Kritik zu Wir wollten aufs Meer

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Als die Mauer noch grau und fest stand: Toke Constantin Hebbeln, der für seinen Film »NimmerMeer« 2007 den Studenten-Oscar gewann, erzählt in seinem Langfilmdebüt von zwei Freunden in der DDR und ihrem Traum zu reisen

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Mehr noch als über die Geschichte selbst erzählen geschichtliche Filme davon, was die Gegenwart heute von ihr hält. Anders wäre Geschichtsschreibung auch schwer denkbar, problematisch wird es nur, wenn das nachträgliche Wissen zu deutlich in die filmische Rekonstruktion einwandert. Bei »Wir wollten aufs Meer«, einer UFA-Cinema-Produktion, bei der Studenten-Oscar-Gewinner Toke Constantin Hebbeln Regie geführt hat, deutet sich das nachträgliche Wissen schon im ersten Insert an: »Rostock 1982. Die Mauer steht grau und fest.« Wenn die Mauer, 1961 errichtet, 1989 gefallen ist, muss sie das Leben im Rostock von 1982 logischerweise noch begrenzt haben. Der Hinweis, dass sie »grau und fest« stehe, zielt also darauf, dass sie das am Ende des Films wohl nicht mehr tun wird.

Der Film handelt von den beiden Freunden Cornelis (Alexander Fehling) und Andreas (August Diehl), die von einer Stelle auf einem der Handelsschiffe träumen, die die Welt befahren. Bedingung dafür ist allerdings eine Linientreue, die sich gegenüber der Stasi beweisen muss: Gefordert werden Informationen über Matthias, einen Kollegen (Ronald Zehrfeld). Also Verrat. Cornelis verweigert ihn, Andreas begeht ihn, was »Wir wollten aufs Meer« allerdings eher nebenher erzählt. Es geht dem Film also gerade nicht um die emotionalen Komplexitäten, denen das private Leben durch den Kontrollstaat unterworfen war, sondern nur um die grobe Typisierung in Widerstand und Anpassung.

Besonders deutlich wird das nachträgliche Wissen, aus dem der Film gemacht ist, an Cornelis, der es beim Fluchtversuch über die tschechische Grenze noch cowboyhaft mit scharf schießenden Grenzern aufnimmt, um seiner Vertragsarbeiterfreundin (Phuong Thao Vu) das Entkommen zu ermöglichen. Die Figur von Fehling marschiert durch den Film schon wie der Sieger der Geschichte, zu dem ihn erst der 9. November 1989 machen wird, weshalb der Schauspieler auch nicht mehr als einen grimmig-entschlossenen Gesichtsausdruck braucht, um sie darzustellen. Für die Identifikationsgefühle des Zuschauers ist solch strahlende Überlegenheit eher abschreckend.

Andreas arbeitet dagegen für die Stasi und überwacht die Romeo-Abenteuer eines anderen Mitarbeiters – »Das Leben der anderen«, bloß im Keller. Für Cornelis' Freundin in Hamburg simuliert er außerdem den Briefverkehr mit dem inhaftierten Freund. Spätestens an dieser Stelle wird »Wir wollten aufs Meer« etwas unübersichtlich: Es ist alles ein wenig viel und nichts so richtig. Die handelnden Figuren werden pausenlos von Drehbucheinfällen abgehalten, zu Charakteren zu werden.

So ist »Wir wollten aufs Meer« ein merkwürdiger Hybrid geworden – der Film beginnt als jugendlicher Ausbruch, will sich um theatergroßen Verrat gruppieren und könnte am Ende sogar noch ein Thriller über die Allmacht der Stasi werden. In der Logik solcher Andeutungen läge ein viel freierer Zugriff auf die Geschichte – die Möglichkeit, die DDR mit den Mitteln des Genres einmal fantasievoll anders zu erzählen. Dafür müsste sich »Wir wollten aufs Meer« allerdings zuerst davon verabschieden, Hubertus Knabes Geschichtspolitik verfilmen zu wollen

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