Kritik zu Wanted

Trailer englisch © Universal Pictures

Statt eines US-Remakes seines Wächter der Nacht hat der russisch-kasachische Regisseur Timur Bekmambetov ein überdrehtes Actionspektakel mit James McAvoy und Angelina Jolie gedreht

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Effekte-Overkill. Fragwürdige Moral. Hanebüchener finaler Doppeltwist. Und Drehbuchlöcher so groß, dass sich die Storyratgeber eines Robert McKee palettenweise darin verstecken ließen – »Wanted« bietet wahrlich genug Angriffsfläche, um als seelenloses Spektakel abgetan werden zu können. Doch ist einem Sommerblockbuster, der Realismus, Logik und politische Korrektheit von der ersten Sekunde an nicht bloß ignoriert, sondern ganz offen als irrelevant erklärt, mit solchen Kriterien überhaupt beizukommen?

Timur Bekmambetov, russisch-kasachischer Erfolgsregisseur des »Wächter«-Zyklus (»Wächter der Nacht«, »Wächter des Tages«), lässt in seiner ersten US-Produktion jedenfalls keinen Zweifel daran, dass für ihn der Stil alle Mittel heiligt. Wie in seinen ungleich düstereren Vampirthrillern kreiert er auch hier ein fantastisches Paralleluniversum, das mitten in unserer Wirklichkeit existiert und in dem Raum und Zeit völlig entgrenzt sind. Autos schießen durch die Luft, drehen sich im Flug um die eigene Achse und landen sicher wieder auf den Reifen. Menschen überwinden per Hechtsprung den viel zu großen Abstand zwischen zwei Wolkenkratzern. Ein Zug entgleist über einem Abgrund, wird aber zwischen zwei Felswänden aufgefangen. Und Pistolenkugeln umkurven Hindernisse wie David Beckhams Freistöße Abwehrmauern. Alles ist möglich in dieser CGI-generierten Welt; denken Sie an die sensationellsten Effektszenen aus »The Matrix«, verdoppeln deren Qualität und verzehnfachen ihre Frequenz – dann wissen Sie, wie sich »Wanted« anfühlt. Gäbe es einen »Guilty Pleasure Award« des Jahres, dieser Film zählte zu den heißesten Favoriten.

Obwohl die Geschichte auf der gleichnamigen Comic-Reihe basiert, erinnert sie zunächst eher an eine Mixtur aus zwei anderen Filmen aus den späten Neunzigern. Wie der namenlose Protagonist in »Fight Club« leidet auch Wesley Gibson (James McAvoy) an einem ausgeprägten Testosterondefizit. Er ist die personifizierte Faust in der Tasche, unfähig, sich gegen die grauenvollen Aspekte einer tristen Existenz aufzulehnen. Sein Job langweilt ihn, seine Chefin tyrannisiert ihn, seine Lebensgefährtin hintergeht ihn – mit seinem besten Freund. Als er eines Tages wieder einmal den Drugstore aufsucht, um das dringend benötigte Beruhigungsmittel zu erstehen, entgeht er nur knapp einem Anschlag auf sein Leben: Ein mysteriöser, mit Terminator-hafter Entschlossenheit vorgehender Killer (Thomas Kretschmann) hat es mysteriöserweise auf ihn abgesehen, und nur dank der Hilfe der nicht minder rätselhaften Fox (Angelina Jolie) kann er in einer wahnsinnigen Verfolgungsjagd entkommen.

Hier beginnt für den unwahrscheinlichen Helden eine Erweckungsgeschichte, die recht schamlos Elemente aus »The Matrix« variiert: Während Keanu Reeves als Neo eine Pille schlucken muss, um zu erfahren, dass nichts so ist, wie es scheint, setzt James McAvoy als Wesley seine Tabletten ab, um seine außergewöhnlichen Fähigkeiten zum Vorschein kommen zu lassen.

Wie Neo absolviert er eine martialische Ausbildung und wird Teil einer im Geheimen operierenden Bruderschaft von Attentätern. Diese wird angeführt vom charismatischen Sloan (Morgan Freeman, das Äquivalent zu Laurence Fishburn) und bekämpft das Böse schlechthin: Sie eliminiert prophylaktisch schlechte Menschen, bevor diese ihre Verbrechen überhaupt erst begehen – im Auftrag des Schicksals, nichts weniger als das. Die Story ist, gelinde gesagt, krude und, ehrlich gesagt, zu blöd, um wahr zu sein. Selbstredend beansprucht sie nicht mal ansatzweise, ähnlich komplexe Fragen auszuloten wie die Wachowski-Brüder oder gar David Fincher in seinem »Fight Club«. Bekmambetov bietet dem Publikum vielmehr einen diabolischen Handel an: Lasst jedweden höheren Anspruch fahren, und ich verschaffe euch dafür den intensivsten Adrenalinrausch dieses Actionsommers. Risiken und Nebenwirkungen inbegriffen.

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