Fortsetzung der »Mad Max«-Saga gelingt George Miller eine atemberaubende Stilübung. Bewegung und Bewegtbild verschmelzen.
Ein zwölfjähriges Mädchen entdeckt, dass sie die imaginären Freunde anderer Kinder sehen kann. Um sich von ihrer eigenen schwierigen Familiensituation abzulenken, beschließt sie, einem Freundestrio dabei zu helfen, die imaginären Freunde wieder mit ihren einstigen Besitzern zu vereinen. Fantasievoller Familienfilm, der Schauspieler mit animierten Figuren verbindet.
Erster komplett animierter Kinofilm und den faulen und gefräßigen Hauskater Garfield, der hier in einem Abenteuer außerhalb der heimischen vier Wände beweisen muss, dass er auch als veritabler Actionheld taugt. Dass er dabei auf bewährte Versatzstücke der action comedy zurückgreift, ist nicht verwunderlich. Seine besten Momente hat der Film, wenn er die klassischen Möglichkeiten des Animationsfilms für komische Effekte nutzt.

Film

Ivo