Kritik zu Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden

© Camino

2011
Original-Titel: 
Tabu – Es ist die Seele ein Fremdes auf Erden
Filmstart in Deutschland: 
31.05.2012
L: 
100 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Geschwisterliebe als Schicksalsmacht: Christoph Stark verfilmt den berüchtigten Teil von Georg Trakls Lebensgeschichte

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Als wäre es eine Geschichte aus den »Metamorphosen« des Ovid. So zumindest erzählen Christoph Stark und seine Drehbuchautorin Ursula Mauder von der Liebe zwischen Georg Trakl und seiner Schwester Grete. Historisch belegt ist das inzestuöse Verhältnis zwischen dem österreichischen Dichter und der Konzertpianistin nicht. Aber vieles deutet darauf hin, nicht zuletzt auch Trakls berühmtes Gedicht »Blutschuld«. Leitmotivisch erklingen immer wieder Zeilen aus ihm in Starks vom Rausch des Verbotenen erfüllten Biopic: »Noch bebend von verruchter Wollust Süße / Wir beten: Verzeih uns, Maria, in deiner Huld!«

Die historische Wirklichkeit, die sich sowieso nicht rekonstruieren lässt, wird zum Material für einen Mythos: Die Kinder des Eisenhändlers Tobias Trakl und seiner drogensüchtigen Frau Maria Catharina verwandeln sich hier in ein überlebensgroßes Liebespaar wider alle Konventionen. Auch wenn sich das alles im Wien der letzten Jahre vor Beginn des Ersten Weltkriegs zuträgt, bleibt für Freud und seine Psychoanalyse kein Platz. Nichts von dem, was zwischen Georg und Grete wächst und wuchert, wird auch nur ansatzweise psychologisch erklärt. Ihre Liebe ist wie einst bei Ovid ein ihnen von den Göttern auferlegtes Schicksal. Dem kann keiner entfliehen, weder die beiden noch die Menschen um sie herum. Sie müssen es geschehen lassen.

Leider hat Christoph Stark dem expressionistischen Drängen von Trakls todessehnsüchtiger, nach Verfall und Verwesung trunkener Lyrik kaum etwas entgegenzusetzen. Das so berauschende wie verstörende Pathos des Dichters findet zwar ein Echo in Ursula Mauders mythisch aufgeladenem Drehbuch, aber keins in Starks Bildern. Die Enge der k.u.k. Monarchie ist natürlich ein visuelles Leitmotiv des Films. Nur bleibt sie eine Behauptung. Bogumil Godfrejóws Kameraarbeit hat einfach einen zu starken Hang zum Pittoresken. Auf den Rausch der Gefühle und das besinnungslose Taumeln der Leidenschaften reagiert er mit Bildkompositionen von fast schon aseptischer Schönheit.

Das Unverhältnismäßige der Kunst wie der Geschwisterliebe gerinnt Stark und Godfrejów wieder und wieder zu reinem Kunstgewerbe. Dabei könnte Tabu durchaus im Trakl’schen Sinne Gebet und Traum, Schrei und Schluchzen sein, und ist es sogar auch, wenn Stark das Feld allein seinen beiden Hauptdarstellern Lars Eidinger und Peri Baumeister überlässt. Eidinger versucht erst gar nicht, sich visuell in den Dichter zu verwandeln. Er stürzt sich einfach mit ungebremstem Furor in dessen Geistes- und Gefühlswelt.

Trakls Zerrissenheit zwischen seinem verbotenen Begehren und seiner Sehnsucht nach Unabhängigkeit lässt Eidinger von einem Extrem ins andere taumeln. Die Aneignung der fremden Seele wird zum schauspielerischen Drahtseilakt, zur Zerreißprobe, deren Intensität wiederum Peri Baumeister zu immer eindrucksvolleren Extremen treibt. Ihre Grete ist das eigentliche Zentrum dieses Mythos von einer alles andere vernichtenden Liebe. Sie scheint innerlich regelrecht zu verglühen und setzt dabei eine ganze Welt in Brand.

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