Kritik zu Taking Woodstock

© Tobis

2009
Original-Titel: 
Taking Woodstock
Filmstart in Deutschland: 
03.09.2009
L: 
120 Min
FSK: 
6

Ang Lee versucht sich erneut an einem ganz neuen Genre. Nur darf man keinen Musikfilm erwarten, sondern eher eine Familienkomödie – darin hat sich Ang Lee in seinen frühen Filmen bestens geübt

Bewertung: 5
Leserbewertung
2.5
2.5 (Stimmen: 2)

Originalgetreu musste es sein, so wahr wie die Geschichte von Elliot Tiber (Demetri Martin) – das war Ang Lee sich und dem weltbewegenden Ereignis von Woodstock schuldig, das gerade seinen 40. Geburtstag feierte. Und wer war Elliot Tiber? Der schüchterne Designstudent war – ganz braver Sohn – gerade aus New York in die Provinz zurückgekehrt, um das hochverschuldete Hotel seiner Eltern vor den Klauen der Bank zu retten. »Get off the Nazistuff« – für das ewige Gejammer seiner russisch-jüdischen Einwanderereltern, die immer noch die Holocaustopfer herauskehren, statt die Ärmel hochzukrempeln, findet der Sohn deutliche Worte. Eigentlich waren die Catskill Mountains im Staate New York einst eine begehrte Urlaubsgegend, aber nun ist alles heruntergekommen, und das Ehepaar Teichberg, insbesondere Elliots Mutter Sonia (Imelda Staunton), vergrault mit ihrem Geiz und ihrem angriffslustigen und mürrischen Wesen sowieso alle Gäste.

Lila forever! Der Film eröffnet mit einem leinwandfüllenden Blumenfeld in der Farbe Lila und legt eine erste Fährte zum kunterbunten Völkchen, das bald die unberührte Stille der White Plains – so heißt das weitläufige Weideland eines Nachbarn – bevölkern wird. Elliots Weitsicht ist der Deal zu verdanken, dass ausgerechnet an dieser Stelle, ganz in der Nähe seines Familienhotels, das große Open-Air-Festival seinen Veranstaltungsort findet. Für 5.000 Besucher war es ursprünglich geplant, es kamen bekanntermaßen 500.000, die meisten davon, ohne ein Ticket zu kaufen: zuerst die Hippies, dann College- Kids, Highschool-Schüler und schließlich auch »Normalos« – eine bunte Mischung aus Langund Kurzhaarschnitt. Ganz so hatte es der Veranstalter Michael Lang (Jonathan Groff), der im nahe gelegenen Woodstock ein Musikstudio betrieb und sich ein gutes Geschäft versprach, wohl nicht gemeint, aber er verstand es, die Zeichen der Zeit zu lesen.

Taking Woodstock ist eine Art inszeniertes »Making of Woodstock« über Entstehung, Logistik und Finale eines Popfestivals, das viel mehr als nur »drei Tage des Friedens, der Liebe und der Musik« wurde, nämlich ein amerikanischer Mythos. Es ist aber auch die »Coming-of-Age-Story«, genauer das »Coming out« des Mitverantwortlichen Elliot Tiber, der nach dem ersten Zufallskuss bei einer Tanzerei sein Schwulsein entdeckt. Er vertraut dabei der zugelaufenen Vilma (Liev Schreiber), der muskelstarken Blondine im lila Sommerfummel, die bei den Marines das Schießen gelernt hat und ihr Pistolenhalfter fesch überm Knie trägt – sie wird sein Security-Mann und backt auch mal einen Gras-Brownie. Eine komische Paraderolle für den vielseitigen Schreiber, der hier zusammen mit Imelda Staunton als bärbeißiger Mutter mit Kittelschürze und aufgerollten Nylons die meisten Lacher auf seiner Seite hat. Die Teichbergs und ihre Familienkomödie bleiben die Referenzpunkte des Films. Da alles genauestens recherchiert wurde und der in Wirklichkeit 1935 geborene Autor und Comedy-Dozent Elliot Tiber auch noch selbst zurate gezogen wurde, dürfte sich vieles Fiktionale auch in der Wirklichkeit so abgespielt haben.

Grandios die lange Motorradfahrt Elliots mit einem Flower- Power-Polizisten durch das Gewühl, das bis zu den Schlammschlachten am nächsten Tag mit Hundertschaften von Statisten, darunter noch existierenden Hippiekommunen, nachgestellt wurde und mit Split- Screen-Einstellungen und körnigen Bildern oft genug der Woodstock-Dokumentation von Michael Wadleigh, die 1971 einen Oscar erhielt, zum Verwechseln ähnlich sieht. Die Festivalbühne bleibt für den Filmzuschauer nur ein fernes Leuchtfeuer, von dem Musikfetzen herüberschallen – das ist etwas enttäuschend, aber dafür bedient der Film die Devise »Dabeisein ist alles«, egal wo, egal wie, mit liebevoller Hingabe. »Beautiful« heißt das letzte Wort, und es liegt wie ein Vermächtnis über dem Schlachtfeld danach. Mike Lang ist da schon auf seinem Schimmel unterwegs zum nächsten Festivalevent, jenem berüchtigten Konzert der Rolling Stones bei Altamont, bei dem die als Security eingesetzten Hell’s Angels einen jungen Schwarzen niederstachen. Ang Lees Woodstock zeigt das friedlich wogende Meer einer großen Menschengemeinde in Toleranz und großer Harmonie – schieres Glück.

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