Kritik zu Standard Operating Procedure

© Sony Pictures

2008
Original-Titel: 
Standard Operating Procedure
Filmstart in Deutschland: 
29.05.2008
L: 
118 Min
FSK: 
18

Errol Morris versucht, den Hintergründen der Fotografien misshandelter und entwürdigter irakischer Gefangener aus dem Bagdader Abu-Ghraib-Gefängnis auf die Spur zu kommen

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Die Fotos, die im April 2004 in die mediale Öffentlichkeit eintraten, haben sich ins kollektive Bildgedächtnis eingebrannt. Sie verwiesen einerseits auf eine grausame völkerrechtswidrige Praxis durch US-Militärs, andererseits waren viele von ihnen als »private«, quasipornografische Inszenierungen sadomasochistischer Tableaus gestaltet.

Errol Morris, einer der bekanntesten Dokumentarfilmer der USA, hat 2004 für sein Mc-Namara-Porträt »The Fog of War« den Dokumentarfilm- Oscar gewonnen. Seit seinem Debüt »Gates of Heaven« interessiert sich Morris besonders für die Fragen von Wahrheitsfindung und Erzählperspektive. Früh schon experimentiert er auch mit ungewöhnlichen Erzählformen.

In »Standard Operating Procedure« versammelt er fünf der insgesamt sieben für Abu Graibh angeklagten Militärpolizisten (plus eine Brigadegeneralin und einige Kommentatoren) zu Interviews in einem künstlich formalen Setting und befragt sie durch das von ihm selbst konstruierte »Interrotron«, eine Kamera, die so konstruiert ist, dass die Interviewten im Objektiv dem Interviewer ins Auge schauen und umgekehrt von der Leinwand direkt den Zuschauer anzublicken scheinen. So kommen sich beide Seiten ungemütlich nahe, auch wenn man der Wahrheit insgesamt wenig näherkommt.Denn so unbedarft und naiv die MPs nach eigenen Aussagen damals in Abu Ghraib landeten, so gut geschult dürften sie nach den diversen Gerichtsverfahren mittlerweile in Verhörsituationen sein. Historische Aufklärung darf man von den Beteiligten wohl am wenigsten erwarten. So stilisiert sich die damals 20-jährige Lynndie England, die mittlerweile deutlich gereift aussieht, zur liebesblinden Erfüllungsgehilfin ihres um 14 Jahre älteren Kollegen Charles Graner. Sabrina Harman, von der ein Großteil der Fotos stammt, schrieb damals nach Hause, sie wolle mit ihren Fotos die Missstände im Gefängnis dokumentieren. Doch woher dann ihr triumphierendes Lachen auf den Bildern?

Charles Graner ist die eine große Leerstelle, um die der Film kreist. In den Berichten spielt er eine zentrale Rolle, auf den Fotos kommt er nur ab und zu vor, doch viele der schamlosen Inszenierungen, heißt es, seien von ihm gestellt. Aber vielleicht wird er ja von seinen Kollegen ebenso als Sündenbock benutzt wie von den Verantwortlichen aus den oberen Rängen, von denen bisher keiner zur Verantwortung gezogen wurde?

Die andere filmische Leerstelle sind die Fotos selbst, die Morris immer wieder zu neuen Mustern sortiert. In den Verfahren gegen die Soldaten spielten die Digitalaufnahmen mit ihren exakten Daten eine große Rolle. Wer wann wo war, ließ sich so rekonstruieren. Doch wer sie gemacht hat und warum, können wir nicht sehen. Noch weniger den eventuellen Auftraggeber, der daneben stand. Und ist das, was nicht fotografiert wurde, deshalb nicht geschehen?

»Die Bilder zeigen nur den Bruchteil einer Sekunde«, sagt der Marine Javal Davis im Film, »das Davor und Danach sieht man nicht, und auch nichts außerhalb des Ausschnitts.« Er selbst zum Beispiel, als Gefängniswärter durchaus anwesend, ist auf keinem der Bilder zu sehen. Und auch nicht die CIA- und Geheimdienstbeamten, die im Gefängnis aus und ein gingen und die Anweisungen erteilten. Substanziell neue Informationen über Abu Ghraib sollte niemand von diesem Film erwarten. Deprimierendes Anschauungsmaterial darüber, was autoritäre Strukturen mit Menschen machen können, gibt es genug.

Richtig ärgerlich aber ist eine andere ästhetische Entscheidung im Umgang mit dem Material. Als wären Fotos und Aussagen nicht schon drastisch genug, setzt Morris immer wieder Szenen dazwischen, in denen Foltersituationen »effektvoll« nachgestellt werden. Da scheinen die Kampfhundelefzen direkt von der Leinwand zu geifern.

Lustvoll saugt sich die Kamera in Nahaufnahme an den Blutstropfen auf den geschundenen Körpern fest und demütigt die Wehrlosen so ein weiteres Mal. Durch solche Obszönität konterkariert der Film sein eigenes Anliegen. Erklären lässt sich das nur mit dem Wunsch der Produktion, über die Sensationsschiene etwas von den fünf Millionen Dollar Kosten hereinzuholen. In den USA ist der Film am 28. April in zwei Sälen gestartet.

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