Kritik zu Stan & Ollie

englisch © Sony Pictures Classics

2018
Original-Titel: 
Stan & Ollie
Filmstart in Deutschland: 
09.05.2019
L: 
98 Min
FSK: 
keine Beschränkung

Noch einmal mit Gefühl: Jon S. Bairds sanftes Biopic über die späten Jahre von Stan Laurel und Oliver Hardy ist vor allem großes Schauspielerkino

Bewertung: 4
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Die Geschichte beginnt ganz oben – an einem Punkt also, von dem es nur noch abwärts gehen kann. 1937, während des Drehs zu Dick und Doof im Wilden Westen, sind Stan Laurel und Oliver Hardy auf dem Höhepunkt ihrer Karriere: Weltstars, das vielleicht größte Komikerduo aller Zeiten. Ihren langen Fußweg zum Set inszeniert Regisseur Jon S. Baird (»Drecksau«) als spektakulären Triumph­marsch, vorbei an Kulissen und Kollegen in einer ungeschnittenen sechsminütigen Einstellung. Ganz so, als wolle der Film den Erfolg ein letztes Mal richtig auskosten – und nebenbei die Geschäftigkeit des guten alten Studiosystems feiern. Das Gespräch allerdings kreist bereits um Krisen und düstere Vorahnungen: Geldnöte, Scheidungen, Vertragsprobleme. Wenn dann nach einem Disput mit Studioboss Hal Roach (Danny Huston) die Kamera endlich läuft und Stan und Ollie vor einer Rückprojektion ihr Tänzchen machen, sind alle Scharmützel sofort vergessen. Wir sehen: zwei absolute Profis, die ihre Performance mit größter Selbstverständlichkeit abrufen.

Es folgt ein Schnitt ins Jahr 1953, vom sonnendurchfluteten L.A. ins verregnete Newcastle, wo Laurel (Steve Coogan) und Hardy (John C. Reilly) eine Tournee durch Großbritannien, Laurels Heimat starten. Spätestens da wird deutlich, dass dieses Biopic nicht die großen Lebenslinien skizzieren will. Vielmehr geht es um die letzte, letztlich vergebliche Anstrengung zweier in die Jahre gekommener Künstler, die ins Stocken geratene Karriere noch einmal in Gang zu bringen. Das Filmbusiness will nichts mehr von ihnen wissen, auf der Bühne ist inzwischen Norman Wisdom die größere Nummer und im Kino blödeln Abbott und Costello. Vielleicht, so der Grundgedanke, lässt sich der alte Zauber mit einer Theater-Show neu beleben.

»Stan & Ollie« ist auf mehreren Ebenen großes Schauspielerkino. Vom ersten Moment an begeistern Coogan und Reilly mit ihrer präzisen und hingebungsvollen Darstellung. Beide profitieren von maskenbildnerischen Meisterleistungen – Stans abstehende Ohren! Ollies Doppelkinn! – und beherrschen die physischen Ticks und Rituale der Vorbilder ganz perfekt. Noch wichtiger als die äußere Anverwandlung aber ist die Chemie der beiden. Mit großer Nonchalance entwerfen Coogan und Reilly die manchmal diffizile, manchmal heikle, immer aber zutiefst vertraute Beziehung von Laurel und Hardy, ein Verhältnis, das zwischen Kollegialität, Sachlichkeit und Freundschaft oszilliert – und nach all den Jahren auch mal an seine Grenzen gelangt.

Nicht nur deshalb ist die Atmosphäre des Films zutiefst melancholisch. Es geht ums Altern, um den Verlust von Relevanz und Prominenz, um die leise Verzweiflung, die den Schauspieler packt, wenn er nicht mehr schauspielern darf. Stan und Ollie müssen in drittklassigen Hotels absteigen, in zweitklassigen Theatern vor halbleeren Rängen auftreten und sich von einem mäßig motivierten Promoter (Rufus Jones) demütigen lassen. Erst als sie zustimmen, kräftig PR in eigener Sache zu machen, füllen sich die Zuschauerreihen allmählich, wird die Tour doch noch zum Erfolg. Und mit dem Auftritt der Ehefrauen (herrlich: Shirley Henderson und Nina Arianda) kommt dann auch ein witziger Screwball-Anteil hinzu.

Das Drehbuch von Jeff Pope und A.J. Marriot wirkt besonders überzeugend, wenn es die Grenzen zwischen Realität und Leinwand verschwimmen lässt. Dann lässt sich für Momente nicht mehr genau sagen, ob Stan und Ollie ihre eigenen Filmszenen im wahren Leben zitieren oder der Film plötzlich auf eine Metaebene wechselt. Hübsch ist es auf jeden Fall. Die Story als Ganzes hält einem Realitätscheck dagegen kaum stand. Die vorübergehende Trennung der beiden jedenfalls verlief in Wirklichkeit bedeutend weniger dramatisch, als es das Skript behauptet. Da folgt der Film eher der dramaturgischen Notwendigkeit als den ­historischen Tatsachen.

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