Kritik zu Unter Männern – Schwul in der DDR

© Salzgeber

2012
Original-Titel: 
Unter Männern – Schwul in der DDR
Filmstart in Deutschland: 
26.04.2012
L: 
91 Min
FSK: 
12

Homosexualität stellte in der DDR – anders als in der Bundesrepublik – seit den späten 50er Jahren de facto keinen Straftatbestand mehr dar. Ringo Rösener und Markus Stein dokumentieren, dass damit die Homophobie keineswegs aus der Welt war

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Heiner Carows Coming Out war der erste DEFA-Spielfilm, der sich explizit mit dem Thema Homosexualität in der DDR befasste, seine Premiere feierte er ausgerechnet am 9. November 1989. Die Dokumentarfilmer Ringo Rösener und Markus Stein nutzen nun Ausschnitte aus Carows Film, um dem ihrigen einen Bezug zur DDR-Geschichte und außerdem ein Gerüst für die Interviews zu geben, die sie mit sechs Männern, teils fortgeschrittenen Alters, über ihr Leben als Homosexuelle in der DDR geführt haben.

Das Ergebnis ist – wenig verwunderlich –, dass es keine einheitlichen Erfahrungen gibt. Helwin Leuschner etwa empfand die DDR als ein »Schwulenparadies«, in dem man seine sexuelle Identität zwar nicht öffentlich, aber weithin ungestört leben konnte. Eduard Stapel, Gründer der Schwulenbewegung in der DDR, setzte sich im Rahmen der evangelischen Kirche für Homosexuelle ein und gründete ein Netzwerk, was ihn als »Staatsfeind« ins Fadenkreuz der Stasi brachte. Frank Schäfer, der prominente Berliner Szenefriseur, steckt sich seine Verhaftungen wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses wie Federn an den Hut – er wollte damit seinerzeit als »cool« gelten. John Zinner macht im thüringischen Provinznest Lauscha die überraschende Erfahrung, dass sein Coming-out nicht mal von seinem Vater als Sensation aufgenommen wird – solange er ordentlich seiner Arbeit nachgeht.

Die Berichte der Männer sind, je nach Temperament, bedrückend und berührend, aber auch unterhaltsam und komisch. Aus diesen vielfältigen Erfahrungen hätte sich eine spannende Dokumentation machen lassen, wenn sich der für das Drehbuch verantwortliche Rösener (Jahrgang 1983) getraut hätte, tiefer in diese Biografien vorzudringen, herauszufinden, wie sich die Einzelnen mit ihrem Umfeld arrangierten oder wie es der sozialistische Staat mit seinem programmatischen Anspruch, die Gleichheit seiner Bürger zu realisieren, mit der Gleichheit der Homosexuellen hielt. Vor allem hätte gerade die Unterschiedlichkeit der Wahrnehmungen ein Nachfragen provozieren müssen: Warum fühlte sich Leuschner angesichts teils latenter, teils offener Homophobie im Arbeiter- und Bauernstaat dennoch wie im »Schwulenparadies«? Eine mögliche Antwort gibt erst das Presseheft: Leuschner verbrachte den größten Teil seines Lebens in Chile und war dort lebensbedrohlicher Schwulenfeindlichkeit ausgesetzt.

Stattdessen stellt Rösener häufig dieselben Fragen, nach dem Coming-out, ersten sexuellen Erfahrungen oder den Orten der erotischen Begegnungen, wobei der DDR-Bezug bisweilen in den Hintergrund tritt. Und man wundert sich über die Naivität des Fragestellers, wenn er wissen will, was eine »Klappe« ist, und nachfragt, wenn Stapel von den »Romeos« erzählt, die die Stasi auf ihn ansetzte. Diese Naivität mag ein Kunstgriff sein, um den Zuschauer zu informieren, der aber hätte sich angesichts des historischen Abstands mehr Informationen und ein bisschen weniger Anekdotisches gewünscht. Dafür schwingt sich der Film zu einem Schlusstableau auf, in dem sich eindrucksvoll ein neues Selbstbewusstsein demonstriert: Als Dragqueen in weißem Ballkleid schwebt John Zinner durch Lauscha und grüßt huldvoll die Bewohner an ihren Fenstern.

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