Kritik zu Sonnenallee

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Im offiziellen »Grenzgebiet« der DDR ist es wohl nie so lustig zugegangen, wie es der Regisseur Leander Haußmann und sein Autor Thomas Brussig, die beide in der DDR aufwuchsen, behaupten, doch der Schauplatz ist eher symbolisch als realistisch zu verstehen, als Nische im Schatten der Mauer – und deshalb eben doch eine akzeptable Prämisse. Auf der anderen, längeren Seite der Sonnenallee befindet sich eine Aussichtsplattform, von der die Wessis wie in einem Tierpark auf ihre fremden Brüder im Osten blicken und ihnen manchmal einen Mars-Riegel rüberwerfen. Leander Haußmann, der Theater-Regisseur, gibt so dem klassischen Bühnen-Mittel der Teichoskopie, der Mauerschau, einen neuen, herzhaft ironischen Sinn.

Nur selten nimmt die Kamera die Position der Zuschauer auf dem Hochstand ein; die meiste Zeit bleibt sie im »Gehege« und ignoriert, was anderswo vorgeht in der Hauptstadt des östlichen Deutschland: am Alex, in der Friedrichstraße oder am Prenzlauer Berg. Ein wenig erinnert der Schauplatz an den uralten literarischen Topos des »hortus conclusus«, und damit taugt er durchaus als Hintergrund für eine Geschichte über die DDR der siebziger Jahre.

»Sonnenallee« wirft einen Blick zurück, auf ein privates Leben, das schmerzhaft sein konnte, aber eben doch auch aufregend, spannend und bewegt: Was zählen Partei oder FDJ, wenn einer jung ist und verliebt wie Micha? Der Junge, um die 17 Jahre alt, ist eher ein Mitläufer; sein Unbehagen drückt sich allenfalls in den Schildern an den Wänden seines kleinen Zimmers aus; sie erinnern ihn daran, dass er in einem Land der Parolen lebt.

Micha lebt in einer Spießerfamilie; sie nörgeln über ihren Staat, glotzen ins Westfernsehen und spielen vor dem mutmaßlichen Stasi-Spitzel die engagierten DDR-Bürger. Die glaubwürdige, nie bloß denunziatorische Schilderung dieser Mischung aus aktivem Opportunismus und passivem Widerstand gehört zu den unauffälligen Vorzügen von »Sonnenallee«. Für Haußmann und Brussig führt diese Situation nicht zum Melodram, sondern zur Komödie, die unbekümmert auf die Methoden der Klamotte zurückgreift. Der Vorteil dieser Haltung ist die ironische Gelassenheit, mit der Regisseur und Autor von der DDR erzählen und sich einen Jux daraus machen.

Dieses Prinzip funktioniert deshalb so plausibel, weil Haußmann klug genug ist, seine Geschichte aus der Perspektive von Jugendlichen am Ende ihrer Pubertät zu erzählen. Micha und seine Freunde haben vor allem Mädchen im Sinn, sind aber noch zu ungeschickt, um sie erfolgreich anzumachen und folglich darauf angewiesen, dass die Girls die Sache in die Hand nehmen. Sabrina befreit Mario von seiner Unschuld – aber sie wird ein Kind bekommen; bis dahin bleibt den beiden nur eine kurze Zeit der Freiheit. Dann braucht der junge Vater einen Job und Sicherheit; zwangsläufig findet er seine einzige Chance bei der Staatssicherheit. Das ist einer der zahlreichen Momente, in denen der Film kurz und schmerzhaft Ernst macht: Micha schlägt heulend auf seinen Freund ein, weil er dessen Seitenwechsel nicht fassen kann. Dabei bedient sich Micha selbst der politischen Mechanismen, um sich mit einer Rede bei der FDJ der angebeteten Miriam zu nähern. Es bleibt nicht dabei. Nachträglich schreibt er für sie ein Tagebuch, um ihr wenigstens in Papierform sein Leben zu Füßen zu legen; der Zwang, seine Gedanken und noch mehr sein Wunschdenken zu formulieren, macht ihm seine Wirklichkeit bewusst. Diese Idee sagt dann eben doch mehr über die DDR – und auch über die Entstehung ihrer Literatur – aus, als Haußmanns Witzeleien an der Oberfläche.

Im Westen hatte das Protestpotenzial des Rock'n'Roll schon in den Sechzigern volle Wirksamkeit erreicht. Die DDR erreichte dieses Potenzial mit leichter Verzögerung: Auch davon erzählt »Sonnenallee« genau und authentisch. In der Aufregung nach einem Kurzschluss an der Mauer wird der junge Wuschel erschossen: ein Tod, der die Komödie aufheben würde. Haußmann lässt den »Toten« märchenhaft auferstehen, doch die Doppel-LP, die er an seinen Körper gedrückt hatte, ist kaputt. Der zerbrochene Traum des Jungen ist nicht weniger schmerzhaft als es sein inszenierter Kino-Tod gewesen wäre. Auf der Platte waren Songs der Rolling Stones, die am Ende die steinernen Verhältnisse an der Mauer ins Rollen bringen – ein Wunschbild, das sich erst 1989 erfüllt hat.

Mag »Sonnenallee« auf den ersten Blick noch so fatal den deutschen Lustspielen der letzten Jahre gleichen, mag Detlev Buck als Volkspolizist und Abschnittsbevollmächtigter eine Fehlbesetzung sein, da er als Schauspieler zu kaum einer Überraschung fähig ist – mögen auch die ganzen Kalauer über den Multifunktionstisch und die anderen Scheußlichkeiten der deutschen demokratischen Inneneinrichtung bis zur Kaffeedose mit der Asche des West-Onkels Heinz abgedroschen und verbraucht sein, mag das »Tumbleweed«, das durch die Sonnenallee treibt, als wäre Ostberlin ein Western-Kaff, nur zum albernen Gag taugen – Haußmann verwendet die Mittel der Klamotte mit List und Intelligenz. Aus der Sicht seines Films war eben die ganze DDR eine einzige, ebenso böse wie lächerliche deutsche Klamotte. Im Nachhinein hat der Gedanke etwas Verführerisches – nicht nur für die Generation, von der »Sonnenallee« erzählt.

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