Kritik zu Was will ich mehr

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Seit sein launiger Venedigfilm »Brot und Tulpen« hierzulande zum Arthouse-Kinohit aufstieg, hat Silvio Soldini mit seinen berührenden Alltagsfilmen in Deutschland eine feste Anhängerschaft gefunden, die auch diesmal nicht enttäuscht sein wird

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Im neuen deutschen Beziehungsfilm verzweifeln die Protagonisten an ihren Lebensläufen; in den italienischen Pendants wenigstens noch an ihren Leidenschaften. Silvio Soldinis »Was will ich mehr« arbeitet mit einer ähnlichen Ästhetik von Unmittelbarkeit und Nähe, wie sie die Filme der Berliner Schule für das Lebensgefühl der »Thirtysomethings« etablierten, doch ihm geht es weniger um das Selbstfindungsdilemma neurotischer Bürgerkinder als um die Schwierigkeit, sich mit seinem gewählten Lebensmodell zu arrangieren.

Anna und Alessio haben es sich hübsch in ihrer Beziehung eingerichtet, der nächste logische Schritt wäre ein gemeinsames Kind. Die Gespräche beim Abendessen drehen sich wie selbstverständlich um das Thema, nachdem Anna gerade Tante geworden ist. Doch die Vorstellung eines gemeinsamen Kindes mit Alessio scheint Anna nicht ganz zu behagen. Ihre Beziehung ist mehr von Gewohnheit denn Leidenschaft geprägt, abends liegen sie wie ein altes Ehepaar nebeneinander im Bett. Dann lernt Anna bei einer Betriebsfeier Domenico kennen und beginnt eine Affäre. Doch auch der Seitensprung ist noch von den Beschränkungen des Alltags bestimmt.

Soldini findet einen schönen Rhythmus für die Beschreibung des Alltäglichen und spart nicht an lakonischen Betrachtungen. Dabei entwickelt er eine tiefe Sympathie für seine Figuren, die an ihrer Lebenskrise schier verzweifeln. Anna sucht nach emotionalen Erlebnissen, die ihr Alessio nicht bieten kann. Domenico hat eine Frau und zwei Kinder und fühlt sich in Familien- und Finanzproblemen gefangen. Seine Frau Miriam ist wohl die pragmatischste Figur der vier. Sie stellt sich dem Alltag und kämpft für ihre Ehe.

Soldini lässt seinen Figuren kaum die Zeit zum Reflektieren, vielleicht wirkt »Was will ich mehr« auch deswegen ein wenig rau. Für Larmoyanz bleibt kein Platz, die Tage laufen nach einem festen Schema ab, in das auch die Leidenschaft noch irgendwie gezwängt werden muss. Anna und Domenico treffen sich stundenweise in Hotels, meistens mittwochs, wenn er seinen Tauchunterricht nehmen sollte. Abends kommt er nach Hause und macht, bevor er die Kinder ins Bett bringt, im Badezimmer heimlich seinen Taucheranzug nass, damit der Schwindel nicht auffliegt.

Wenig glamorös ist das, aber man ist fast berührt von der Spießigkeit dieser Lebensentwürfe, die so ganz ohne die hier üblichen Verstimmungen der Nullerjahre zwischen Latte-macchiato-Depression und New-Economy-Selbstausbeutung, auskommen. Die Sehnsüchte von Soldinis Figuren besitzen eine fast kindliche Unschuld, ihre Sorgen kreisen um grundlegende Bedürfnisse. Man verzeiht ihnen ihre Schwächen: Anna, die sich in ihrer Leidenschaft verliert; Domenicos Unentschlossenheit; Alessios vermeintliche Gleichgültigkeit, die aus eigener Unsicherheit rührt. Ihre Zweifel verleiten sie immer wieder zu Impulshandlungen. Vielleicht macht es sich Soldini etwas zu leicht, wenn er sie am Ende wieder mit sich allein lässt. Aber sein Film gibt nie vor, Antworten auf die Fragen zu wissen, die seine Figuren umtreiben.

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