Kritik zu What You Gonna Do When The World's On Fire?

© Grandfilm

2018
Original-Titel: 
What You Gonna Do When The World's On Fire?
Filmstart in Deutschland: 
23.07.2020
L: 
123 Min
FSK: 
12

Roberto Minervini porträtiert den alltäglichen Überlebenskampf einer schwarzen Community in New Orleans

Bewertung: 4
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Am 5. Juli 2016 wurde der Afroamerikaner Alton Sterling in New Orleans von einem Polizisten erschossen. Ein Jahr später demonstrieren Mitglieder der »New Black Panther Party for Self Defense« und andere Bürgerrechtsorganisationen am Ort der Tat. Sie skandieren »Justice for Alton Sterling«, »Black Power«, »No justice, no peace« und andere Parolen. Doch die Aktivisten verteilen auch Sandwiches und Wasser an Obdachlose, egal welcher Herkunft. Und sie nennen in einem Programm konkrete Forderungen wie Reparationen für den »African Holocaust« der Sklaverei – aber auch ein Ende des Kapitalismus in Afrika. Die am kirchlichen Gospelgesang geschulten Sprechchöre der Panther sind das musikalisch-rhythmische Grundgerüst des in augenschmeichelnd sanftem Schwarz-Weiß fotografierten Films, dessen Titel »What You Gonna Do When the World's on Fire« ein Spiritual zitiert, das, wie man an einer Stelle hört, in einem eindringlichen »You gonna run ...!« mündet.

Dabei versuchen die Heldinnen und Helden des Films genau dies (wegrennen) nicht zu tun und stellen sich den Widrigkeiten afroamerikanischen Lebens im historischen Tremé-Viertel von New Orleans mit Ausdauer und Mut. Denn Sterling ist nicht das letzte Opfer rassistischer Gewalt im Film. Außerdem sind da Armut, Missbrauch, Drogen und Knast. Aber auch Mardi Gras, Musik und gegenseitige Fürsorge und Solidarität: Die selbst um ihre ökonomische Existenz ringende Sängerin und Barbetreiberin Judy Hill kümmert sich neben ihrer alten Mutter auch um einen gestrandeten Cousin. Ronaldo und Titus kennen ihren Vater nur vom Besuch im Gefängnis. Doch ihre junge Mutter versucht, die beiden Söhne trotz der sie umgebenden Gewalt für den Weg zum College zu rüsten: Eine schwere, ja fast unmögliche Aufgabe in einer Gesellschaft, wo ein junger afroamerikanischer Mann nur durch Anpassung und Gehorsam die Chance zum Überleben und Auskommen hat. 

Der italienische Musiker und Filmemacher Roberto Minervini zog im Herbst 2000 nach New York und lebt nun schon seit vielen Jahren im Süden der USA, wo er sich im Unterschied zu anderen Künstlern eingehend mit dem Leben der Deklassierten im Flyover-Land beschäftigte. Daraus entstand 2014 »The Other Side« über Aktivitäten und Mentalitäten rechtsextremer Militanter in Louisiana. Nun nimmt der Filmemacher in einer Art Gegenbild Zorn und Widerstandsversuche bei den Opfern des Rassismus in den Blick. Dabei beeindruckt »What You Gonna Do When the World's on Fire?« nicht nur durch Dichte und Nähe zu seinen Personen, sondern auch durch exquisite Dramaturgie und Kadrage – und einer für eine dokumentarische Produktion erstaunlich subtilen Lichtsetzung. 2018 wurde der Film in Venedig mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Nun hat der Grandfilm-Verleih den Filmstart in Deutschland wegen der aktuellen Ereignisse spontan vorgezogen. Eine gute Entscheidung, auch wenn die starken Qualitäten von Minervinis Film auf solche Aktualitäten nicht angewiesen sind.

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