Kritik zu The Tribe

© Rapid Eye Movies

Der ukrainische Regisseur Myroslav Slaboshpytskiy erzählt in seinem konsequent von gehörlosen Laiendarstellern gespielten Film, der ohne Untertitel, Übersetzungen und Erklärungen auskommt, die traurige und harte Geschichte einer Gang jugendlicher Gewalttäter in einem Internat

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Zum Einstieg gibt es gleich die Warnung: »Dieser Film ist komplett in Gebärdensprache gefilmt. Es gibt keine Untertitel und keine Übersetzung!« Eine Art moderner Stummfilm also, ohne Sprache, ohne Musik, nur mit den Geräuschen der Umwelt. Doch statt der stilisierten Künstlichkeit des traditionellen Stummfilms entsteht dabei eine rohe Unmittelbarkeit und schmerzliche Authentizität. Indem der ukrainische Regisseur Myroslav Slabosh­pytskiy die Sprache weglässt, eröffnet er dem Kino einen neuen Raum, setzt ganz neue Ausdrucksmöglichkeiten frei. Hier und da würde man zwar doch gerne wissen, was die Jugendlichen sagen, wenn sie die Luft mit ihren kantigen Gesten und aggressiven Drohgebärden zerschreddern. Doch worum es geht, erschließt sich auch so. So wird man als Zuschauer in die Position der Gehörlosen gedrängt, so wie diese sonst aus der Welt der Sprechenden ausgeschlossen sind, sind es nun umgekehrt die Hörenden.

»The Tribe« ist der Auftakt der neuen Reihe »Freie Radikale« bei Rapid Eye Movies – es geht um Filme, die sich ähnlich wie die Reihe »Kino Kontrovers« auf harte, provokante Geschichten und Brüche der Erzählkonventionen konzentriert. Neu ist, dass für jeden Film ein Künstler das Postermotiv entwerfen wird, das in limitierter Auflage auch als Kunstdruck erhältlich ist.

Als Zuschauer wird man zusammen mit einem neuen Schüler in die Welt eines ­Gehörloseninternats eingeführt. Für die Begrüßungszeremonie kommt der Junge, der in den Credits Sergey heißt, im Film aber notgedrungen namenlos bleibt, zu spät. Resigniert nimmt er hin, dass niemand ihn vorstellt, niemand ihn aufnimmt. Im Speisesaal setzt er sich an den einzigen Tisch mit freien Plätzen, wo ihm ein mongoloider Junge sofort das Essenstablett entreißt und sich selbst darüber hermacht. Ihm wird ein Zimmer zugewiesen, doch aus dem einzigen freien Bett wird er bald wieder unsanft rausgeworfen. Von niemandem kommt Zuwendung oder Unterstützung, und nach den ersten Minuten, in denen der Rest einer Geografiestunde abgehalten wird, ist von Unterricht lange nichts mehr zu sehen. Dem Jungen bleibt gar nichts anderes übrig, als sich ins System der Schulrabauken einzufügen, die einen kleinen Verbrecherring aufgezogen haben.

Nachts ziehen sie los, um die Kunden eines Spirituosenladens zu überfallen. In langen ruhigen Einstellungen wird man zum Zeugen, wie sie einem Mann mit zwei prallen Tüten auflauern, ihn niederschlagen, noch wuchtig nachtreten, als er schon reglos daliegt. Die gehörlosen Underdogs verlassen ihre passive Haltung und wehren sich mit einer verzweifelten Wucht, die unweigerlich auch auf den Zuschauer zielt. Die üblichen Muster des juvenile delinquent-Films sind hier gehörig durcheinandergewirbelt, wobei sich auch das Verhältnis zum Zuschauer verändert. Auch Sergeys Haltung verrät, dass er sich dabei nicht wohlfühlt. Später in der Nacht werden zwei Mädchen aus dem Internat im Lieferwagen zum Truck-Stop gebracht und an die Lastwagenfahrer verhökert, daran verdienen auch die Lehrer. Außerdem durchstreifen die Jungs immer wieder Züge, um billige Spielsachen zu verkaufen und hier und da auch mal Wertsachen mitgehen zu lassen. Schule ist hier kein Schutzraum, sondern Brutstätte für Verbrechen aller Art, vom einfachen Diebstahl bis zum brutalen Raub, für Gewalt in den eigenen Reihen und gegen andere, für Prostitution und Vergewaltigung. Als der bisherige Zuhälter der Mädchen bei einem Unfall, wie er nur einem tauben Jungen zustoßen kann, ums Leben kommt, übernimmt Sergey den Job. Am Ende der Nacht stehen die Mädchen auch ihrem Fahrer und Zuhälter zu Diensten. Sergey will nicht einfach nur einen schnellen Routine-Blowjob, sondern ein liebevolles Geben und Nehmen. Darauf reagiert Anna so verstört und aggressiv, als hätte sie so etwas noch nie erlebt.

Die Bilder von den sehr freizügigen Sexszenen zwischen den beiden verströmen eine fremdartig entrückte, fast skulpturale Schönheit. Die daraus entstehende Liebe aber ist nicht nur ein Hoffnungsschimmer, sie entwickelt sich auch zu einem gefährlichen Störfaktor im System des Internats.

Inspiriert wurde Slaboshpytskiy zu diesem Film von den Erlebnissen seiner eigenen Jugend, aber auch von seinen Erfahrungen als Kriminalreporter, unter anderem über die Mafia der Gehörlosen. Obwohl es in der Ukraine eine ganze Reihe von Gehörlosen-Theaterprojekten gibt, hat er sich entschieden, mit Laiendarstellern zu arbeiten, die ihre ganz eigene Wahrhaftigkeit in den Film tragen. Nicht nur wegen einer herzzerreißend furchtbaren Abtreibungsszene auf einem Holzbrettchen über dem Küchenwaschbecken erinnert »The ­Tribe« an den harschen Realismus von Cristian Mungius »4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage«. Hier herrscht dieselbe fahle Hoffnungslosigkeit, die den Bildern den Atem nimmt, die jeden Funken Menschlichkeit und Menschenwürde erstickt wie unter der dicken rauen Wolle einer Militärdecke.

Es ist die ewige Frage der Menschheitsgeschichte: Warum nur tun sich die Menschen gegenseitig so viel Leid an? Aus vielen Gründen ist »The Tribe« ein kraftvoller Film, den man nicht so schnell wieder vergisst. Doch nichts bereitet einen auf den finalen Ausbruch von Gewalt vor.

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