Kritik zu Staatsdiener

© Zorro

2014
Original-Titel: 
Staatsdiener
Filmstart in Deutschland: 
27.08.2015
L: 
80 Min
FSK: 
Ohne Angabe

Ein Job, den nicht jeder machen möchte: Marie Wilke wirft in ihrem Dokumentarfilm einen Blick hinter die Kulissen der Polizeiausbildung

Bewertung: 4
Leserbewertung
3.5
3.5 (Stimmen: 2)

Zwei betrunkene Alte geraten in Streit. Der eine ruft die Polizei, weil sein Kumpel die Wohnung nicht verlassen will. Trotz Pöbeleien und eines sich anbahnenden Handgemenges müssen zwei junge Beamte einen kühlen Kopf bewahren. Plötzlich ist ein Messer im Spiel: Die ruppige Szene ist gestellt, doch das wird erst im Nachhinein klar. Der Zuschauer wird mit dem Gesehenen ebenso konfrontiert wie Auszubildende an der Polizeischule, die in realistisch anmutenden Simulationen auf den Berufsalltag vorbereitet werden.

Darstellungen der Polizeiausbildung sind im Kino gang und gäbe. Im Bond-Film Sag niemals nie wird 007 zu Beginn von einer befreiten Geisel erstochen. Erst später wird klar, dass der Agent in einer Trainingssituation versagte und deshalb von seinen Vorgesetzten zur Kur geschickt wird. Im Gegensatz zu solchen fiktiven Darstellungen gibt es in dem Dokumentarfilm Staatsdiener, der Auszubildende an einer Fachhochschule der Polizei in Sachsen-Anhalt beobachtet, keinen doppelten Boden. Eigentlich sollte Marie Wilke einen Imagefilm drehen, doch Werbung für die Polizei wollte sie nicht machen. Der Kontakt blieb, und so entschloss Wilke sich, die Ausbildung angehender ­Gesetzeshüter zu dokumentieren.

Mit der Kamera begleitet sie zwei Protagonisten, eine junge Frau und einen Russlanddeutschen, die sich bei Schießübungen und im Nahkampf bewähren müssen. Im Theorieunterricht lernen die Nachwuchsbeamten etwas über die problematische Rolle der Polizei während der Nazidiktatur. Und während ihres Praktikums müssen die Polizeianwärter dann Neonazis eskortieren, die mit dem Megaphon Hetzparolen verbreiten. Bei ihren ersten Einsätzen schließlich rufen die frisch gebackenen Polizisten in einem sozialen Brennpunkt Betrunkene zur Räson, die ihre Frauen verprügeln oder nachts randalieren.

Man kennt solche Szenen aus Dokusoaps, die authentische Polizeibeamte zu filmischen Identifikationsfiguren verklären. Von solchen Unterhaltungsformaten unterscheiden sich Wilkes Beobachtungen deutlich. Sie hat bei Harun Farocki studiert, dessen Stil des direct cinema man in Staatsdiener wiedererkennt. Die Kamera, ein neutraler Beobachter, soll durch ihre Präsenz das Geschehen möglichst nicht beeinflussen. Ohne Offkommentare, Inserts, sonstige Erklärungen – und ohne Musikuntermalung – entsteht so eine zuweilen fast bedrückende Nähe zu den beiden Protagonisten. Wenn man in einer Szene eine große Blutlache auf den Boden sieht, dann fiebert man aber trotzdem nicht mit wie beim Reality-TV. Es geht nicht um den Affekt, sondern um nuancierte Beobachtung eines schwierigen Jobs, den nicht jeder machen möchte. Die Polizei kommt dabei relativ gut weg, doch ein Imagefilm ist Staatsdiener nicht. Man spürt deutlich, dass in permanenten Herausforderungen immer etwas aus dem Ruder laufen kann. Soll man einen übergriffigen Kollegen denunzieren? Dank seiner kühlen Unbeteiligtheit vermittelt der Film immer wieder das Gefühl, dass man nicht in der Haut dieser jungen Polizisten stecken möchte.

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