Kritik zu Why Are We Creative?

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Hermann Vaske will dem Kern dessen, was Kunst, Politik und Wissenschaft ausmacht, auf die Spur kommen und befragt dafür eine unglaubliche Vielzahl von Prominenten

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»Ich glaube, ich verstehe ihre Frage nicht!« sagt Expräsident George Bush Senior und zeigt nicht nur darin, wie ähnlich ihm sein Sohn ist. Kreativität, nein, das sei arrogant. Er lasse sich von Überzeugungen leiten. Und das ist vielleicht ganz gut so, denn was passiert, wenn Kreativität ins Spiel kommt, sehen wir zur Zeit. Aber Donald Trump kommt gar nicht vor in Hermann Vaskes Film. Kreativität überschreitet Grenzen, macht genau das, was verboten, verpönt oder gefährlich ist, entsteht aus einer unglücklichen Kindheit oder daraus, mit zwei sehr unterschiedlichen Eltern aufzuwachsen, wie der britische King of Comedy John Cleese erklärt.

Schon als Kind muss man zwei Systeme übereinander bringen. Das erfordert Kreativität. Kinder von einander sehr ähnlichen Eltern werden eher auf anderen Gebieten erfolgreich. Kreativität ist eine Sucht, sagt Frank Gehry, und Yōji Yamamoto stimmt ihm zu. Man kann einfach nicht aufhören. Sonst werde er verrückt, sagt Mel Gibson und Nick Cave beschreibt, wie alle anderen darunter leiden, Freunde, Familie, das gesamte Umfeld. Es ist eine ungeheure Kraft, die Basis aller Wissenschaft sagt Stephen Hawking mit seinem Sprachcomputer und, so Quentin Tarantino, eine Gabe Gottes. Kreativität ist besser als Sex, größer als der Mensch und die einzige Möglichkeit, etwas zu verändern. Politiker, so Vivienne Westwood, tun alles, um im Amt zu bleiben. Wenn überhaupt, können nur Diktatoren etwas verändern. Oder die Kunst.

Seit Jahrzehnten treibt Hermann Vaske die Frage nach der Kreativität um, die einzige Frage, die sich zu beantworten lohnt. Er hat dazu Dutzende von Künstlern, Wissenschaftlern oder Politikern befragt, hat Antworten bekommen oder ist, wie von Bill Gates, einfach ignoriert worden. Der Film zeigt diese Suche erst mal ganz wertneutral. Mit den Jahren verändert sich das Aussehen des Regisseurs, die Frage aber bleibt immer gleich. Es ist eine klare, kurze Frage, die Antwort aber ist immer kreativ. Mal verrückt überdreht, mal klar und verständlich. »Sie hindert mich daran, jemanden umzubringen.«

Hermann Vaske spaziert durch das intellektuelle Abenteuer wie ein Kind, gibt sich naiv, ahnungslos und inspiriert Künstler zu unglaublichen Aussagen. »Man muss Menschen wie mich, die sich nicht an die Ordnung halten, einsperren«, sagt Ai Wei Wei, »sonst wird das System zerstört.« Vaskes Film hat keine Grenze, ja nicht einmal einen Anfang oder ein definiertes Ende. Seine Suche dauert an. Das Ergebnis aber hat eine deutliche lineare Struktur.
 Eine Aussage passt sich an die andere an, mal begleitet von luftigen Animationsbildern, mal von einer wackeligen Handy-Kamera. Der Film ist jenseits der Chronologie streng komponiert, ja durchdacht. Er selbst ist das Ergebnis eines kreativen Prozesses und beantwortet die Frage, was Kreativität ist, wunderbar. Nicht ohne die andere, die nach dem Warum, schelmisch offen zu lassen. In der Überfülle der prominenten Antworten entsteht ein ganz kleiner Strudel, der bei einem selbst endet. Warum bin ich eigentlich nicht ­kreativ?

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