Kritik zu Theatre of Violence

© Dogwoof

2023
Original-Titel: 
Theatre of Violence
Filmstart in Deutschland: 
14.09.2023
L: 
104 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Die bewegende Dokumentation thematisiert den Prozess gegen Dominic Ongwen, der sich als erster ehemaliger Kindersoldat vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verantworten musste

Bewertung: 4
Leserbewertung
0
Noch keine Bewertungen vorhanden

Mord, Folter, Vergewaltigung, Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Liste der Anschuldigungen gegen Dominic Ongwen ist lang. Mit neun Jahren wurde Ongwen in Uganda von der Terrororganisation Lord's Resistance Army (LRA) verschleppt und zum Soldaten ausgebildet, ehe er selbst zu einem der führenden Köpfe aufstieg. 28 Jahre und etliche Gräueltaten später stellte er sich US-Truppen in der Zentralafrikanischen Republik. Als erster ehemaliger Kindersoldat musste sich Ongwen schließlich vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag verantworten, wo er 2021 verurteilt wurde. Die Regisseure Emil Langballe und Lukasz Konopa dokumentieren den Prozess und stellen die Frage, inwiefern ein Mensch wie Ongwen, der als Kind selbst Opfer war und mit brutalen Mitteln zum Töten animiert wurde, schuldfähig ist. 

Wie aufwendig und langwierig das Verfahren war (acht Jahre, über zweitausend Zeugenaussagen), wird im Film nicht unbedingt deutlich. Er konzentriert sich auf einige wenige, aber wesentliche Anhörungen. Zu Ongwen selbst wird eher Distanz gehalten. Immer wieder ist er im Bild zu sehen, aber das allein verrät nicht viel über ihn. Seine Berichte über seine Erinnerungen an die Zeit in der LRA, insbesondere die Anfänge, sind meist aus dem Off zu hören. Andere Zeugenaussagen vermitteln einen jeweils nur knappen Eindruck der Geschehnisse, aber sie reichen, um das Grauen zu erahnen, das auf so vielen Ebenen stattgefunden hat. 

Im Mittelpunkt steht darüber hinaus Ongwens führender Anwalt Krispus Ayena. Dieser erklärt dem Gericht, wie Kinder in der LRA mittels spiritueller Gehirnwäsche zu Killern erzogen wurden. Die Auseinandersetzung mit dem Fall ist für Ayena eine sehr persönliche. Der Film begleitet ihn auf einer Reise, bei der er Opfer und ehemalige Mitglieder der LRA sowie Weggefährten von Ongwen trifft. Deren Ansichten gehen auseinander: Die einen fordern vehement die Bestrafung Ongwens und betonen seine Verbrechen, die anderen sehen ihn als Opfer und stellen heraus, dass die »wahren Verbrecher«, insbesondere der Hauptführer der LRA, Joseph Kony, weiterhin nicht gefasst wurden. Immer wieder werden auch Fernsehberichte über Uganda eingeblendet und so die größeren Hintergründe des Falls angedeutet: ein zwiegespaltenes Land voller Konflikte, die nicht zuletzt auf den Kolonialismus des Westens zurückzuführen sind. Wiederholte Aufnahmen von Flammen inmitten der Landschaft wirken wie eine mystisch aufgeladene Metapher, die ästhetisch ansehnlich ist, für die Thematik aber vielleicht nicht unbedingt notwendig gewesen wäre. So oder so bleibt das Gefühl, viel zu wenig über das Land und seine Hintergründe zu wissen. Damit erfüllt der Film das Ziel, das auch Krispus Ayena herausstellt: Die Menschen in der westlichen Welt auf die Problematiken in Uganda aufmerksam zu machen und dafür zu sensibilisieren, dass bei einem solchen, vom Westen vorangetriebenen Prozess immer auch die Hintergründe der afrikanischen Geschichte und Kultur zu berücksichtigen sind.

Meinung zum Thema

Ihre Meinung ist gefragt, Schreiben Sie uns

Mit dieser Frage versuchen wir sicherzustellen, dass kein Computer dieses Formular abschickt