Kritik zu Willkommen bei den Rileys

© Arsenal Filmverleih

2010
Original-Titel: 
Eelcome to the Rileys
Filmstart in Deutschland: 
07.04.2011
L: 
110 Min
FSK: 
16

Jake Scott, der längst erwachsene Sohn von Regieveteran Ridley, hält sich in seinem Spielfilmdebüt an die Tugenden des Independentkinos und erzählt eine alltägliche, aber umso eindringlichere Geschichte

Bewertung: 4
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Triste Suburb-Idylle, depressive Frauen mit Tablettensucht und stoische Ehemänner, die fremdgehen: Dieses depressive Setting hat man im amerikanischen Kino eigentlich oft genug gesehen. In seinen meditativen Szenen einer Ehe gewinnt Jake Scott diesem Sujet eine originelle Variante ab. Das beginnt schon mit dem entspannten Rhythmus dieses Independentfilms, der sich überraschend viel Zeit nimmt für die Entwicklung seiner Figuren. Die Aufschrift auf der Türklingel, Welcome to the Rileys, ist eine Aufforderung, um hinter die Fassade zu schauen.

Seit dem tragischen Unfalltod ihrer Teenager- Tochter leben Doug Riley und seine Frau Loïs in einem schmerzlichen Zustand der Erstarrung, der durch den Komfort ihres Hauses nur noch quälender erscheint. Während sie seit Jahren keinen Fuß mehr vor die Tür setzt, hat er eine scheinbar heimliche Affäre mit der schwarzen Kellnerin Vivian, die übrigens kein junges Mädchen mehr ist. Mit ihrem überraschenden Ableben bemüht der Film zum zweiten Mal den Tod als handlungauslösendes Moment, doch diese Wendung erscheint nicht konstruiert. Bei ihrer Beisetzung auf dem Friedhof schaut Doug auch an der Ruhestätte seiner Tochter vorbei und nimmt erschrocken zur Kenntnis, dass sowohl sein Name als auch der seiner Frau Loïs auf dem Familiengrabstein bereits eingemeißelt sind. Für diesen Zustand des lebendig Begrabenseins findet Scott ein bewegendes Bild: Da das Haus eine rauch- und trauerfreie Zone ist, sitzt Doug Nacht für Nacht schluchzend in der eigenen Garage und pafft. Nikotingenuss, mit dem Hinweis auf seine tödlichen Folgen auch aus dem Kino weitgehend verbannt, fungiert hier als letztes Lebenszeichen.

Auf Geschäftsreise in New Orleans lernt Doug die Stripperin und Gelegenheitsprostituierte Mallory kennen. Als Untermieter ihrer verwahrlosten Bruchbude findet der patente Mitbesitzer eines Baumarktes ein dankbares Betätigungsfeld. Ein deutscher Film hätte auf eine schräge Art zu rechtfertigen versucht, dass der kaputte 50-Jährige und die Gossengöre Sex miteinander haben müssen. Doch die genau gegenteilige Strebung treibt diesen bulligen Mann an, er sucht eine zweite Chance als Vater.

Wenn er für Strom, warmes Wasser und die Eindämmung von »Four-Letter-Words« aus ihrem Mund sorgt, dann vermittelt der Film einen ungewohnten Blick auf diese vermeintlich selbstverständliche Kulturarbeit. Jake Scott gelingt das Kunststück, diese Begegnung nicht zum pädagogischen Rührstück zu verklären. Dank seiner Körpersprache verleiht James Gandolfini, der »zur Abwechslung mal jemanden spielt, der keinen umbringt«, diesem Berg von einem Mann stille Größe. Und Kristen Stewart (»Twilight«) macht das hilflose Kind in dieser abgebrühten Nymphe sichtbar.

Der dritte Abschnitt widmet sich Dougs Frau Loïs, deren Ängste von Melissa Leo mit angemessener Zurückhaltung verkörpert werden. Die bange Befürchtung, ihr Mann habe eine andere, bringt sie dazu, endlich das Haus zu verlassen, um ihm nachzureisen. Dazu muss sie aber erst einmal das Ungetüm von Auto in Bewegung setzen. Den Kofferraum mit der Fernbedienung öffnen – schwierig. Den elektrisch gesteuerten Fahrersitz in die richtige Position bringen – ein Ding der Unmöglichkeit! Das groteske Ausgeliefertsein an diese seltsamen »kleinen« Apparate überzeugt als Bild von Loïs’ depressivem Seelenzustand.

Wie in dieser Szene schöpft Ridley Scotts Sohn Jake, der bislang eher Videoclips realisierte, in seinem Spielfilmdebüt bei der Beobachtung seiner liebenswürdigen Figuren aus dem Vollen. Seine schnörkellos erzählte Geschichte spielt die meiste Zeit in einem New Orleans, das wir nie aus touristisch-folkloristischer Perspektive sehen. In einem heruntergekommenen Viertel, dessen Trash nicht plakativ betont wird, leben Mallory und Doug neben einer alleinerziehenden afroamerikanischen Mutter. Die selbstverständliche Begegnung zwischen Schwarz und Weiß zählt zum unaufgeregten Subtext dieses stillen Melodrams. Am Ende hält der Filmtitel, was er verspricht. Man fühlt sich willkommen bei diesen Rileys, die auf ihre ganz persönliche Art Trauerarbeit leisten.

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